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30. Juni 2005

Sexuelle Gewalt: Jede vierte Frau betroffen

"Jede vierte Frau ist zumindest einmal in ihrem Leben von sexueller Gewalt betroffen. Die Gewalterlebnisse reichen vom sexuellen Missbrauch als Mädchen bis hin zur sexuellen Belästigung am Arbeitsplatz", zitieren die Mitarbeiterinnen des "Notrufs für vergewaltigte Frauen" Umfrageergebnisse. 

An die 900 Frauen zeigen jährlich in Österreich eine Vergewaltigung an. Aber: "Die polizeiliche Anzeigenstatistik gibt das wahre Ausmaß des Problems nicht wieder", betont Daniela Bernhard, eine Mitarbeiterin des Notrufs. "Wir gehen von einer hohen Dunkelziffer aus: Nur etwa jede zehnte Frau, die Opfer einer Vergewaltigung geworden ist, entschließt sich zur Anzeige. Je näher das Opfer dem Täter stand, desto unwahrscheinlicher ist eine Anzeige." 

Drei Viertel der Täter gehören dem sozialen Umfeld der Frauen an: (Ex)Ehemänner und (Ex)Lebensgefährten, Bekannte, gute Freunde oder Arbeitskollegen. Der unbekannte Täter sei die Ausnahme, so die Expertinnen. 

Die rechtliche Situation hat sich in den letzten Jahrzehnten verbessert. So konnte der Verein, der heuer sein 20-jähriges Bestehen feiert, einiges erkämpfen: Vergewaltigung in der Ehe wurde strafbar, Betroffene haben das Recht, von einer weiblichen Kriminalbeamtin angehört zu werden und müssen sich bei Gericht nicht mehr mit dem Täter konfrontieren. 

Trotzdem: "Viele Frauen wollen sich den belastenden Gang durch die Institutionen nicht antun", bestätigt auch Uschi Kussyk, ebenfalls Mitarbeiterin des Vereins. "Von der Anzeige bis zum Gerichtsverfahren können ein bis zwei Jahre vergehen. Oft gerade dann, wenn sich Frauen mitten im Verarbeitungsprozess befinden, steht die Gerichtsverhandlung an. Sie müssen sich das Geschehene nicht nur wieder in Erinnerung rufen, sondern sind oft auch mit Personen konfrontiert, die ihnen das Erlebte nicht glauben. Können sie sich an ein Detail nicht erinnern oder haben sie es verständlicherweise verdrängt, wird ihnen mit Misstrauen begegnet", so Kussyk weiter. Denn alte Vorurteile hielten sich hartnäckig: "Eine Frau, die sich wehrt, kann nicht vergewaltigt werden" oder aber "Frauen zeigen eine Vergewaltigung an, wenn sie einem Mann eins auswischen wollen". 

Die von Frauen beschriebenen Gefühle nach einer Vergewaltigung unterscheiden sich wenig voneinander: Sie berichten von der erlebten Todesangst, vom Gefühl des Beschmutztseins und dem Ekel vor dem eigenen Körper. Ein sexuelles Gewalterlebnis hat oft den Verlust des Vertrauens in eigene Wahrnehmungen zur Folge. Die Erkenntnis, dass einem Grenzen-setzen-Wollen mit derart krasser Gewalt begegnet wurde, kann zu einem völligen "Wertezusammenbruch" führen. Nicht selten leiden Frauen unter massiven Schuldgefühlen, denn gesellschaftliche Vorurteile sitzen auch bei den Betroffenen tief. 

Die körperlichen und psychischen Folgewirkungen können äußerst unterschiedlich sein: Sie reichen von unklaren, wiederkehrenden, "therapieresistenten" körperlichen Symptomen bis hin zu einer posttraumatischen Stress-Störung (PTSD) mit Angst, flashbacks, Konzentrationsverlust, Reizbarkeit und Schlafstörungen.

Wie in anderen belastenden Situationen auch steht das Gespräch am Beginn von klärenden und heilenden Prozessen. Kussyk: "Am besten angenommen wird unser Angebot zur Krisenintervention und zur psychosozialen Beratung. Die Frauen können etwa zehn Beratungsstunden in Anspruch nehmen. Sollten sie weiterführende Betreuung brauchen, raten wir ihnen, sich an eine Psychotherapeutin zu wenden."

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