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13. Juli 2005

Bechterew raubt die besten Jahre

Rheumatologen fordern mehr Aufmerksamkeit für Frühdiagnose-Kriterien. Ein Morbus Bechterew wird häufig noch immer zu spät diagnostiziert! Die Erkrankung beginnt oft mit monatelangen dumpfen Kreuzschmerzen. Häufig endet sie mit der Invalidität des Patienten. Beschränkte sich die Therapie bisher vor allem auf NSAR und Physiotherapie, kann den Patienten nun eine weitere medikamentöse Option angeboten werden: Ein TNF-alpha-Hemmer ist in Europa jetzt auch für diese Indikation zugelassen worden.

Beim M. Bechterew (Spondylitis ankylosans, SA) handelt sich um eine chronisch entzündliche Systemerkrankung, bei der neben destruierenden auch proliferative Veränderungen an den Iliosakralgelenken und an der Wirbelsäule ablaufen. Im schlimmsten Fall kommt es zu einer vollständigen Ankylose.
Häufig ist eine Kombination mit Arthritiden stammnaher und peripherer Gelenke, auch viszerale Symptome können jederzeit auftreten (Iritis, Myokardschäden, pulmonale Veränderungen). Die Patienten leiden unter Schmerzen und Bewegungseinschränkungen bis hin zu Versteifungen im Bereich der Kreuz-Darmbeingelenke und der Wirbelsäule.
Entgegen einem weit verbreiteten Vorurteil ist der M. Bechterew keineswegs eine Erkrankung des höheren Alters. "Die ersten Symptome treten am häufigsten zwischen dem 20. und dem 35. Lebensjahr auf, das durchschnittliche Erkrankungsalter liegt bei 26 Jahren", appelliert Prof. Dr. Hans Bröll, Vorstand der Abteilung für Rheumatologie und Osteologie am Kaiser Franz Josef Spital in Wien, an eine erhöhte Sensibilität für Krankheitsanzeichen bei jungen Patienten.
Der M. Bechterew zählt zu den Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises. Dazu gehören mehr als 400 Erkrankungen mit höchst unterschiedlichen Beschwerden, an denen in Österreich insgesamt rund zwei Millionen Menschen leiden.
Diesen Erkrankten stehen heute nur rund 170 speziell ausgebildete Fachärzte für Rheumatologie gegenüber. "Die Situation führt dazu, dass viele Patienten mit einer rheumatischen Erkrankung nicht oder nur ungenügend behandelt werden", so Doz. Dr. Attila Dunky, Vorstand der 5. medizinischen Abteilung mit Rheumatologie im Wiener Wilhelminenspital und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Rheumatologie.

Rechtzeitig die Weichen stellen

Und dies, obwohl inzwischen nicht nur ein Netzwerk von Organisationen sowohl die Forschung als auch die Patientenbetreuung in diesem Bereich intensiv vorantreibt.
Bröll: "Eine frühe Diagnose und eine individuelle Therapie sind ganz besonders wichtig, um für die oft noch jungen Menschen mit einer langen Lebenserwartung rechtzeitig die Weichen zu stellen."
Doch gerade die Frühdiagnose ist nicht immer gewährleistet. Oft vergehen Jahre oder Jahrzehnte, bis ein M. Bechterew endlich als solcher erkannt wird. "Bereits mit 25 Jahren hatte ich die ersten Schmerzsymptome. Aber erst 15 Jahre später wurde die Erkrankung korrekt diagnostiziert", schildert
Peter Meglic, Präsident der Österreichischen Vereinigung Morbus Bechterew, sein für viele Bechterew-Patienten typisches Schicksal.
Die rechtzeitige Erkennung der Frühsymptome ist daher umso wichtiger (siehe Kasten).
Enorme Fortschritte in der Entwicklung immer neuerer, zielgerichteter Therapien würden, so Dunky, es Rheumatologen heute auch erlauben, viele der unterschiedlichen rheumatischen Erkrankungen immer besser zu behandeln.
Dunky: "Ich verweise hier etwa auf die nichtsteroidalen Antirheumatika, die modernen COX-2-Hemmer oder auf die Basismedikamente - lang wirksame Antirheumatika oder Disease Modifying Anti-Rheumatic Drugs genannt -, über die der autoimmunentzündliche Prozess abgemildert werden kann."
Beim M. Bechterew steht leider nur eine eingeschränkte Palette an Medikamenten zur Verfügung. Denn die Basistherapeutika oder die ebenfalls bei rheumatoider Arthritis bewährten Glukokortikoide wirken bei Patienten mit Morbus Bechterew nicht oder zumindest schlechter. Und 20 bis 50 Prozent der Patienten sprechen nicht oder nur unbefriedigend auf NSAR an.
Die einzige versprechende Behandlung war Physiotherapie nach dem Motto "Bewegung, Bewegung und noch einmal Bewegung."

Innovative Therapie mit monoklonalem Antikörper

"Alles in allem müssen die derzeit etablierten Behandlungsmaßnahmen beim Morbus Bechterew als unbefriedigend bezeichnet werden", so Bröll. "Es besteht ein dringender Bedarf an neuen, wirksameren und verträglicheren Therapieoptionen."
Und die gibt es nun in Form eines monoklonalen Antikörpers. Prof. Dr. Josef Smolen, Leiter der klinischen Abteilung für Rheumatologie, AKH Wien: "In den vergangenen Jahren sind TNF-alpha-Blocker in der Therapie der rheumatoiden Arthritis und anderer entzündlicher Krankheiten bereits mit großem Erfolg eingesetzt worden. TNF spielt eine zentrale Rolle im Entzündungsgeschehen, indem er entzündungsfördernde und gewebszerstörende Mechanismen aktiviert."
1995 haben Forscher erstmals festgestellt, dass auch bei Patienten mit M. Bechterew TNF-alpha eine wichtige Rolle im Krankheitsgeschehen spielt. Die Erkenntnis, dass TNF-alpha auch beim M. Bechterew in erhöhten Mengen nachweisbar war, legte nahe, dass auch bei dieser Krankheit ein monoklonaler Antikörper wie Infliximab wirksam sein könnte.
Smolen: "Von dieser Therapie ist eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität der vielen, meist jungen Patienten mit Morbus Bechterew zu erwarten."

Dr. Hannelore Nöbauer, Ärzte Woche 28/2003

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