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30. Juni 2005

Immer mehr dicke Kinder

Jedes fünfte Kind und jeder dritte Jugendliche ist heute übergewichtig. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) spricht inzwischen sogar von einer "Adipositasepidemie". Weltweit gilt Adipositas als das am schnellsten wachsende Gesundheitsrisiko. Wenn sich der derzeitige Trend weiterhin fortsetzt, dann wird im Jahr 2040 die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung einen BMI (Body Mass Index) über 30 kg/m2 haben und damit übergewichtig sein. 
"Liegt ein Kind in seiner Entwicklung mit dem BMI über der 95.sten Perzentile, so ist es als adipös einzustufen", so Prof. Dr. Siegfried Gallistl von der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde Graz. "Mit zunehmendem Alter steigt der BMI und korreliert gut mit dem Körperfettanteil. Die geschlechtsspezifischen Normwerte sind altersabhängig." Die primäre Adipositas macht mit 95 Prozent den hauptsächlichen Anteil aus, lediglich fünf Prozent sind sekundär bedingt (zum Beispiel hypophysäre Störungen, Pankreastumore, Prader Willi Syndrom).

Genetisch-biologische Ursachen sind in der Lipolyse des Fettgewebes, der Appetitregulation, der spontanen körperlichen Aktivität sowie der Insulinsensitvität zu sehen. Eine wichtige Rolle spielen Hunger- beziehungsweise Sättigungsmechanismen. Im Hypothalamus wurden zwei verschiedene Regionen mit entgegengesetzter Wirkung auf die Nahrungsaufnahme identifiziert: der ventromediale Hypothalamus, der als Sättigungszentrum fungiert, und der laterale Hypothalamus, das Hungerzentrum. Beide Regionen stehen in Kontakt miteinander. Ist das eine Zentrum aktiv, wird das andere gehemmt und umgekehrt.

Gallistl: "Leptin meldet als peripheres Hormon des Fettgewebes den Zustand der Energiereserven des Körpers an das Zentralnervensystem. Über den kurzfristigen, gastrointestinalen Zustand hinausgehend informieren zwei weitere Sättigungsmechanismen den Körper über seine Energievorräte." Sie messen einerseits den kurzfristigen Energiespeicher (Glykogenvorrat) und andererseits die Fettspeicher, das langfristige Energiedepot. Für diese Mechanismen wurden die "glukostatische" und "lipostatische" Theorie aufgestellt. Die Informationen der Glukosesensoren der Leber werden über den Vagusnerv ans ZNS gesendet. "Adipositas wird nicht durch einen Mangel an Leptin verursacht, es ist vielmehr so, dass bei erhöhter Fettgewebsmasse auch der Leptinspiegel im Blut erhöht ist. Das heißt, dass der Körper die Information über den Füllungszustand der Fettspeicher an das ZNS schickt. Das ZNS ist bei Adipösen jedoch nicht in der Lage, das Signal richtig, also mit einer reduzierten Nahrungsaufnahme, zu beantworten", so Gallistl. 

Die Rolle der Umweltfaktoren

Dem Essverhalten müssen sowohl kognitive, biologische als auch emotionale Dimensionen zugeschrieben werden. Zusätzlich handelt es sich bei der Nahrungsaufnahme um einen Lernprozess, weshalb in der Therapie adipöser Kinder verhaltenstherapeutisch gearbeitet wird.Körperliche Aktivität spielt in der Energiebilanz eine große Rolle; die Spontanaktivität bei Kindern ist sehr unterschiedlich ausgeprägt, die Lernmuster aus dem Familienverhalten können diese verstärken oder auch abschwächen.

Therapie

Von größter Wichtigkeit ist die langfristige Ernährungsumstellung (siehe Kasten). Etwa die Hälfte der aufgenommenen Nahrung sollten Kohlenhydrate ausmachen, der Rest zu je einem Viertel Eiweiß und Fett. Sportliche Aktivitäten werden als fixer Bestandteil des Tages eingebaut, besonders geeignet sind Schwimmen, Radfahren und Rudern, oder auch einfach Stiegensteigen anstatt der Liftbenützung.Verhaltenstherapeutisch wird in Gruppen gearbeitet, wobei die Einbeziehung der Eltern einen wichtigen Faktor für den Therapieerfolg darstellt.

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