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4. Juli 2005

Psychosomatische Störungen nehmen zu

Patienten mit psychosomatischen Störungen stellen einen hohen Anteil der Klientel in Hausarztpraxen: Die Prävalenz liegt zwischen 20 und 40 Prozent, bei dominierendem Frauenanteil. Dabei bereiten die anhaltenden und organisch nicht begründbaren Beschwerden besonders aufgrund häufiger Symptomwechsel zumeist erhebliche diagnostische und therapeutische Schwierigkeiten. Die Zunahme psychosomatischer Störungen könnte ihre Ursache auch in dem grassierenden Jugend- und Schönheitswahn haben.

Für die Psychosomatikerin Prof. Dr. Martina de Zwaan, Erlangen, sind psychosomatische Störungen gut handhabbar – vorausgesetzt, es wird in der Differenzialdiagnostik ein Drei-Schritte-Schema beachtet. So muss zunächst eine Abgrenzung gegenüber primär körperlichen Erkrankungen, auch gegenüber solchen mit psychosomatischen Anteilen, erfolgen. In einem zweiten Schritt ist der Ausschluss anderer psychischer Erkrankungen, etwa von Depressionen, Angststörungen, Psychosen, aber auch von vorgetäuschten Störungen, gefordert. Und schließlich muss die somatoforme Störung weiter danach differenziert werden, ob zum Beispiel eine Somatisierungsstörung, eine Hypochon­drie, eine somatoforme Schmerzstörung oder aber eine körperdysmorphe Störung vorliegt.

Gratwanderung für den Arzt

Mit weiteren diagnostischen Maßnahmen ist, sobald ernste organische Veränderungen ausgeschlossen sind, sehr vorsichtig umzugehenntscheidend ist nun, wie die Diagnose vermittelt wird. Der Arzt ist hier zu einer Gratwanderung verpflichtet. Keinesfalls darf, wie de Zwaan betont, dem Patienten kommuniziert werden, ihm fehle nichts. Auf der anderen Seite erweisen sich aber auch ein zu frühes Drängen auf ein psychosomatisches Krankheitsverständnis oder die unvorbereitete Überweisung an einen Fachpsychotherapeuten als kontraproduktiv. Allerdings sollte der Arzt den Patienten frühzeitig einbeziehen, etwa indem er fragt, wie die Beschwerden sich in ihrer Kausalität aus Patientensicht darstellen. Weiterhin können symptomatische Veränderungen mit einem Beschwerdetagebuch erfasst werden, und auch Symptom verstärkende beziehungsweise mindernde Bedingungen sind sorgfältig zu eruieren. Doch selbst wenn bei der Therapie somatoformer Störungen lege artis vorgegangen wird, sollte die Erfolgslatte nicht zu hoch gelegt werden. Denn eine ausgesprochen gute Prognose hat mit 70 bis 80 Prozent Besserungswahrscheinlichkeit nur die zu den Phobien zu rechnende Hypochondrie. Für die anderen Störungsbilder ist das Chronifizierungsrisiko deutlich höher.

Medikamente für Gesunde: untauglich und gefährlich

Bei einem Subtyp der somatoformen Störung, nämlich der körperdysmorphen Störung, kommen nach Auffassung des Dermatologen Priv.-Doz. Dr. Wolfgang Harth, Berlin, mehr und mehr völlig untaugliche Mittel zum Einsatz. Die Rede ist von all den „Medikamenten für Gesunde“, die im Trend der Lifestyle-Medikation immer weitere Verbreitung finden. Die Palette der hierbei zum Einsatz gelangenden Agenzien reicht mittlerweile vom fast schon klassischen Sildenafil über SSRIs bis hin zum Botulinumtoxin und den verschiedensten bunten Hormon-Cocktails aus der Anti-Aging-Apotheke.Harth warnte vor den Gefahren, die für viele lediglich vermeintlich Gesunde von diesen Substanzen ausgehen können. Hinter dem Wunsch nach einem ewig jugendlich perfekten Erscheinungsbild (Dorian-Gray-Syndrom) und dem Streben nach Topleistung in Permanenz sieht der Dermatologe nicht selten depressive Veränderungen und Angststörungen, aber auch Zwangserkrankungen als die wahren Triebfedern lauern. Als symptomatisch dafür darf etwa das so genannte Sisi-Syndrom gelten, bei dem sich Schönheitskult, exzessive Fitnessorientierung und Anorexieneigung unheilvoll verbünden.

Narzisstische Kränkungen

In der erweiterten Anamnese zeigen sich hier oftmals Soziophobien als Resultate narzisstischer Kränkungen. Die allerdings, so gibt sich Harth überzeugt, können im ärztlichen Gespräch relativ rasch und offen thematisiert werden. Um einer Chronifizierung des beobachteten biopsychosozialen Störungsbildes entgegenzuwirken, sollte dabei die Indikation einer Psychotherapie eingehend geprüft werden. Erschöpfungsgefühle und chronische Müdigkeit treten als unspezifische Symptome verschiedenster Erkrankungen auf. Wie die Psychiaterin Dr. Knegenja Richter aus Nürnberg betonte, kommen dabei neben Systemerkrankungen, Stoffwechselanomalien und bösartigen Neubildungen aus nervenärztlicher Sicht eine Vielzahl von Differenzialdiagnosen infrage. Aber auch depressive Erkrankungen sollten als Verursacher in Betracht gezogen werden, wobei besonderes Augenmerk auf larvierte Depressionen zu richten ist. Einer rechtzeitigen Behandlung solcher Insomniefälle kommt hohe Bedeutung zu, da diese häufig als erste Vorläufersymptome einer später auftretenden Depression zu werten sind. Denn Depressivität und Tagesmüdigkeit sind beides Folgen von Serotonin- und Noradrenalinmangel.

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