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11. November 2005

Wenn der ganze Körper schmerzt

Die Fibromyalgie ist eine nicht-entzündliche, weichteilrheumatische Erkrankung, an der etwa ein Prozent der Bevölkerung leidet, Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Klinisch geht die Krankheit mit generalisierten Schmerzen, Müdigkeit, Depressionen, Schlafstörungen und anderen Symptomen einher. Charakteristisch sind druckschmerzhafte Punkte an den Sehnenansätzen.

Die Pathogenese der Erkrankung ist seit ihrer Erstbeschreibung 1904 noch immer nicht geklärt. Der typischerweise unauffällige Laborbefund legte lange Zeit nahe, dass es sich beim Fibromyalgiesyndrom um eine psychische Störung handelt.
Viele der Patienten leiden zusätzlich unter Depressionen, Suchtproblemen, Angst oder Essstörungen. Auch haben Patienten mit Fibromyalgie in der Vorgeschichte chronische Schmerzen des Bewegungsapparates, zum Beispiel durch einen Bandscheibenvorfall oder ein Schleudertrauma. Wenn der Schmerz nicht mehr nur lokal an den ursprünglich schmerzhaften Stellen, sondern am ganzen Körper verspürt wird, hilft auch die Beseitigung der ursprünglichen Ursache des Schmerzes nicht mehr, um eine Besserung zu erreichen. Dies kann auch bei Patienten mit entzündlich rheumatischen Erkrankungen, wie beispielsweise mit einer rheumatoiden Arthritis passieren, man nennt dies dann sekundäre Fibromyalgie.
Es ist bekannt, dass es bei Patienten mit Fibromyalgie zu Änderungen der Schmerzempfindung im Gehirn kommt. Manche Botenstoffe des Gehirns, wie beispielweise Serotonin und Tryptophan werden „herunterreguliert“, während andere, wie die Substanz P, eine Schmerztransmittersubstanz, vermehrt gefunden werden. Bei der Fibromyalgie sind die schmerzhaften Stellen des Bewegungssystems selber nicht verändert oder gar entzündet, sondern erst die veränderte Schmerzempfindung im Gehirn führt dazu, dass der Schmerz des Bewegungssystems empfunden wird. Trotzdem handelt es sich aber um echte und nicht etwa eingebildete Schmerzen.

Schmerzen der Sehnenansätze

Im Vordergrund der Symptomatik bei der Fibromyalgie stehen die starken Schmerzen der Muskulatur und der Sehnenansätze. Dabei sind nicht nur die Extremitäten, sondern auch der Rumpf betroffen. Die Patienten haben oft das Gefühl, die schmerzhaften Weichteile seien diffus geschwollen und kleine Verdichtungen des Unterhautfettgewebes werden als schmerzhafte Knötchen empfunden.
Darüber hinaus leiden die Patienten unter Allgemeinsymptomen wie Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Schlafstörungen und Depressionen. Auch Missempfindungen, Restless-Legs-Syndrom, Reizdarm oder -blase sind Symptome, unter denen an Fibromyalgie Erkrankte leiden. Da die Fibromyalgie immer noch vielen Ärzten unbekannt ist, haben die Patienten bis zur Diagnosestellung oft eine Vielzahl von Ärzten besucht und viele verschiedene, teilweise überflüssige diagnostische Maßnahmen hinter sich.

Fibromyalgie-Druckpunkte

Die Diagnose wird durch die typische Krankengeschichte und die körperliche Untersuchung gestellt. Hierbei finden sich die charakteristischen, sehr schmerzhaften Fibromyalgie-Druckpunkte (tender points), welche vor allem an den Sehnenansätzen lokalisiert sind. Die zurzeit allgemein akzeptierten Diagnosekriterien sind die der amerikanischen Rheumagesellschaft. In der Anamnese wird ein großflächiger Schmerz beschrieben, der über beide Körperhälften geht und sowohl über als auch unter der Taille vorkommt.
Die Kriterien für eine Fibromyalgie sind erfüllt, wenn elf von 18 symmetrisch angeordneten anatomischen Fibromyalgie-Druckpunkten (Tenderpoints) bei einem Druck von vier Kilogramm übermäßig schmerzhaft sind. Die Schmerzdauer der typischen Symptome muss länger als drei Monate dauern. Die Muskeln selbst sind kaum druckschmerzhaft, es finden sich keine typischen Labor- oder Röntgenveränderungen.
Um eine sekundäre Fibromyalgie, also eine Fibromyalgie, die begleitend zu anderen rheumatischen Erkrankungen auftritt, festzustellen, sollten Laboruntersuchungen wie Entzündungswerte im Blut veranlasst werden. Bei der Differenzialdiagnose müssen untersuchungstechnisch Arthrosen und Spondylarthrosen berücksichtigt werden.

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Schmerzhafte Fibromyalgie-Druckpunkte nach der amerikanischen Rheumagesellschaft.

Entlastungsschnitte an verklebten Akupunkturpunkten

Prof. DDr. Johann Bauer von der Ludwig-Maximilians Universität in München setzt therapeutisch mit einer bislang umstrittenen Methode an. Er entwickelte eine Kombinationstherapie aus Schulmedizin und Traditioneller Chinesischer Medizin. Sein Ansatz bezüglich der Pathogenese ist ein Verkleben von Akupunkturpunkten, durch körperlichen und/oder psychischen Stress. Den Akupunkturpunkten liegt eine definierte Struktur zugrunde, bestehend aus einem Gefäß-Nerven-Bündel, das eingehüllt in lockeres Bindegewebe eine Enge passiert (Faszienperforation, Knochenkanäle, Aponeurosen).
Nach einer erfolglosen Phase von einigen Monaten mit der bisher üblichen Behandlung können die verklebten Löcher chirurgisch mit Entlastungsschnitten so freigelegt werden, dass sie möglichst nicht wieder verkleben.
Bauer, der in München und in Klagenfurt operiert, berichtet von einer Erfolgsquote von 88 Prozent. Prof. Dr. Hans-Georg Kress, Medizinische Universität Wien, Vorstand der Klinischen Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin (B), kann der spekulativen und durch keine unabhängige Studie bewiesenen Theorie über „verklebte“ Akupunkturpunkte nichts abgewinnen. Er geht, wie die überwiegende Mehrzahl der Experten, von einer meist psychosomatischen Störung aus, deren Behandlung durch einen chirurgischen Therapieansatz überhaupt nicht nachvollziehbar ist. Im Gegenteil, durch die im wahrsten Sinne des Wortes einschneidende Behandlung mittels chirurgischer Intervention könnte einer Chronifizierung erst recht Vorschub geleistet werden. Er vermisst daher eine Bestätigung der von Prof. Bauer behaupteten hohen Erfolgsrate durch unabhängige, in anerkannten wissenschaftlichen Journalen veröffentlichte Studien.
Schmerzmittel und Antirheumatika sind häufig unwirksam. Krankengymnastik und Massage helfen bei manchen Patienten, können bei anderen das Krankheitsbild aber verschlimmern.
Am erfolgreichsten sind kombinierte Therapieansätze aus psychosomatischer Therapie, physikalischen Anwendungen und intensiver Patientenschulung. Hierunter fallen Wärme-, Kälte- und Elektrotherapie, Massagen, Akupunktur und Psychotherapie. Medikamentös können Antidepressiva wie Amitriptylin oder selektive Serotoninaufnahmehemmer eine Besserung bringen. Deren Einnahme wird als Einzeldosis vor dem Schlafengehen empfohlen.
Obwohl die Fibromyalgie niemals, wie andere rheumatische Erkrankungen, zur Zerstörung oder Funktionseinschränkungen von Gelenken oder anderen Strukturen des Bewegungssystems führt, hat sie, was die Besserung der Symptome angeht, keine gute Prognose.

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