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4. April 2006

Hoffnung bei genetischen Speicherkrankheiten

Genetisch bedingte Speicherkrankheiten führen zu schweren geistigen wie körperlichen Gebrechen, die sowohl im Kindes- als auch im Erwachsenenalter auftreten. Bisher gab es keine Therapieformen, die die betroffenen Patienten vor den schwerwiegenden Folgen dieser Erkrankungen schützte. Aufgrund nicht entsprechender Labormethoden war auch die Diagnose schwierig.

Die viel diskutierte Gentherapie kommt nicht zum Einsatz, da diese Therapieform noch immer nicht am Menschen anwendbar ist. Die Enzymersatztherapie ist nun eine Therapieform, bei der nicht das defekte Gen selbst korrigiert wird, sondern bei der das defekte Produkt des Gens durch ein gentechnologisch hergestelltes Produkt ersetzt wird.
Rund 50.000 Menschen weltweit sind von Krankheiten betroffen, für die es bereits jetzt eine Enzymersatztherapie gibt. Für eine ungleich größere Anzahl wird es in Zukunft ähnliche Therapiemöglichkeiten geben.
Mit Hilfe von genetisch manipulierten Zellsystemen und speziell entwickelten biotechnologischen Verfahren ist es heute möglich, die Enzyme in Bioreaktoren in so großen Mengen herzustellen, dass sie den lebenslangen Bedarf der betroffenen Patienten abdecken können.
Weltweit und in Österreich ist die Enzymersatztherapie zur Zeit für Morbus Gaucher, Morbus Fabry und seit Juni 2003 auch für Mukopolysaccharidose (MPS I) zugelassen. Das Stoffwechselzentrum der Universitätskinderklinik Wien hat sich als Zentrum für die Behandlung der Erbkrankheiten etabliert, weitere Möglichkeiten gibt es in Graz, Innsbruck und Salzburg.

Morbus Gaucher - die häufigste Speicherkrankheit

Die am häufigsten - nämlich mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:40.000 bis 60.000 - auftretende Speicherkrankheit ist Morbus Gaucher. In Österreich sind rund zwanzig Patienten mit Morbus Gaucher bekannt, die Dunkelziffer an nicht diagnostizierten Patienten dürfte noch einmal so hoch sein.
Diese autosomal rezessiv vererbbare Fettspeicherkrankheit (Glykolipid) wird durch einen Mangel des Körperenzyms Gluccocerebrosidase verursacht.
Die Symptome von Morbus Gaucher sind vor allem in der Milz, der Leber und im Knochenmark festzustellen. Das markanteste Symptom für Morbus Gaucher ist die Milzvergrößerung bei Kindern, die in Extremfällen auf das 30-fache der Norm anwachsen kann.
Aber auch Lebervergrößerungen, degenerative Knochenveränderungen und Osteoporose, Veränderungen des Blutbildes und andere Symptome werden festgestellt. Bei schweren Formen des Morbus Gaucher ist auch das Gehirn betroffen, was bei Kindern einen auffälligen Entwicklungsrückstand schon im ersten Lebensjahr, schwere körperliche wie geistige Behinderungen sowie eine Lebenserwartung, die nicht über das 3. bis 4. Lebensjahr hinausgeht, bedeutet.

Diagnose durch Knochenmarkuntersuchung

Die Diagnose von Morbus Gaucher ist durch eine Untersuchung des Knochenmarks möglich. Die definitive Diagnose wird durch Bluttests gestellt, die meist auch ohne vorherige Untersuchung des Knochenmarks erfolgen können.
"Nachdem die Symptome von Morbus Gaucher auch anderen Krankheiten zugeordnet werden können - zum Beispiel ist eine Milzvergrößerung bei vielen anderen Erkrankungen ebenso ein Leitsymptom -, ist es wichtig, dass man überhaupt an die Möglichkeit von Morbus Gaucher denkt und dass man sich auch nur beim geringsten Verdacht an ein Zentrum wendet, das bereits über die entsprechende Erfahrung in der Diagnose und Therapie der Speicherkrankheiten wie Morbus Gaucher verfügt", betont Prof. Dr. Sylvia Stöckler-Ipsiroglu, seit vielen Jahren Spezialistin für die Erbspeicherkrankheiten an der Universitätskinderklinik Wien.
War die Behandlung des Morbus Gaucher lange Zeit nicht möglich, so kann man heute bereits auf eine zwölfjährige Erfahrung mit Enzymersatztherapie bei Morbus Gaucher verweisen. Dabei wird das fehlende Enzym Gluccocerebrosidase (Cerezyme) künstlich hergestellt und dem Körper als Infusion zugeführt.
Die Enzymersatztherapie wirkt in allen betroffenen Organsystemen und beseitigt die Ursache der Gaucher-Symptome. Sie kommt vor allem bei schweren Formen des Morbus Gaucher zur Anwendung. In Österreich werden momentan 11 Gaucher-Patienten mit der Enzymersatztherapie behandelt.

Meilenstein für MPS I-Patienten

Seit Juni 2003 kann nun auch eine weitere lysosomale Speicherkrankheit mittels Enzymersatztherapie behandelt werden, nämlich MPS I (Mukopolysaccharidose Typ I). Diese Erbkrankheit tritt mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:100.000 bis 280.000 auf, weltweit sind schätzungsweise 3.000 bis 4.000 Menschen davon betroffen. Auch hier ist die Dunkelziffer von nicht erkannten Fällen hoch. "In Österreich kommt alle zwei Jahre ein Kind mit MPS I auf die Welt," erklärt Stöckler-Ipsiroglu.
MPS I wird durch einen Mangel des Enzyms alpha-L-Iduronidase hervorgerufen. Der Enzymmangel führt zur Ansammlung von Glykosaminoglykanen (GAG) in Geweben und Organsystemen, was in weiterer Folge Schädigung sowie Fehlfunktionen derselben verursacht.
Die typischen klinischen Symptome bei MPS I können zu unterschiedlichen Zeitpunkten auftreten und verschieden stark ausgeprägt sein. Sie betreffen Knochen, Augen, Herzklappen, Schleimhäute und - in schweren Fällen - das Gehirn.

MPS I: Lebenserwartung ohne Therapie nur wenige Jahre

Da bei MPS I beinahe alle Organe betroffen sind, sind die Patienten körperlich und geistig schwer behindert. Ohne Therapie beschränkt sich die Lebenserwartung bei MPS I auf nur wenige Jahre. "Die Diagnose MPS I sollte möglichst früh - am besten gleich beim Neugeborenen - gestellt werden, um den Erfolg der Enzymersatztherapie zu gewährleisten", führt Stöckler-Ipsiroglu aus.
Bei verspätetem Therapiebeginn können einige Symptome nicht mehr rückgängig gemacht werden. "Je früher die Diagnose gestellt wird, umso größer die Chance für das Kind", betont die Expertin, die momentan drei Kinder im Alter von 4 bis 5 Jahren mit MPS I betreut. Vor der Verfügbarkeit der Enzymersatztherapie war - wie bei den drei betreuten Kindern - die riskante Knochenmarkstransplantation die einzige Chance.
Seit Juni 2003 ist die Behandlung von MPS I durch Enzymersatztherapie in Österreich möglich. Das einzige bisher zugelassene Präparat heißt Aldurazyme®.

Konzentration auf wenige Therapiezentren

Sowohl Indikation als auch Verlaufskontrolle und Steuerung der Therapie bei Speicher-krankheiten erfordern ein hohes Maß an Erfahrung. Diese haben die Stoffwechselzentren der Universitätskinderkliniken, wo aufgrund dieser Erfahrung auch erwachsene Patienten behandelt werden (zum Beispiel Gaucherzentrum an der Kinderklinik Wien).
"Auch wenn nur sehr wenige Menschen von diesen Krankheiten betroffen sind, so ist es uns ein Anliegen, ihnen die bestmögliche Betreuung und Therapie zukommen zu lassen. Und das ist momentan, nachdem die Gentherapie noch in den Kinderschuhen steckt, die Enzymersatztherapie", so Stöckler-Ipsiroglu.

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