zur Navigation zum Inhalt
 
30. Juni 2005

Mit 80 Jahren zur Psychotherapie?

Psychotherapeuten, die ältere Menschen behandeln, wird immer wieder die Frage gestellt, ob sich das denn noch lohne - vor allem dann, wenn es um eine langfristige Therapie oder gar eine Psychoanalyse geht. Eine 60-jährige Frau in Deutschland hat statistisch gesehen noch 23,3 Jahre vor sich, ein 60jähriger Mann noch 19,01 Jahre. Das ist jeweils etwa ein Drittel ihrer gesamten Erwachsenenzeit. 

Bei einer organischen Erkrankung wäre es selbstverständlich, dass getan wird, was möglich ist, um das Leiden zu mindern und die Lebensqualität zu erhalten. Für die Psyche sollte das Gleiche gelten. "Das Alter der Kranken spielt bei der Auswahl zur psychoanalytischen Behandlung insofern eine Rolle, als bei Personen nahe oder über 50 Jahre einerseits die Plastizität der seelischen Vorgänge zu fehlen pflegt - alte Leute sind nicht mehr erziehbar - und als andererseits das Material, welches durchzuarbeiten ist, die Behandlungsdauer ins Unabsehbare verlängert." 

Die Entwicklung seit S. Freud

Kein Geringerer als Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, sprach diese Sätze bei einem Vortrag vor ärztlichen Kollegen im Jahr 1905. Zu Freuds Zeiten mag diese Haltung verständlich gewesen sein - die Menschen starben viel früher, mit 60 Jahren galt man als sehr alt und nicht zuletzt steckte die psychoanalytische Methode noch in den Kinderschuhen. Heute wird immer klarer, dass Entwicklung ein lebenslanger Prozess ist und dass man psychische Strukturen auch im Alter noch bearbeiten kann. Trotzdem werden ältere und alte Menschen auch heutzutage nur selten psychotherapeutisch behandelt - alle Beteiligten tun sich schwer damit: Die möglichen Klienten, die Krankenkassen, aber vor allem die Psychotherapeuten selbst.

Mit 102 noch zur Therapie 

Dr. Hartmut Radebold ist Psychoanalytiker, Professor für klinische Psychologie und einer der erfahrensten Psychotherapeuten in Deutschland, die sich mit dem Altern beschäftigen. "Ich habe vor etwa 35 Jahren als junger Assistenzarzt eine 60-jährige Patientin mit einem seelisch bedingten Schiefhals behandelt. Und war ebenso wie alle meine Kollegen sehr erstaunt darüber, dass das gelang." Inzwischen ist es für ihn selbstverständlich, auch alte Menschen zu behandeln. "Meine älteste Patientin ist 85 gewesen, und es gibt jetzt auch eine Publikation über eine 102-Jährige, die psychotherapeutisch behandelt worden ist." Für viele ältere Menschen - Männer mehr noch als Frauen - ist der Gang zum Psychotherapeuten gänzlich unvorstellbar, denn sie sind aufgewachsen mit der Devise: "Reden hilft nichts, man muss die Zähne zusammenbeißen und alleine klar kommen." Zudem ist für viele alte Menschen Psychotherapie immer noch gleichbedeutend mit Psychiatrie. 

Therapeuten oft zu jung

Die größte Hürde auf dem Weg zur Psychotherapie für Menschen jenseits des 60. Lebensjahres sieht er jedoch im Altersunterschied der Klienten zu ihren potenziellen Therapeuten. Denn die sind in aller Regel jünger. "Auch bei mir als 65-Jährigem wirkt sich das noch aus, wenn zu mir eine 80-jährige Patientin sagt: "Kommen Sie erst mal in mein Alter." Und eine Assistenzärztin, die 30 ist, dürfte erst recht große gefühlsmäßige Probleme haben, sich auf die Situation der Älteren einzulassen." Denn symbolisch gesehen geraten die Therapeuten gegenüber ihren Klienten in die Position von Kindern und Enkeln. 

"Und wann haben je Kinder und Enkelkinder mit Eltern und Großeltern über deren Probleme geredet? Und wann haben je Eltern und Großeltern dann noch von ihnen Ratschläge oder Hilfestellungen angenommen? Diese Eigenübertragung unserer Berufsgruppe ist wahrscheinlich der schwerwiegendste Punkt." Aber auch die Therapeuten werden älter - und so nehmen die Hürden auf beiden Seiten langsam ab.

ÄZ/Fiaza Makumbi-Kidza, Ärzte Woche 20/2002

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben