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30. Juni 2005

Kein Sparen auf Kosten der Kinder

Im Rahmen der allgemeinen Sparmaßnahmen gerät auch die Pädiatrie ins Spannungsfeld zwischen medizinischer Notwendigkeit und Ökonomie. Der Bettenabbau und die Schließungen ganzer Abteilungen sind in den letzten Jahren fast schon Alltag geworden. Dass allein die sinkende Anzahl der Kinder diese Schritte rechtfertigt, wollen die Pädiater nicht so hinnehmen.

Auch die heurige Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde in Salzburg, an der rund 500 Kollegen teilnahmen, hatte diesen Aspekt zum Schwerpunkt. Die ÄRZTE WOCHE sprach mit dem Präsidenten der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde, Prof. Dr. Wilhelm Müller, Vorstand der Univ.- Klinik für Kinder- und Jugendheilkunde, Graz, über den Stellenwert der Pädiatrie in unserem Land.

Die ökonomischen Aspekte waren ein großes Thema bei der heurigen Jahrestagung. Sehen Sie Einsparungspotenzial oder Möglichkeiten zu Umstrukturierungen in Ihrem Fachbereich?

Müller: Leider orientiert sich die Gesundheitsökonomie heute fast ausschließlich an marktwirtschaftlichen Prämissen, wodurch es zu immer rigoroseren Einsparungen kommt. Bis auf ein absolutes Minimum wurde alles zugesperrt, die Bettenanzahl massiv reduziert. Man hat es tatsächlich auf die Spitze getrieben!

Das Hauptargument ist die sinkende Kinderzahl in Österreich...

Müller: Die Wirtschaftsexperten unterliegen hier einem folgenschweren Denkfehler! Es ist zu einfach, sinkende Geburtenraten mit sinkenden Investitionen für die verbleibenden Kinder zu korrelieren. Durch das Ansteigen chronischer Erkrankungen und die Häufung von Früh- oder Mehrlingsgeburten ist die Betreuung der Kinder kostenintensiver als früher. Zudem müssen auch für Begleitpersonen Betten garantiert werden, da jeder Familie dieses Recht zukommen muss. Die Aufnahme von Begleitpersonen ist seit 1993 um 275(!) Prozent gestiegen. Zudem werden die Kinderambulanzen weitaus häufiger frequentiert als früher. All das wurde bei den ökonomischen Berechnungen nicht oder nur geringfügig berücksichtigt.
Man sollte sich bewusst sein, dass Kinder im Gesundheitssystem ohnehin fast nichts verbrauchen. Nimmt man diesen Bereich ins Sparprogramm, so wird die Versorgung der übrigen Patienten nachweislich schlechter. Und dies widerspricht der "Deklaration der Rechte der Kinder".

Kommt es jetzt bereits zu Versorgungsengpässen?

Müller: Tatsächlich herrscht ein österreichweiter Mangel an ärztlicher Kinderversorgung in der Nacht. Die Planer sind hier ohne tiefere Sachkenntnis vorgegangen. Die Versorgung sollte von den niedergelassenen Ärzten vonstatten gehen. Allerdings fährt der Notarzt mit jungen Patienten vor allem die Kinderambulanzen in den Spitälern an!

Wie weit ist es mit der Vorsorgeuntersuchung im 14. Lebensjahr gediehen?

Müller: Wir versuchen mit dieser Maßnahme, die Gesundheitslücke zwischen der letzten Mutter-Kind-Pass-Untersuchung und der Gesundenuntersuchung im Erwachsenalter zu schließen. Aktuelle Studien belegen, dass sich der Gesundheitszustand der Jugendlichen in Österreich zunehmend verschlechtert. Vor allem was die subjektive Selbsteinschätzung betrifft. Daher ist es sinnvoll, gezielte Präventionsmaßnahmen im Bereich psychosomatischer Erkrankungen, Suchtkrankheiten, gestörtes Essverhalten oder chronische Erkrankungen zu setzen. Eine bereits jetzt schon für Lehrlinge bestehende Vorsorgeuntersuchung könnte auf alle Jugendlichen ausgeweitet werden. Ein sehr lobenswerter Vorstoß der Frau Bundesministerin Rauch-Kallat stellt bereits 2004 diese wichtige Vorsorgeuntersuchung in Aussicht.

Seit 1994 sind die Kinder- und Jugendfachärzte für Patienten bis zum 18. Lebensjahr zuständig. Wie akzeptiert es ein 17-Jähriger, in einem Wartezimmer voller Bauklötze und Bilderbücher zu sitzen?

Müller: Tatsächlich sind wir auch mit derartigen Problemen konfrontiert. Obwohl es auf der anderen Seite auch eine Reihe von jungen Patienten gibt, die nur auf einer Kinderabteilung behandelt werden wollen. Schließlich sind Kinder und Jugendliche auf einer normalen internen Station mit einem Durchschnittsalter von weit über 60 verloren. Wir versuchen, mit Aufklärungskampagnen die Gruppe der jugendlichen Patienten zu erreichen, die an sich generell sehr ungern zum Arzt gehen. Auch die Internet-Präsentation der Kinder- und Jugendfachärzte unter www.docs4you.at ist sehr jugendlich gehalten. Manche Kollegen haben für die "älteren?Patienten extra Wartebereiche eingerichtet.

Gibt es Interessenskonflikte mit Kollegen anderer Fachrichtungen, wenn es sich um jugendliche Patienten mit "allgemeinen" Erkrankungen handelt?

Müller: Standespolitisch ist es uns ein Anliegen, dass der Kinder- und Jugendfacharzt in allen medizinischen und sozialen Belangen von der Geburt bis zum 18. Lebensjahr Ansprechpartner sein soll. Aus meiner Sicht kann ich sagen, dass es hier in Graz eine gute interdisziplinäre Zusammenarbeit gibt. Die generelle Akzeptanz der Kollegen für unsere Arbeit ist vorhanden, der Kontakt zu den Allgemeinmedizinern ausgezeichnet.

Wie sinnvoll stufen Sie die umstrittenen Warnhinweise auf den Zigarettenpackungen in der EU ein, das Rauchverhalten der Jugendlichen betreffend?

Müller: Rauchen ist wie andere Suchtverhalten ein großes Thema bei Jugendlichen. Ich halte jede Maßnahme für sinnvoll, die in Richtung Bekämpfung des Rauchens geht. Man wird sehen, welchen Effekt die Beschriftungen haben. Es scheint aber offensichtlich, dass etwas getan werden muss:
Die Anzahl der jungen Raucher in Österreich ist alarmierend. Bereits 20 Prozent der 13-Jährigen und 30 bis 35 Prozent der 15-Jährigen rauchen täglich. Neben der Aufklärung ist vor allem die Vorbildwirkung der Eltern wesentlich: Wenn beide Elternteile rauchen, so liegt die Häufigkeit später rauchender Kinder um ein Drittel höher, als bei Nichtraucherfamilien.

Welchen Wunsch haben Sie an die zuständigen politischen Stellen?

Müller: Den Stellenwert der Kinder auch in ökonomischer Hinsicht hochzuhalten und die auch von Österreich anerkannte "Deklaration der Rechte der Kinder", die besagt, dass in Fragen der medizinischen Versorgung die Interessen der Kinder Priorität haben, ernst zu nehmen und umzusetzen.

Wir danken für das Gespräch!

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