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30. Juni 2005

Viele Kinderärzte - wenige Kinder

Ein Ende des Geburtenrückgangs ist trotz leichtem Anstieg der Geburtenrate in diesem Jahr nicht abzusehen. Trotz Erweiterung um den Bereich der Jugendheilkunde muss sich die Pädiatrie den Gegebenheiten anpassen. Die ÄRZTE WOCHE sprach anlässlich der 40. Jahrestagung für Kinder- und Jugendheilkunde mit dem amtierenden Präsidenten der Gesellschaft, Prof. Dr. Ingomar Mutz, Landeskrankenhaus Leoben, über Berufs- und Leitbild des Fachgebietes. 

Wie hat sich der Stellenwert der Pädiatrie in den vergangenen Jahren verändert?

Mutz: Ab dem Jahr 1994 wurde die Kinderheilkunde um den Bereich "Jugend" erweitert. Das bedeutet, dass wir nunmehr Patienten bis zum vollendeten 18. Lebensjahr betreuen. Vor allem, was die Spezialdisziplinen anbelangt, war diese Altersgruppe weitgehend unterversorgt, die Jugendlichen wurden auf den regulären Abteilungen "mitbehandelt". Auf einer Internen Station mit einem Durchschnittsalter jenseits der 60 ist ein Jugendlicher weitgehend verloren, auch was das Fachmanagement durch das Personal anbelangt. Es galt daher vor allem für die Kollegen, deren Facharztausbildung bereits lange zurücklag, sich im Bereich der Jugendheilkunde entsprechend fortzubilden, um die jungen Patienten in ihrer Körperlichkeit und in ihrer Kommunikation zu verstehen. 

Inwiefern stellt die Gruppe der Jugendlichen eine neue Herausforderung dar?

Mutz: Wir sehen einen massiven sozialen Wandel: Die Jugendlichen werden im jüngeren Alter reif und selbstständig und haben daher früher mit bestimmten Problemen zu kämpfen. Das Krankheitsprofil hat sich dementsprechend gewandelt: Wir sehen weitaus häufiger Alkohol-Intoxikationen, bereits ab dem 13. Lebensjahr werden Kinder betrunken ins Krankenhaus eingeliefert. Patienten mit "broken-home", die durchwegs mit psychosomatischen Krankheitsbildern reagieren oder die Folgen sexuellen Missbrauchs sind, sind zwar keine Novität unserer Zeit, werden jedoch heute mehr aufgegriffen und zunehmend enttabuisiert. Generell ist zudem in unserem Fachbereich auffallend, dass sich die klassischen Infektionserkrankungen in den letzten Jahrzehnten sicherlich dramatisch verringert haben. Die Frage ist nur, ob dies auch hält: Die letzte Masernepidemie in Österreich gab es 1995 und aufgrund der Beobachtungen in unseren Nachbarstaaten wäre eine weitere in nächster Zeit nicht auszuschließen. Von einer "Impfmüdigkeit", was etwa die Masernimpfung anbelangt, kann man jedoch nicht sprechen. 

Welche Ziele konnten Sie in Ihrer Amtsperiode umsetzen?

Mutz: Wichtig schien mir, ein offizielles Leitbild der Pädiater erstellen zu können: Die gemeinsame starke Vertretung, transparente Information oder eine öffentliche Sensibilisierung auf Themen der Kinder- und Jugendheilkunde haben hier einen großen Stellenwert. Zudem sind wir dazu aufgerufen, aktuelle sozialpolitische Entwicklungen mitzugestalten. Auch die Qualitätssicherung, die Ausbildungsrichtlinien und die wissenschaftliche Förderung für den Nachwuchs sind im Leitbild enthalten. Nicht zuletzt müssen wir uns bewusst machen, dass unser Fach ein großes Maß an Interdisziplinarität bedarf. In meine Amtsperiode fiel zudem auch die jüngst etablierte zusätzliche Mutter-Kind-Pass-Untersuchung zum Schuleintritt um das 5. Lebensjahr. Es sollten sich im Prinzip dadurch keine Mehrkosten ergeben, da die abnehmende Kinderzahl dem Mehraufwand entgegenwirkt. 

Wie kann man sich über die Tätigkeiten der Gesellschaft informieren?

Mutz: Neben der Organisation von Tagungen und Fortbildungsveranstaltungen für das medizinische Fachpersonal wollen wir uns mit unseren Anliegen selbstverständlich auch an Nicht-Mediziner wenden. Mit dem Eintritt ins Internet-Zeitalter war die Notwendigkeit gegeben, uns zusätzlich über dieses Medium zu vermitteln: Unsere Homepage www.docs4you.at, die seit einem Jahr existiert, verzeichnet mittlerweile rund eine Million Zugriffe.

Welche Zukunft hat der Berufsstand des Pädiaters angesichts der sinkenden Kinderzahlen?

Mutz: Mit Ausnahme dieses Jahres ist die Geburtenrate in Österreich in letzter Zeit ständig rückläufig. Selbst durch Migration - viele Großeltern unserer Patienten sind nicht in Österreich geboren - konnte diese Entwicklung nicht aufgehalten werden. Es wird daher dementsprechend weniger niedergelassene Kinderärzte und Betten in Spitälern geben müssen. Schließlich kann ich keine Spitäler für Ärzte bauen. Vielmehr muss man so realistisch sein, dass weniger Kunden entsprechend kleinere Abteilungen in Anspruch nehmen. Dazu kommt, dass die Zahl der notwendigen stationären Betreuungen - glücklicherweise - abnimmt. Allerdings muss, wenn ein Kind einmal ein Spitalsbett braucht, dieses auch verfügbar und eine fachlich optimale und kindgerechte Betreuung möglich sein! 

Haben Sie ein Anliegen an die Allgemeinmediziner als oftmals erste Anlaufstelle?

Mutz: Tatsächlich wird vor allem in den ländlichen Gebieten der Hausarzt zuerst kontaktiert. Da sich unser Fach jedoch zunehmend spezialisiert, wünsche ich mir rechtzeitig eine gute Zusammenarbeit mit den entsprechenden Fachärzten. Die Kooperation muss auf beiden Seiten liegen, der Pädiater den jungen Patienten bei einer Überweisung durch den Allgemeinmediziner nach Abklärung und eventueller Therapieverordnung zur Betreuung wieder zurückschicken. Da in den einzelnen Bezirken nicht immer ein Facharzt rund um die Uhr verfügbar ist und die Notfallsversorgung der Kinder und Jugendlichen meist durch den Arzt für Allgemeinmedizin erfolgt, sollte eine entsprechende Fortbildung absolviert werden, um auf die Besonderheiten dieser Patienten Rücksicht nehmen zu können. 

Welche Wünsche hätten Sie an die Politik?

Mutz: Dass das Kind ernst genommen werden soll, auch wenn es keine Wählerstimme hat. Der Arzt als "Fürsprecher des Kindes" reicht oft nicht aus, um gewisse Anliegen umsetzen zu können. Der Bau von Kinderbetten oder Spezialabteilungen unterliegt politischen Entscheidungen. 

Wie sehen Sie den Stellenwert des Kindes in unserer Gesellschaft?

Mutz: Ich wünsche mir, dass das Kind in der Familie als wichtiger und gleichberechtigter Partner akzeptiert wird. Dass alles - aber auch wirklich alles - getan wird, um frühkindliche Fehlentwicklungen zu vermeiden. Wenn ich einem Erwachsenen etwas antue, so hinterlässt dies keine so schweren Narben wie bei einem Kind. Die Folgewirkungen im späteren Leben wieder zu korrigieren, ist sehr schwer, wenn es überhaupt gelingt. Wir müssen uns dessen bewusst sein.

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