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12. Juli 2005

Mobbing: Wenn Arbeit krank macht

Mobbing, sexuelle Belästigung und Stress am Arbeitsplatz machen krank. Die Frauenreferate der Vorarlberger Landesregierung, des Gewerkschaftsbundes und der Arbeiterkammer versuchen nun mit Informationsveranstaltungen und einer Plakataktion Bewusstsein für diese Problematik zu schaffen. Bei solchen Fällen geht es um mehr als nur ein schlechtes Betriebsklima oder den üblichen Büroklatsch. Es geht auch nicht um einen üblen Streich mit dem Ziel, einem Mitarbeiter oder einer Kollegin eins "auszuwischen". "Mobbing" heißt Machtausübung, Erniedrigung und systematische Ausgrenzung, die von einer oder mehreren Personen gegen einen anderen Menschen betrieben wird.

Die Auswirkungen auf das Leben und die Gesundheit der Gemobbten sind alarmierend: erhöhte Herzfrequenz, Blutdrucksteigerung, Panikattacken, Schlafstörungen, Magengeschwüre, Depressionen und schwere seelische Krisen. Den Betroffenen, vor allem in den fortgeschrittenen Stadien, bleibt meist kaum eine Chance, sich ohne fremde Hilfe aus diesem Teufelskreis zu befreien, wie der Fall der Waltraud M. (53) aus Dornbirn (Vorarlberg) zeigt: Die gelernte Diplom-Krankenschwester arbeitete sieben Jahre in einem Vorarlberger Pflegeheim. "Am Anfang habe ich das Mobbing gar nicht als solches erkannt", erzählt Waltraud M. "Es begann mit einem Wechsel in der Pflegedienstleitung. Die neue Leiterin fing auf eine sehr subtile Art an, mich und meine Arbeitsqualität zu kritisieren. Ich wurde in nichts mehr miteinbezogen, nicht informiert und auch verbale Angriffe gehörten zur Tagesordnung. Die Täterin arbeitete mit der Existenzangst der anderen Mitarbeiter und missbrauchte diese regelrecht zum Mitmachen." Dann kamen Selbstkritik, schließlich Depressionen und schwere Rückenbeschwerden.
Waltraud M.: "Beim Betreten des Pflegeheims bekam ich Magenkrämpfe und schließlich war ich so krank, dass ich überhaupt nicht mehr arbeiten konnte. Nach zweijährigem Mobbing hatte ich Suizidgedanken, musste psychologische Hilfe in Anspruch nehmen und bin jetzt in Pension, weil ich arbeitsunfähig bin."

Mobbing noch nicht gesetzlich geregelt

Für die von Mobbing-Stress Betroffenen und deren Ärzte ist es vor allem wichtig, dass frühzeitig der Zusammenhang zwischen Schikanen am Arbeitsplatz und den gesundheitlichen Beschwerden erkannt wird. Sonst behandelt der Arzt nur die Symptome, während die Ursachen weiterhin ihre schädliche Wirkung ausüben. Die Vorarlberger Psychologin und Ökonomin Mag. Brigitte King: "Abgesehen von den physischen und psychischen Schäden, die Mobbing bei den Opfern verursacht, sind die Folgen für ein Unternehmen fatal. Die Krankenstände nehmen zu, Arbeitszeit wird zweckentfremdet, es werden Fehler gemacht, die Produktqualität und somit der Marktwert eines Unternehmens sinken."

Noch ist das Problembewusstsein in den Betrieben gering. Obwohl bereits in 50 Prozent der Firmen Mobbingfälle aufgetreten sind, so eine ÖGB-Umfrage, fühlen sich 64 Prozent der BetriebsrätInnen im Umgang mit Mobbing "hilflos und unsicher". 89 Prozent möchten Schulungen. Die Ungewissheit führt, so ein weiteres Ergebnis, zu Handlungen, die gegen die Opfer gerichtet sind: Mobbing wird ignoriert (40 Prozent), Opfer kündigen (40 Prozent) oder werden vom Arbeitsplatz ferngehalten (32 Prozent).

Angriffe gegen die menschliche Würde

Sexuelle Belästigung ist die geschlechtsspezifische Variante des Mobbing und geht von verbalen Attacken bis hin zur Vergewaltigung. Mag. Christine Baur, Regionalanwältin für Gleichberechtigungsfragen für Salzburg, Tirol und Vorarlberg, kennt die Problematik: "Es geht vor allem darum, dieses Tabuthema zu enttabuisieren. Die Betroffenen schämen sich, und es muss viel Überzeugungsarbeit geleistet werden, bis die Opfer sich öffentlich gegen den Belästiger zur Wehr setzen. "Grenzen deutlich machen" und "das Schweigen brechen" sei jedenfall besser als, so Baur, "nichts zu tun".

  • Frau Lilith Lilith, 17.07.2013 um 15:30:

    „Mobbing auf dem Weg zum Rechtsbegriff – Anti-(Cyber)Mobbing-Gesetz- für Österreich
    Der Begriff Mobbing ist im Zusammenhang mit der Arbeitswelt seit den achtziger Jahren durch die Literatur von Herrn Dr. Leymann bekannt geworden. Mobbing beschreibt einen prozesshaften Verlauf in welcher Vorgesetzte oder/und Kollegen durch seelische Gewaltakte (zB. verbale und nonverbale subtile doppeldeutige Kommunikationsformen, entmündigende, kontrollierende Kommunikation und Handlungen etc.) Mitmenschen in ihrer Integrität destabilisieren, mit dem Ziel diese aus der Arbeitsgemeinschaft zu drängen.
    Der gemobbte Mensch trägt weitgehend die verheerenden Konsequenzen wie Langzeitkrankenstand, Armutsgefährdung, Arbeitslosigkeit, Berufsunfähigkeit, manchmal Suicid. Die Gesellschaft trägt einen großen Teil der Kosten. Für Österreich gibt es keine genauen Zahlen. In Vorarlberg wurden folgende Folgekostenabschätzung in Erwägung gezogen: pro Mobbingfall mindestens 175 000 – 200 000 €. Für Vorarlberg gesamt belaufen sich die Kosten mindestens 616 -680 Millionen (1). Die Mobber haben kaum Konsequenzen zu erwarten und können weiter mobben. In den meisten Fällen scheidet der gemobbte Mensch durch Krankheit, Kündigung etc. aus.
    Um den persönlich erlittenen Schaden und um den ungeheuren wirtschaftlichen Verlust zu sanktionieren bedarf es eines neuen spezifischen Tatbestandes mit Schadensersatzsprüchen Mobbing-Tatbestandes in Form eines Anti-(Cyber)Mobbing-Gesetzes.
    Derzeit ist die rechtliche Beurteilung massiv erschwert, da bei ein und demselben Mobbinggeschehen zivil-, arbeits- und strafrechtliche Tatbestände rechtsübergreifend geprüft werden müssen. Dazu kommt noch, daß das österreichische Rechtssystem nur einzelne Vorfälle, nicht jedoch einen längerdauernden Verlauf im Rahmen eines einschüchternden, feindseligen oder demütigenden Arbeitsumwelt von den täglichen kleinen Gemeinheiten bis zum Rechtsbrüche durch Über- und Fehlgriffe der Entscheidungsträger sprich Vorgesetzten. Die Berufung auf viel zitierte Fürsorgepflicht wird von mobbinginvolvierten Fachkundigen eher belächelt und achselzuckend zur Kenntnis genommen.
    2006 (2), 2007 (3) wurden parlamentarische Anfragen zum Thema Mobbing eingereicht und abgelehnt mit dem Hinweis die gegenwärtige Rechtslage sei ausreichend.
    2008 (4) BM Hundstorfer hält seit 2008 eine „Verankerung von Mobbing im Strafgesetzbuch für notwendig“
    2009 (5) wurde von Herrn Walter Plutsch der Antrag seiner Bürgerinitiative zur Erreichung eines "Anti-Mobbing-Gesetzes“ eingereicht und ebenfalls abgelehnt.
    Zwischenzeitlich wurde 2009 (6) eine Dienstrechts-Novelle mit einem Mobbing-Verbot im öffentlichen Dienst und 2011 (7) wurden Schutzmaßnahmen für "Whistleblower" im Beamtendienstrecht verankert.
    2011 (8) AK Salzburg Dr. Gabriele Wonnebauer fordert ein Anti-Mobbing-Gesetz, die AK Salzburg fordert seit ca. 10 Jahren ein Anti-Mobbing-Gesetz
    2011 (9) AK Steiermark und ÖGB fordern ein Anti-Mobbing-Gesetz
    2011 (10) AK Kärnten Herr Goach „Anti-Mobbing-Gesetz längst überfällig“
    2013 (11) erfolgte ein neuerlicher Anlauf in Form einer Petition „Österreich braucht ein Anti-(Cyber)Mobbing-Gesetz“ eingebracht. Befürworter eines Anti-(Cyber)Mobbing-Gesetz für Österreich können dieser Petition online zustimmen:
    http://www.parlament.gv.at/PAKT/BB/index.shtml?jsMode=&xdocumentUri=&NRBR=NR&BBET=PET&ZUSTIMM=ZU&SUCH=&listeId=104&LISTE=Anzeigen&FBEZ=FP_004

    (1) http://www.pakte.at/attach/Mobbing-Bericht_Vbg_nov03.pdf
    (2) http://www.parlament.gv.at/PAKT/VHG/XXII/J/J_04323/index.shtml
    (3) http://www.parlament.gv.at/PAKT/VHG/XXIII/J/J_01915/index.shtml
    (4) http://www.oe24.at/oesterrei... eit/257519
    (5) http://www.parlament.gv.at/PAKT/VHG/XXIV/BI/BI_00009/index.shtml
    (6) http://www.parlament.gv.at/PAKT/PR/JAHR_2009/PK1070/index.shtml
    (7) http://www.parlament.gv.at/PAKT/VHG/XXIV/I/I_01610/index.shtml
    (8) http://www.diesalzburgerin.at/bilder/pd... 5_2010.pdf, http://wirtschaftsblatt.at/archiv/1207167/index
    (9) http://steiermark.orf.at/news/stories/2508267/
    (10) http://www.mein-klagenfurt.at/aktuelle-pressemeldungen/pressemeldungen-dezember-2011/goach-anti-mobbing-gesetz-ueberfaellig/
    (11) http://www.parlament.gv.at/PAKT/BB/index.shtml?jsMode=&xdocumentUri=&NRBR=NR&BBET=PET&ZUSTIMM=ZU&SUCH=&listeId=104&LISTE=Anzeigen&FBEZ=FP_004“

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