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30. Juni 2005

Der kreative Weg zum Unbewussten

Immer häufiger findet die Maltherapie Einzug auch in die Therapie chronisch entzündlicher Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa, so an der Psychosomatischen Abteilung im Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Wien. "Die Maltherapie, so wie ich sie anbiete, ist nicht so sehr ein kreatives Angebot, zumindest nicht allein, sondern eine Psychotherapieform, in der kreative Mittel zum Darstellen und Sichtbarmachen von sonst unbewussten Gedanken und vor allem Gefühlen genützt werden", erklärt Dr. Swanhild Piringer, Fachärztin für Allgemeinmedizin und Psychotherapeutin. "In der entspannt spielerischen Atmosphäre des Malens und Gestaltens können sehr viele Patienten Themen zum Ausdruck bringen, über die sie sonst lieber nicht sprechen." 

Längerfristiges Ziel dieser therapeutischen Intervention ist die Verringerung der Pessima und Veränderungen der Lebenssituation, um eine tatsächliche, andauernde Verbesserung zu erzielen. Piringer: "In der Maltherapie geht es nicht um Kunst, sondern um Erkenntnis - und die kann man auf vielerlei Art und Weise gewinnen." D.W. Winnicot, Kinderpsychiater und Analytiker (1896-1971), vertrat die Auffassung, dass die alltägliche Kreativität, der schöpferische Umgang mit den Problemen des Alltags, so auch in der Krankheit des Körpers, ein wesentliches Merkmal der seelischen Gesundheit ausmache. 

Aus tiefenpsychologischer Sicht werden vor allem bildhafte Informationen stärker in Gefühlen assoziiert. Die Maltherapie muss hier im Wechsel zwischen bildnerischem Gestalten und verbaler, bewusster Verarbeitung durchgeführt werden, da eine dauerhafte und durchgreifende Wirkung nur zu erwarten ist, wenn die aufgetauchten Gestalten und Inhalte auch mit verstehendem Bewusstsein aufgenommen werden.

"Am Anfang ist es für unsere Patienten oft recht merkwürdig und ungewohnt, sich auf das Malen einzulassen. Viele haben seit der Kinderzeit weder einen Pinsel, Farbstift oder Ähnliches in der Hand gehabt", erzählt Piringer. "Aber hier ist die Gruppensituation auch hilfreich. Die Patienten malen bei uns altersunabhängig, nicht selten mit zunehmender Begeisterung und Ausdauer im Laufe ihres Aufenthaltes. So bekomme ich immer wieder die Rückmeldung, dass Patienten auch nach dem Spitalsaufenthalt aus freien Stücken diese Form des kreativen Ausdrucks beibehalten."

Wenn also diese ersten Schwierigkeiten überwunden sind, so sind die Patienten oft sehr überrascht, wie sehr ihnen Malen Spaß macht und wie viel sie zu den von Piringer gestellten Themen über sich herausfinden können. "Manche Patienten sind richtig stolz darauf, was sie da produziert haben und wie gut man manchmal die Problematik ihres Lebens, mit der sie sich gerade herumschlagen, erkennen kann. Einige staunen über das, was sie zu Papier bringen und sagen: ,Jetzt habe ich mich so bemüht, dass nur ja nichts drauf ist, woran man meine Probleme erkennen könnte, und jetzt sind sie wieder so deutlich geworden!´. Und das ist das Schöne an der Maltherapie, dass die Patienten beim gesprochenen Wort sagen: ,Nein, das habe ich nicht so gemeint´, aber beim Malen ist es am Papier und man kann es auch noch sehen."

Beim themenbezogenen Malen werden die Patienten aufgefordert, zum Thema "Meine Krankheit" zu malen (siehe Abb., mit den jeweiligen Interpretationen der Patienten). Piringer: "Damit wollen wir die geheimen Krankheitstheorien der Betroffenen erforschen. Fast jeder Mensch hat zur Entstehung und auch zum Charakter seiner Krankheit ganz bestimmte Theorien. Die Bilder sprechen oft eine sehr deutliche ,Sprache´ und sind als Basis für unsere weitere Arbeit sehr hilfreich." 

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