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4. Juli 2005

Das Kind, das nicht spricht

Dreijährige, die höchstens zehn bis 15 einzelne Wörter, meistens hochgradig ­gestammelt, aussprechen, sind keine Seltenheit. „Die Eltern berichten, dass sie mit ein bis eineinhalb Jahren die ersten Worte sprachen, danach jedoch nur noch wenige Wörter dazulernten, obwohl sie über ein gutes Sprachverständnis verfügen“, erklärt Dr. Ildiko Triltsch-Ciurea, Josefinum Krankenhaus Augsburg.

Die Hörprüfungen beim HNO-Arzt ergeben ein normales Hörvermögen. Die Kinder verständigen sich hauptsächlich durch Gebärden, manche entwickeln sogar eine sehr phantasievolle Gebärdensprache, die aber nur von der Mutter oder den engsten Verwandten verstanden wird. Bei einer solchen Anamnese der Sprachentwicklung kann man davon ausgehen, dass es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um eine umschriebene Entwicklungsstörung des Sprechens und der Sprache handelt, und zwar um eine expressive Sprachstörung (ICD 10–F 80.1). Für diese Diagnose ist die Diskrepanz zwischen gutem Sprachverständnis und normaler Intelligenz einerseits und fast fehlender aktiver Sprache andererseits ausschlaggebend. In der angloamerikanischen Literatur ist diese Sprachstörung als expressive Form einer Entwicklungsdysphasie bekannt. Zur Sicherung der Verdachtsdiagnose ist eine genaue Erhebung der Anamnese erforderlich. Darin sollte vor allem geklärt werden, wie weit auch bei den Eltern und Geschwistern der Eltern Sprachstörungen und/oder Lese-Rechtschreibschwächen bestanden beziehungsweise bestehen.

Sprachfreier Intelligenztest und Entwicklungsdiagnostik

Zur Diagnosebestätigung gehört ein sprachfreier Intelligenztest beziehungsweise ausführliche Entwicklungsdiagnostik sowie eine ausführliche neurologische Untersuchung. Bildgebende Verfahren sind für die Diagnostik entbehrlich. Umstritten ist die Notwendigkeit einer EEG-Untersuchung. Epilepsietypische Veränderungen sind keine Indikation zu einer antiepileptischen Behandlung, da sie sich als nicht wirksam erwiesen hat. Das in diesem Zusammenhang gern erwähnte Landau-Kleffner-Syndrom unterscheidet sich für den Erfahrenen eindeutig durch eine meist abrupt eintretende Aphasie nach mehr oder weniger regelrechtem Spracherwerb. Eine Reihe von Untersuchungen weist auf eine multigenetische Ursache hin. Pathophysiologisch vermutet man, dass sich bei den dysphatischen Kindern, im Gegensatz zu gesunden, eine mangelhafte dominante asymmetrische linke Hemisphäre, vor allem im Bereich der Temporalregion, ausbildet. Einige Kinder, die im Alter von drei Jahren noch nicht sprechen, holen relativ schnell ihr Sprachdefizit auf. Diese Entwicklung wird als Normvariante der Sprachentwicklung abgegrenzt. Kinder mit einer expressiven Form der Sprach­entwicklungsstörung zeigen einen ganz anderen Aufbau der Sprache als normale Kinder. Kleinere Kinder weisen einen verspäteten Sprachbeginn auf, einen mühsamen und langsamen Aufbau des Wortschatzes und eine gestörte Phonologie mit häufigen Stammelfehlern. Im Alter von vier bis fünf Jahren sprechen dysphatische Kinder wenig, in kurzen und sehr häufig dysgrammatikalischen Sätzen. Sowohl die emotionale wie auch die soziale Entwicklung eines Kindes können von dieser Art der Sprachstörung negativ beeinflusst werden. Durch die beeinträchtigte Kommunikationsfähigkeit läuft das dysphatische Kind Gefahr, Verhaltensstörungen zu entwickeln. Diese können von aggressiven Wutausbrüchen bis zu Gehemmtheit und Zurückgezogenheit reichen. Letztere können so ausgeprägt sein, dass die Kinder autistisch wirken. Im Gegensatz zum echten frühkindlichen Autismus verschwindet die autistische Symptomatik mit der Verbesserung der Sprachfähigkeit des Kindes. Entwicklungsdysphasie führt häufig zu einer symbiotischen Mutter-Kind-Beziehung. Zu Unrecht werden solche Mütter beschuldigt, ihr Kind nicht loslassen zu können. Dabei sind es die Kinder, die sich an ihre Mütter klammern, da sie die einzigen Personen sind, die ihre Gebärdensprache verstehen.

