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30. Juni 2005

Eine Lanze für das Impfen brechen

Impfungen gehören zur alltäglichen Praxis. Aber auch die Diskussion um die Notwendigkeit der Impfungen gehört dazu. Die ÄRZTE WOCHE sprach mit Prof. Dr. Werner Zenz, Univ.Klinik für Kinder- und Jugendheilkunde, Graz, über das Impfen als einerseits etablierte, andrerseits auch seit Jahren heftig diskutierte medizinische Intervention.

Ist in Österreich so etwas wie eine Impfmüdigkeit zu beobachten, die Ihnen Sorge bereitet?

Zenz: Ich bin besorgt, was die Kampagnen und Informationen der Impfgegner bewirkt haben und bewirken können. Hier wird die rationale Basis verlassen, vieles wird auch von den Medien hochgespielt. Das Verhältnis Impfgegner zu Impfbefürwortern ist ja nicht 50 zu 50, sondern in Wahrheit etwa 1 zu 100. Nur ein bis drei Prozent der Bevölkerung stehen dem Impfen, aus unterschiedlichen Beweggründen, derart kritisch gegenüber.

Die Anzahl der Personen sagt aber nicht unbedingt etwas darüber aus, wer Recht hat...

Zenz: Das stimmt natürlich, allerdings spricht die Datenlage eindeutig für das Impfen: Ich persönlich habe mich sehr kritisch mit vielen Aspekten der Impfungen auseinander gesetzt. Impfungen gehören zu den am besten dokumentierten medizinischen Dingen. Eine ablehnende Haltung kann nur in einer zu geringen Ausbildung in Vakzinologie ihren Ursprung haben. Ein genaues Studium der vorhandenen Untersuchungen unterstützt eindeutig die empfohlenen Richtlinien.

Korreliert das Impfverhalten mit der Prävalenz der zu vermeidenden Erkrankungen?

Zenz: Am Beispiel der Diphterieimpfung ist die Wirkung dieser Maßnahme evident: So kam es in der Sowjetunion im Zuge der Liberalisierung und des nunmehr mangelnden Vertrauens in staatlich geförderte Dinge, wie auch dem Impfen, zu einer starken Ablehnung gegen Impfkampagnen. Als Folge der neuen Freiheit kam es daher leider zu einer Rückkehr der Diphterie in den GUS-Staaten. 5.000 Diphtherie-Todesfälle waren zwischen 1990 und 1998 zu verzeichnen. Mit der Wiedereinführung der Impfung wurde die Diphtherie wieder weitgehend zurückgedrängt. Ähnliches wird für Japan beschrieben (Lancet, 1998 "The untold story")

Gibt es da auch andere Parameter, die eine Rolle spielen könnten?

Zenz: Es wird oft argumentiert, dass der Rückgang von Infektionskrankheiten nicht die Folge des Impfens, sondern der generell besseren Lebensumstände und hygienischen Verhältnissen sei. Eine finnische Studie dazu (Eskola, NEJM 1990) zeigt, dass allein durch die Impfung an über 100.000 Kindern eine 95-prozentige Schutzrate für invasive Hib-Infektionen erreicht werden konnte. In den USA, wo eine sehr gute Impfdisziplin herrscht, sehen wir eine Reduktion der gängigen Infektionskrankheiten nach der Impfung um 97 bis 100 Prozent.

Von Seiten impfkritischer Personen wird auch die fragliche Nutzen-Risiko-Relation ins Treffen geführt...

Zenz: Insbesondere bei Masern wird die Letalität von 1:20.000 einer ebensolchen Zahl an schweren Impfschäden entgegengesetzt. Masern ist keine harmlose Kinderkrankheit, denn immer wieder sehen wir Fälle von SSPE.
Allerdings ist die Komplikationsrate der MMR-Impfung gering: Bei 16 Millionen Impfungen wurden in den 90er-Jahren in der BRD über 7 Komplikationen beschrieben. Für jeden in Österreich empfohlenen Impfstoff übertrifft der zu erwartende Nutzen allfällige Risken um ein Vielfaches.

Gerade bei Impfungen gegen typische Kinderkrankheiten gibt es Vorbehalte, vor allem was die Entwicklung von Atopien betrifft?/p>

Zenz: Von Seiten der Impfgegner werden diesbezügliche Daten genannt, diese Studien sind jedoch klein und lassen sich nicht nachvollziehen. Eine große finnische Studie an über 500.000 Kindern, die diesen Aspekt bei der Masernimpfung beleuchtete, verzeichnete keinen Anstieg von Atopien bei geimpften Personen (Paunio, JAMA 2000). Tatsächlich dürfte das Immunsystem in den ersten Lebensmonaten geprägt werden.
Die "Hygienehypothese" beschreibt die Notwendigkeit von Kontakt mit antigenen Substanzen in diesem Zeitraum zur Verringerung einer Allergieentstehung. Die Masernimpfung fällt zeitlich allerdings nicht in diese Phase.
Im seit 1991 bestehenden "Vaccine safety datalink project" sammeln vier große amerikanische Zentren medizinische Informationen, Impf-daten und epidemiologische Zahlen. Auch die Frage nach einer möglichen Steigerung des Allergierisikos wurde hier gestellt: Zwischen 1991 und 1997 konnte bei 170.000 Kindern kein Zusammenhang gefunden werden.

In der allgemeinmedizinischen Praxis besteht manchmal Unsicherheit, wenn Notwendigkeiten bestimmter Impfungen diskutiert werden...

Zenz: Es scheint mir die Tatsache wesentlich, dass die Schulmedizin selbst die meisten impfkritischen Argumente auf den Tisch gebracht, diskutiert und schließlich widerlegt hat. Die eigene Überzeugung, die Impfung der eigenen Person und der Familie, auch die Vorbildwirkung der Angestellten einer Kinderklinik sind hier ein wichtiges Signal. Die Ausbildung der Ärzte sollte diesbezüglich verbessert, Fortbildungskurse in Anspruch genommen werden. Zudem muss die Bedeutung der Vorsorgemedizin immer wieder hervorgehoben werden. Die Impfungen haben die durchschnittliche Lebenserwartung mehr gesteigert, als alle anderen medizinischen Maßnahmen.

Sind die Vorbehalte oder Ängste gegen Impfungen für Sie nachvollziehbar?

Zenz: Wenn man sich nicht genauer mit der Materie befasst, so können eine Reihe irrationaler Argumente sicher sehr verunsichern. Oft werden von Impfgegnern nicht nachvollziehbare Daten genannt, die größten Studien sprechen jedoch alle für das Impfen. Für mich gibt es kaum eine besser dokumentierte und in ihrer Wirkung eindeutig bestätigte ärztliche Intervention, als das Impfen.

Danke für das Gespräch.

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