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30. Juni 2005

Asthma: Die Angst vor dem Kortison

Weltweit ist die Inzidenz von Asthma und Allergien im Kinder- und Jugendalter permanent im Steigen. In Österreich leiden etwa 10 Prozent aller Kinder an Asthma. Trotz wirksamer Medikamente ist die Therapie problematisch. In Österreich könnten jedoch wahrscheinlich bis zu 95 Prozent aller Fälle mit einer entsprechenden Therapie effizient behandelt werden. 

Dass unser Land hier keine Insel der Unseeligen darstellt, zeigte ein Gastvortrag des französischen Kinderarztes Prof. Dr. Pierre Scheinmann, Hospital des Enfants Malades, Paris: "Vor 30 Jahren war es nicht selten, dass Kinder mit deformiertem Thorax durch chronisch respiratorische Probleme in der Paxis zu sehen waren. Asthmaanfälle waren häufig, Glukokortikosteroide wurden nur systemisch angewandt. Die Lebensqualität der jungen Patienten war massiv beeinträchtigt."
Glücklicherweise sind diese Zeiten vorbei. Die heutige Asthmatherapie ermöglicht den Betroffenen durch die Kontrolle der Entzündungsprozesse ein weitgehend normales Leben. 

Minimale Kortisondosis finden

"Vor allem mit der Compliance haben wir aber ein großes Problem. Die Angst der Eltern vor Kortison spielt hier eine wesentliche Rolle", so Scheinmann. Lokales Kortison sei jedoch sehr wirksam und weise auch eine gute Verträglichkeit auf. Bei Verabreichung von Budesonid oder Prednisolon zeigt sich in vielen Studien eine gute Knochendichte - ausgenommen Kinder, die keine Milch bekamen oder eine langdauernde orale Kortisontherapie erhielten. 
Die Wünsche nach einer Minimierung der Symptome stehe den Ängsten einer eventuellen Wachstumsbehinderung oft entgegen. Der Arzt sollte daher mit Eltern und Kindern besprechen, dass die Dosis variabel ist und die initiale Dosierung meist gesenkt werden kann. Die Pflicht der behandelnden Ärzte sei es, die minimale Kortisondosis zu finden. Wesentlich ist es auch, darauf hinzuweisen, dass ein frühzeitiger Therapiebeginn für die weitere Entwicklung des Atemapparates vorteilhaft ist.

Scheinmann: "Lediglich fünf bis zehn Prozent aller Asthmakinder zeigen schwere Verläufe. Die Lebensqualität ist massiv beeinträchtigt, die Lungenfunktionstests schlecht, die Peak-flow-Werte schwanken stark." Neben inhalativem Kortison sind auch langwirksame Beta-2-Mimetika und Leukotrien-Antagonisten Mittel der Wahl. Die orale LT-Antagonisten-Therapie wird, so der Pädiater, von den Kindern in der Regel gut vertragen, die Patienten merken rasch eine Wirkung. "Generell ist eine Kombinationstherapie stets wirksamer." 

In der Praxis kann Asthma mit zwei bis drei Medikamenten gut kontrolliert werden. Allerdings sind "Niederlagen" häufig. "Ein Grund ist sicherlich, dass Asthma schlichtweg unterschätzt wird. Zu viele Kinder leiden an akuten Exazerbationen und müssen häufig und notfallsmäßig ins Krankenhaus eingeliefert werden. Dies wäre bei entsprechender Therapie nicht nötig!" Auch die Verschlimmerung der Krankheit durch vermehrte Allergenexposition und Passivrauchen werde entweder negiert oder sei noch nicht so bekannt. 

Das größte Problem dürfte allerdings die mangelnde Compliance sein. Die Kinder nehmen die Medikamente unregelmäßig oder gar nicht. Doch auch die Eltern nehmen? nicht so genau: In einer Studie von Milgram aus den 90er-Jahren wurden etwa die Einnahmegewohnheiten anhand manipulierter Dosieraerosole gemessen. Neben einer erschreckend geringen Einnahmedisziplin fiel hier auch die Dissonanz zu den im Patiententagebuch angeführten Einnahmezeiten auf. Dass die Notwendigkeit einer konsequenten Asthmatherapie derart unterschätzt wird, ist in erster Linie auf eine mangelnde Aufklärung zurückzuführen.

Scheinmann: "Die Unterschätzung findet allerdings auch auf Seiten vieler Ärzte statt. Oft wird auf die Messung von Peak-flow oder Lungenfunktion auch in den symptomfreien Intervallen schlichtweg verzichtet. Die Zeit bis zum Beginn einer effizienten Therapie ist auch noch zu lange. Hier wäre noch Nachholbedarf gegeben." Das Ziel der Ärzte sollte es sein, die Lungenbeeinträchtigungen in Zusammenarbeit mit Patient und Eltern zu reduzieren und eine weitgehende Beschwerdefreiheit bei einem Minimum an Einschränkungen im Leben und einem Minimum an Medikamenten zu erreichen. Dies alles sei eine Gratwanderung, ist sich Scheinemann bewusst. Jedoch gelte eines als gesichert: Die Asthmaschule ist eine Schule der Geduld!

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