Studie mit entwicklungs­dysphatischen Kindern

Um den Verlauf dieser Sprachentwicklungsstörung besser beurteilen zu können, wurde am Krankenhaus Josefinum im Zeitraum 1990 bis 2000 bei 16 Kindern (14 Jungen und zwei Mädchen), die offensichtlich an Entwicklungsdysphasien litten, über mehrere Jahre die Sprachentwicklung und die kognitiven Fähigkeiten beobachtet. Eine Risikoanamnese wurde in drei Fällen beobachtet (zweimal pränatale Dystrophie, einmal perinatale Asphyxie). Bei elf Kindern fand sich eine genetische Belastung hinsichtlich familiärer Sprachstörung oder Legasthenie. Alle 16 Kinder zeigten durchschnittliche IQ-Werte im sprachfreien SON-R-Test und altersgemäßes Sprachverständnis im MFED. Alle Kinder verfügten über ein normales Hörvermögen. Bei 15 Kindern war eine sehr enge Mutter-Kind-Beziehung vorhanden, starkes Fremdeln, starke Trennungsängste und Sich-nicht-lösen-Können von der Mutter. Alle Kinder zeigten ein auffälliges Verhalten, insbesondere in der Phase der fast fehlenden aktiven Sprache, elf waren zurückgezogen, kontaktscheu, ängstlich, fünf Kinder reagierten mit Wutausbrüchen, wenn sie nicht verstanden wurden. 13 Kinder waren neurologisch unauffällig, bei drei Kindern waren umschriebene Entwicklungsrückstände im motorischen Bereich im Sinne einer Dyspraxie festzustellen, zwei zeigten eine minimale Zerebralparese, ein Kind eine allgemeine motorische Retardierung. 13 Kinder hatten ein normales EEG, drei Kinder wiesen Spike-wave-Komplexe im Sinne von Rolando-Foci auf.

Verbesserungen in der Sprachentwicklung

„Alle Kinder waren ab dem vierten Lebensjahr in logopädischer Behandlung. Als Ergebnis dieser Nachuntersuchungen stellten wir bei 14 Kindern eine Verbesserung des Wortschatzes mit vier bis viereinhalb Jahren und bei zwei Kindern zwischen dem fünften und sechsten Lebensjahr (ausländische Kinder, die zweisprachig aufwuchsen) fest. In diesem Alter machten zwar alle Kinder einen großen Sprung, was die Sprachentwicklung angeht, sie verwendeten jedoch häufig Stammelfehler und stark dysgrammatikalische Konstruktionen. Die IQ-Werte, die wir im Alter von fünf bis sieben Jahren nachprüften, waren bei 13 Kindern durchschnittlich, drei Kinder zeigten IQ-Werte im Lernbehindertenbereich“, so Dr. Triltsch-Ciurea. Eine Besserung der Aussprache und des Dysgrammatismus konnte bei 15 Kindern zwischen dem sechsten und siebenten Lebensjahr beobachtet werden. Nur ein Kind, das zweisprachig aufgewachsen war, wies mit acht Jahren noch eine universelle Dyslalie und einen starken Dysgrammatismus auf. Bei der Einschulung zeigten zwar alle, bis auf ein Kind, eine unauffällige aktive Sprache, genauere Tests ergaben jedoch bei zehn Kindern Auffälligkeiten im Sprachverständnisbereich. Ihr Sprachverständnis für grammatikalisch-komplexe Äußerungen war nicht altersgemäß. Ihr akustisches Gedächtnis, unsinnige Laute oder Sätze nachzusprechen, war weit unterdurchschnittlich. Sieben Kinder zeigten eine eindeutige Lese-Rechtschreibstörung, ein Kind eine Rechtschreibstörung. „Unsere Verlaufsbeobachtung wird von anderen Studien bestätigt“, resümiert Triltsch-Ciurea. Kinder mit expressiver Form der Entwicklungsdysphasie weisen grundsätzlich in den meisten Fällen einen günstigen Verlauf auf und holen ihr Defizit bis zum achten Lebensjahr auf. Allerdings zeigen mehr als die Hälfte trotz Frühförderung und logopädischer Behandlung später noch Störungen im Bereich der akustischen Wahrnehmung und des Sprachverständnisses und die Hälfte eine Lese-Rechtschreibstörung. Die Prognose zur kognitiven Entwicklung der Kinder muss zurückhaltend getroffen werden.

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