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30. Juni 2005

Selbstverletzung - seelische Konflikte

Stuttgart. Ursache nicht heilender Wunden, rezidivierender Fieberschübe und unklarer Ödeme kann eine Selbstverletzung des Patienten sein. Wer an diese Differentialdiagnose denkt, kann solche Patienten vor unnötigen Eingriffen bewahren und sie rechtzeitig psychosomatisch behandeln.

"Es gibt nichts, was es nicht gibt"

"In allen Fachgebieten stößt man auf Patienten mit artifiziellen Störungen", berichtete Privatdozentin Dr. Annegret Eckardt-Henn von der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universität Mainz auf dem Kongress "Medizin 2001" in Stuttgart. Bis zu zwei Prozent der Patienten in der Allgemeinmedizin und fünf Prozent in der Dermatologie sind nach Schätzungen einmal davon betroffen. Abszesse durch Einspritzen von Kot, Ödeme durch Abschnüren von Gliedmaßen, Anämie durch Selbstabnahme von Blut: Es gibt nichts, was es nicht gibt. "Eine unserer Patientinnen spritzte sich Putzmittel in die Venen", schilderte Eckardt-Henn. "Das Bein war nicht zu retten."

Drei von vier Patienten sind Frauen, ein Drittel hat einen medizinischen Beruf wie Krankenschwester, MTA oder auch Ärztin. Der Altersgipfel der Menschen, die sich selbst verletzen, liegt zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr. Die Diagnose wird in der Regel erst nach jahrelangem Verlauf gestellt. "50 Operationen in der Krankengeschichte sind keine Seltenheit", sagte Eckardt-Henn. Bei einer solchen Anamnese sollte der Arzt hellhörig werden. Die Patienten fallen außerdem auf, weil sie regelrecht nach invasiven Maßnahmen drängen, gleichgültig gegenüber dem Krankheitsverlauf sind und schwierig im Umgang.

Anamnestisch häufig schwere Misshandlungen

Wer den Verdacht hat, dass ein Patient manipuliert, sollte ihn keinesfalls direkt damit konfrontieren, sondern ihn vorsichtig darauf hinweisen, dass auch psychische Faktoren bei der Krankheit mitwirken, und ihn möglichst in stationäre psychosomatische Behandlung überweisen, wenn sein Allgemeinzustand dies zulässt. Dass die Patienten keine Simulanten sind, belegt der schwere Verlauf der Erkrankung, die häufig chronifiziert. 70 Prozent der Betroffenen haben in ihrer Entwicklung sehr schwere Misshandlungen erlebt, häufig auch sexueller Natur.

Die Selbstverletzung dient der Spannungslinderung und geschieht oft in einem dissoziativen Zustand: Die Patienten haben das Gefühl, dass sie es nicht selbst sind, die manipulieren, oder können sich hinterher nicht mehr daran erinnern.

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