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30. Juni 2005

Krebspatienten haben viele Ängste

Frau M. , vor drei Jahren an einem Mamma-Karzinom erkrankt, aber seither rezidiv- und beschwerdefrei, möchte wissen, ob ihre Rückenschmerzen mit der Krebserkrankung zusammenhängen können. Bei einem Blick in ihre Kartei fällt Ihnen auf, dass Frau M. in letzter Zeit sehr häufig mit trivialen Beschwerden in die Ordination gekommen war - obwohl sie in einem großen Zentrum nachbetreut wird und erst kürzlich eine Untersuchung mit Laborbefunden und einem Wirbelsäulenröntgen durchgeführt worden war. 

Was könnte der Grund für die häufigen Besuche der Patientin sein?
Frau M. kann verständlicherweise beunruhigt sein und vermuten, dass die Krebserkrankung fortgeschritten ist. Hinter vielen Ängsten von Krebspatienten stehen aber ungelöste Probleme, die bis zur Zeit der Diagnosestellung zurückreichen.
Auf den initialen Schock der Diagnose reagieren viele Patienten mit dem "Willen, den Krebs zu besiegen". Sie konzentrieren sich auf die Operation und die Nachbehandlungen. Während dieser Zeit erfahren sie von Angehörigen meist intensive Zuwendung und Unterstützung. Nach Beendigung der Therapien verlieren viele jedoch ihr "Sicherheitsnetz", da sie seltener Kontakt zu Ärzten und medizinischen Einrichtungen allgemein haben. 

Viele Patienten trauen sich nun nicht mehr, ihre Ängste zu äußern: sie selbst haben das Gefühl, nun wieder zu einem normalen Leben zurückkehren zu müssen, nicht selten auf dezidierten oder auch unausgesprochenen Druck der Familie. 
Die Angst aber bleibt: einerseits weil die Patienten wissen, dass ihnen niemand eine Heilung garantieren kann, andrerseits, weil viele das Vertrauen in ihren Körper verloren haben. Denn oft ist es so, dass der Primärtumor meist schon eine ganze Weile vorhanden war, bevor er die ersten Symptome verursachte. Bei Frauen nach Brustkrebs kommen Probleme mit dem Körperbild und in weiterer Folge mit ihrer Sexualität hinzu.
Jede dritte Brustkrebs-Patientin bekommt eine Angststörung oder Depression - Risikofaktoren sind: vorangegangene psychiatrische Erkrankungen, Probleme während Chemo- oder Radiotherapie, anhaltende Schmerzen, Lymphödem, geringes Selbstwertgefühl, mangelnde Unterstützung und unausgesprochene Sorgen. 

Patientenängste selten Konsultationsthema

Sowohl auf Ärzte- als auch auf Patientenseite sind die Gründe zu suchen, warum Patientenängste so selten Thema einer Konsultation sind: Patienten möchten ihren vielbeschäftigten Arzt nicht belasten, glauben, dass ihre Probleme normal und/oder unlösbar sind, und trauen sich nicht, nicht-medizinische Themen anzuschneiden, weil sie glauben, diese seien irrelevant. Ärzte wiederum signalisieren oft Zeitmangel, Unbehagen mit dem Thema und konzentrieren sich auf medizinische Probleme, die leicht behandelt werden können. 
Manchmal ist aber nur ein einziges längeres Gespräch nötig, um Patientenängsten auf den Grund zu kommen. 
Bitten Sie den Patienten, seine Geschichte von Anfang an zu erzählen. Dies liefert wichtige Hinweise auf das Krankheitskonzept des Patienten und erhellt mögliche Missverständnisse. Stellen Sie offene Fragen: Was ist in Ihnen vorgegangen, als Sie die Diagnose erfuhren? Was hat man Ihnen zu OP/Behandlung/Nachbehandlung gesagt? Was haben Sie über die Krankheit gewusst? Wie haben Sie sich gefühlt, als...? Was war Ihre Reaktion auf OP/Nachbehandlung? Wie hat Ihr Partner reagiert? Achten Sie darauf, ob der Patient bestimmte Themen auslässt oder auffällig oberflächlich anschneidet. 

Coping-Strategie für die Zukunft entwickeln

Oft ist nach so einem Gespräch vieles auf dem Tisch - oder aber es stellt sich heraus, dass weiterführende Gespräche etwa mit einem Therapeuten nötig sind. Im geschilderten Fall von Frau M. ist es sicher nötig, zu evaluieren, ob sie an einer behandlungsbedürftigen Depression oder Angststörung leidet. Es kann auch wichtig sein, mit ihr eine Coping-Strategie für neu auftretende Symptome abzusprechen. 
Vielleicht braucht sie eine gezielte Aufklärung, auf welche Symptome sie besonders achten muss und welche rasch abgeklärt werden müssen: 
So wird sie nicht jedes Mal mit Rückenschmerzen ärztliche Hilfe suchen, wenn sie weiß, dass eine Lumbalgie nach Belastung auch bei ihr auftreten kann und nicht unbedingt Alarmzeichen sein muss. Erst mit unerklärlichen und länger anhaltenden Kreuzschmerzen wird sie dann zur Abklärung kommen.

Quelle: pulse, Oktober 2001

Dr. Irene Lachawitz, Ärzte Woche 10/2002

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