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30. Juni 2005

Wann ist Trauer pathologisch?

Der Ehemann der 37-Jährigen Frau G. ist vor drei Monaten bei einem Verkehrsunfall tödlich verunglückt. Sie kommt seither ein bis zweimal wöchentlich in die Ordination ihres Hausarztes und ist immer noch völlig am Boden zerstört. Ist diese lange Trauerreaktion normal? Und ab wann sollte ihr Hausarzt Frau G. professionelle Hilfe vorschlagen?

Sterben und Tod sind uns Ärzten ein recht vertrautes Phänomen, versterben doch jedes Jahr etliche unserer Patienten. Oft sind auch die Angehörigen Patienten in der Ordination. Manche verkraften den Verlust gut, andere wiederum scheinen gar nicht mehr in ihr gewohntes Leben zurückzufinden.

Trauerarbeit verläuft in Phasen: Auf Schock, Erstarrung und ein Wie-Betäubt-sein folgt eine Phase, in der das Leid in Vorwurf, Verzweiflung oder Schmerz ausgedrückt wird. Der Verstorbene wird schmerzlich vermisst. An diese Phase der Desorganisiertheit schließt sich der Abschied mit dem Bewusstwerden der Konsequenzen des Verlustes. Schließlich kommt es zu Neuorientierung, Überschauen der Möglichkeiten und Reorganisation.

Diese Phasen der Trauer und Trauerarbeit werden in unterschiedlicher Intensität und nicht immer dieser Reihenfolge durchlebt. Die Intensität kann von Tag zu Tag schwanken, ja sogar innerhalb eines Tages unterschiedlich sein. Auch verlaufen die Phasen nicht streng nach Reihenfolge - einzelne können fehlen oder mehrfach auftauchen.

Gelingt Trauerarbeit, führt sie zu einem "Hineinnehmen" des Verlorenen ins Gedächtnis, ohne zu verdrängen und integriert den Verlust in den Erfahrungsschatz des Lebens.

In der Trauerarbeit muss man sich mit den Gefühlen dem Verstorbenen gegenüber auseinander setzen und hier können auch Ambivalenzen auftauchen - etwa feindselige Gefühle oder Aggression, was die Trauerarbeit erschweren kann. Auch mehrere Verluste knapp hintereinander können gelingende Trauerarbeit erschweren oder verunmöglichen.

Ein Verlust schmerzt in der Regel umso intensiver, wenn der Tod plötzlich und unerwartet war - etwa durch einen Unfall - oder, wenn die Hinterbliebenen sozial und emotional vom Verstorbenen abhängig waren. Besondere Aufmerksamkeit sollte man den Hinterbliebenen nach einem Mord oder Suizid widmen, ebenso "verwaisten" Eltern.

Natürlich beeinflussen auch sozialer und kultureller Hintergrund die Trauerverarbeitung.

Eine Trauerreaktion dauert etwa sechs bis neun Monate, aber auch ein Jahr ist nicht ungewöhnlich - man denke an das instutionalisierte und noch vielfach eingehaltene Trauerjahr.

Es gibt dazu keine Studien, aber die Erfahrung zeigt, dass Menschen mit Trauer besser fertig werden, wenn sie Unterstützung bekommen. Familie und Freunde sind aber oft mit der Situation überfordert: teils, weil sie vielleicht selbst zuwenig Erfahrung mit Verlusten haben, oder aber wenn sie mit ihrer eigenen Trauer beschäftigt sind. Angehörige sind oft ungeduldig und erwarten von Trauernden, dass er /sie so rasch wie möglich über den Verlust hinwegkommt.

Auch nur kurze Gespräche mit einem Arzt werden als hilfreich empfunden. Unterstützung kann man etwa durch ein persönliches Kondolenzsschreiben, ein Telefongespräch oder gegebenenfalls sogar durch einen Hausbesuch signalisieren. In den Monaten nach dem Todesfall sollte den Angehörigen immer wieder die Möglichkeit gegeben werden, den Tod anzusprechen. Vor allem Jahrestage wie der Todestag selbst, Geburtstage oder Hochzeitstage sind oft schwierige Zeiten.

Allerdings können Hausärzte nicht allen ihren von einem Verlust betroffenen Patienten mit regelmäßigem Counselling zur Verfügung stehen. Aber sie sollten es sich zur Aufgabe machen, nach Anzeichen pathologischer Trauer zu suchen und gegebenenfalls an professionelle Stellen weiterverweisen: dies können Psychologen, Therapeuten oder aber auch Selbsthilfegruppen sein. Pathologische Trauer kann zu Depression, psychosomatischen Krankheiten, Ängsten und sozialem Rückzug führen. Trauerarbeit belastet: Auch somatische Krankheiten treten in Krisenzeiten häufiger auf. Patienten kommen aber auch häufiger wegen banaler Befindlichkeitsstörungen, um sich Zuwendung und Zuspruch zu holen.

Bei der Unterstützung Trauernder muss reflektiert werden, dass wir dazu neigen, besonders solche Menschen zu unterstützen, mit denen wir uns besonders identifizieren. Wir müssen also genau auf die Bedürfnisse des Trauernden achten und uns unsere Möglichkeiten und Grenzen bewusst machen.

Einen eigenen Verlust zu bearbeiten, indem man anderen in ihrer Trauer unterstützt, ist gefährlich. Wenn man kürzlich selbst jemanden verloren hat, ist man nicht geeignet, anderen mehr als eine kurzdauernde Unterstützung zu geben.

Quellen: pulse Februar 2001, Pritz: Wörterbuch der Psychologie, Zapotoczky/Nutzinger: Psychologie am Krankenbett

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