zur Navigation zum Inhalt
 
30. Juni 2005

Grundlose Sorgen: Hinweis auf Angststörung

"Jetzt ist es schon ganz dunkel, und mein Mann/meine Frau/mein Kind ist immer noch nicht da! Es wird doch hoffentlich nichts passiert sein!" Solche Ängste kennt wohl jeder. Doch manchmal nehmen sie solche Ausmaße an, dass alltägliche Vorkommnisse wie eine Verspätung zu regelrechten Katastrophen ausarten. Dann leiden die Patienten an einer generalisierten Angststörung (GAS), deren zentrales Merkmal in der andauernden Neigung besteht, übermäßig zu grübeln oder sich zu sorgen.

Mit der Grübelsucht geht eine vegetative Übererregtheit einher, die sich in Nervosität, Herzklopfen, Schwindel oder Benommenheit ausdrückt. Weitere häufige Symptome sind Muskelanspannung, Ruhelosigkeit, leichte Ermüdbarkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, Schlafstörungen oder Reizbarkeit. Anders als bei den Phobien ist die Angst nicht auf bestimmte Situationen begrenzt, sondern greift auf alle möglichen Ereignisse über. Typische Gedankeninhalte sind zum Beispiel, dass Angehörigen oder ihnen selbst etwas zustoßen könnte, etwa Autounfälle, finanzielle Verluste oder berufliche Schwierigkeiten. Im Lauf der Zeit beunruhigen sich die Patienten zunehmend darüber, diese Sorgen nicht mehr kontrollieren zu können.

Der Verlauf ist meist chronisch. Zu den Auslösern gehören: genetische Disposition, biographische Elemente - etwa Störungen der frühkindlichen Entwicklung, familiäre Konflikte, sexueller Missbrauch - sowie belastende Lebensereignisse wie Trennungen, Todesfälle oder berufliche Veränderungen.

Da die somatischen und vegetativen Beschwerden überwiegen, konsultieren die Patienten gewöhnlich erst ihren Hausarzt. Der sollte zunächst andere mögliche Ursachen wie KHK, Hyperthyreose, Unterzuckerung, Asthma, Multiple Sklerose, Migräne oder Epilepsie ausschließen, dann durch präzises Nachfragen Anhaltspunkte für eine GAS sammeln. Spezielle Screening-Fragebögen erleichtern die Suche nach der Diagnose. Die Krankheit wird bei den meisten Patienten nicht erkannt und die Patienten folglich nicht optimal behandelt. Das liegt an der Schwierigkeit, die verschiedenen Symptome zu erfassen und abzuschätzen, inwieweit die Sorgen begründet sind und wie störend sie sich auswirken.

Da die GAS nicht nur das körperliche Befinden, sondern auch das berufliche Leistungsvermögen und die sozialen Kontakte beeinträchtigt, ist eine Therapie unerlässlich. Günstig ist es, die medikamentöse Behandlung mit einer Psychotherapie zu kombinieren. 

Verhaltenstherapie bei Angststörung

Bei Patienten mit generalisierten Angststörungen haben sich kognitiv-verhaltenstherapeutische Ansätze bewährt. Beispielsweise können Betroffene ein Grübel-Tagebuch führen. In das Buch kann Häufigkeit und Intensität des sorgenvollen Nachdenkens in Abhängigkeit mit der Tagesgestaltung systematisch aufgeschrieben werden. Um das physiologische Erregungsniveau des Angst-Patienten zu senken, können Entspannungstechniken wie die progressive Muskelrelaxation nach Jacobsen oder autogenes Training empfohlen werden. Isoliert sollten die Entspannungsübungen aber nicht angewendet werden, weil das körperliche Zur-Ruhe-Kommen wiederum zum Grübeln verführen kann. 

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben