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30. Juni 2005

Traurig, aber wahr: Depressive Kinder

"Noch in den 60er-Jahren wurde die Existenz depressiver Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen angezweifelt, da auf Grund des noch vorherrschenden Grundgedankens davon ausgegangen wurde, dass es sich um die Folge einer zu engen Über-Ich-Bildung handle und diese bei Kindern noch nicht stattgefunden hätte", so OA Dr. Karl Steinberger, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Rosenhügel, Wien. 

"Etwas später wurde das Konzept der larvierten Depression etabliert. Erst in den 70er-Jahren wurde mittels systematischer Forschung der Beweis erbracht, dass die Symptomatologie der Depression jener bei Erwachsenen sehr ähnlich wäre. In den 80er-Jahren wurde über Studien belegt, dass ähnliche Lebensverläufe, Familienverhältnisse sowie genetische Belastung eine Rolle spielen." Zwei Untersuchungen kamen zu dem Ergebnis, dass Kinder erkrankter Eltern zu einem deutlich höheren Prozentsatz ebenfalls erkranken (top-down 15 bis 45 Prozent). Umgekehrt, vom Indexpatienten ausgehend, fand man bei depressiven Kindern deutlich mehr depressive Eltern (bottom-up 20 bis 46 Prozent) als in der Vergleichspopulation. 

Problem der Anamnese

Steinberger zur Frage nach einem Goldstandard der Informationsgewinnung: "Befragt man die Eltern der Betroffenen, so wird man über externalisierte Symptome erfahren, hier ist jedoch zusätzlich die eventuell bestehende Psychopathologie der Eltern zu beachten", warnt er. "Im Gespräch mit dem Kind oder Jugendlichen steht die internalisierte Problematik im Vordergrund. Suizidalität ist auch bei jungen Patienten zu explorieren, doch ist die Äußerung über Selbstmordgedanken bei Kindern und Jugendlichen differenziert zu werten. Die soziale Erwünschtheit der Aussagen spielt eine wichtige Rolle!" Für Außenanamnesen stehen noch Lehrer und Erzieher zur Verfügung, sie können wertvolle Informationen über soziale Aktivitäten und das Leistungsverhalten der Patienten beisteuern. Zur Symptomatik beziehungsweise Diagnose einer MDE (major depressive episode) müssen bestimmte Kriterien erfüllt sein (siehe Kasten). 

Multimodales Behandlungskonzept

"In der Kinder- und Jugendpsychiatrie ist alles sehr komplex und man hat eine Vielzahl von Informationen auf verschiedenen Ebenen zu berücksichtigen. Eine Therapieplanerstellung a priori ist nicht möglich", betont Prof. Dr. Brigitte Hackenberg, Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Univ.Klinik für Psychiatrie Innsbruck. "Generell haben Psychopharmaka in der Therapie der erkrankten Kinder und Jugendlichen einen geringeren Stellenwert als in der Erwachsenenpsychiatrie." Der wesentliche Unterschied liegt in der großen Abhängigkeit der kindlichen Erkrankung von den Umweltbedingungen.

Ein klassischer Kinder- und Jugendlichenbehandlungsplan besteht immer in einem multimodalen Konzept. Stets sollte darauf Rücksicht genommen werden, dass es sich bei depressiven Erkrankungen dieses Alters um ein Problem, den Ausdruck einer Störung und um ein Signal handelt. Hackenberg: "Zu betrachten ist grundsätzlich immer die Gesamtsituation des Kindes beziehungsweise Jugendlichen! Unsere therapeutische Herangehensweise ist eng mit der Frage der adäquaten Therapie verbunden. Es steht nicht, wie sonst üblich, die Effektivität im Vordergrund."

Folgende Punkte hat der Therapieplan zu beinhalten:

  • Pharmakotherapie
  • Einzel-/ Gruppenpsychotherapie
  • soziale Maßnahmen
  • Elternberatung
  • Erzieherberatung
  • Eventuell Familientherapie
  • Zur Pharmakotherapie ist zu erwähnen, dass die Diagnose exakt sein muss und die Verordnung durch einen erfahrenen Kinder- und Jugendpsychiater erfolgen soll.

In Verwendung sind Sertralin, Fluoxetin, Paroxetin sowie Mianserin und Opipramol. Die Besonderheit der Verschreibung liegt in der zu Erwachsenen unterschiedlichen Pharmakokinetik und das ausgeprägt individuelle Ansprechen.
Hackenberg: "Psychotherapie ist ein fixer Bestandteil der Behandlung! Die Möglichkeiten reichen von ,einfacher Beratung´ durch den Psychiater über Verhaltenstherapie, wobei diese Methode bisher am besten evaluiert ist. Abschließend möchte ich noch betonen, dass besonders darauf zu achten ist, ein depressives Kind oder Jugendlichen im psychotherapeutischen Setting nicht zu überfordern!" 

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