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30. Juni 2005

Hilfe für misshandelte Ehefrauen und Kinder

Manchmal kocht der Hausarzt vor Wut, wenn er eine Patientin oder ein Kind mit Blutergüssen oder zugeschwollenen Augen sieht. Der Ehemann/Vater hat wieder einmal zugeschlagen. Wie können Sie hier helfen? Die Ärzte woche führte ein Interview mit Dr. Claudius Stein vom Wiener Kriseninterventionszentrum.

Herr Dr. Stein, auf welche Merkmale und Symptome soll man achten, wenn die
inneren Alarmglocken schrillen?

Stein: Bei körperlichen Zeichen wie Striemen, Hämatomen ist die Blickdiagnose relativ einfach. Bei den psychischen Symptomen ist es wesentlich schwieriger, man sollte hellhörig sein, wenn sich die PatientInnen in irgendeiner Form verändert haben. Schwere Angstzustände, alle möglichen psychosomatischen Symptome wie Kopfschmerzen, sozialer Rückzug, Depressionen sowie generell verändertes Verhalten sind Anzeichen dafür, dass es Probleme gibt. Bei Frauen sollten Symptome, bei denen an posttraumatische Belastungsstörungen gedacht werden kann, wie zum Beispiel Flashbacks, Albträume, große Schreckhaftigkeit, Vermeidungsverhalten, emotionale Taubheit, Schlafstörungen und Konzentrationsstörungen, einen hellhörig werden lassen.

Worauf sollte man bei Kindern besonders achten?

Stein: Bei Kindern kann man bei allen psychosomatischen Störungen, Enuresis, Enkopresis oder Albträumen und Angstzuständen auf eine Belastungssituation
schließen. Auch wenn die Kinder selbst übermäßig gewalttätig werden oder sich sozial zurückziehen, ist Hellhörigkeit angebracht. Ein sexualisiertes Verhalten über das normale Maß hinaus besonders Erwachsenen gegenüber ist ebenfalls zu beachten. Aber keines dieser Symptome lässt für sich allein genommen einen direkten Rückschluss auf Gewalt in der Familie zu. Immer ist eine behutsame Abklärung notwendig.

Wie reagiert man, um die bemerkten Probleme anzusprechen und den Patienten nicht zu verschüchtern?

Stein: Im Falle von Gewaltanwendung in der Partnerschaft verhindern Scham-, Unsicherheits- und Hilflosigkeitsgefühle der betroffenen Frau häufig eine offene und
direkte Ansprache. Der Arzt muss seine Wahrnehmung im Untersuchungsgespräch für mögliche Hinweise sensibilisieren. Mit einem subtilen Zugang kann das Eis gebrochen werden, mit Fragen wie: "Mir ist dieses und jenes an Veränderungen aufgefallen; mir ist aufgefallen, dass es Ihnen schlecht geht, dass Sie Angstzustände
haben; bei dieser Verletzung ist mir nicht klar, wie es dazu kam. Gibt es etwas in Ihrem Leben, das für sie schwierig und problematisch ist?"  Auch kann nachgefragt werden, ob der Partner Substanzmittelmissbrauchsprobleme hatte oder die Patientin schon Gewalterfahrungen.

Wie führt man das Gespräch mit der Person weiter, wenn eine Misshandlung von der
betroffenen Person bestätigt wird?

Stein: Auf jeden Fall nicht lenkend eingreifen, sondern mit der Patientin behutsam versuchen, gemeinsam einen Weg aus der Situation zu finden. Man muss hier die eigenen Gefühle unter Kontrolle halten, auf keinen Fall macht es Sinn, die Patientin unter Druck zu setzen oder zu versuchen, die Betroffenen mit aller Kraft und so schnell als möglich aus der Situation herausreißen zu wollen. Es gibt mittlerweile eine Menge Institutionen, mit denen man kooperieren kann. Ich empfehle auch den Allgemeinmedizinern, die mit so einer Situation konfrontiert sind, den Kontakt mit einer dieser Stellen aufzunehmen und mit ihr zu besprechen, welcher Schritt sinnvoll ist und wie man weiter vorgehen kann. Ein Konsens mit den Betroffenen ist äußerst wichtig.

Wie geht man bei misshandelten Kindern vor?

Stein: Wenn man vom häufiger vorkommenden Fall ausgeht, dass es um männliche Gewalt geht, ist das Gespräch mit der Mutter zu suchen. Auf jeden Fall sollte ein Erwachsener miteinbezogen werden in das Gespräch, wie man weiter vorgeht. Wenn von den Eltern keine Kooperationswilligkeit vorhanden ist, muss mit einem Jugendamt Kontakt aufgenommen werden oder mit verschiedenen Beratungsstellen, die auf Gewalt oder sexuelle Gewalt an Kindern spezialisiert sind. Aus dem Ärztegesetz § 54 ergibt sich für den behandelnden Arzt die Verpflichtung, eine Anzeige zu erstatten. Im zweiten Teil dieses Paragraphen wird aber auch deutlich darauf hingewiesen, dass statt der polizeilichen Anzeige die Kooperation mit einer Kinderschutzeinrichtung oder mit dem Jugendamt zu suchen ist, wenn dies das Wohl des Minderjährigen erfordert, besonders dann, wenn sich der Verdacht gegen einen nahen Angehörigen richtet.

Dr. Martin Breinesberger, Ärzte Woche 35/2003

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