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30. Juni 2005

Cola und Salzstangerln sind out!

Tee, Cola und Fruchtsäfte. 16 Prozent der befragten - im medizinischen Bereich tätigen - Personen gaben in einer groß angelegten Multicenterstudie der "ESPGHAN" (European Society of Pediatric Gastroenterology, Hepatology and Nutrition) diese "Therapeutika" als Mittel der Wahl zur Behandlung einer akuten Diarrhoe an.

Weitere 21 Prozent führten eine Realimentierung erst nach 48 Stunden "Teepause" durch. "Nach wie vor werden viele Fehler bei der Behandlung der akuten Gastroenteritis begangen, entgegen den Erkenntnissen der vergangenen Jahre und Jahrzehnte", berichtet OA Dr. Ursula Goriup, Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde, Graz, auf der 40. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde im Wiener Juridicum Ende September.

Bei Kindern wird die Gastroenteritis in erster Linie durch Rota- oder Adenoviren, Salmonellen und Campylobacter hervorgerufen. Auch Enteropathogene und enterotoxische Escherichia coli, sowie Yersinien zeichnen dafür verantwortlich. 30 bis 40 Prozent der Keime sind nicht nachweisbar. Es kommt durch die Funktionsstörung der Zotten-Epithelzellen zu einer verminderten Resorption, über einen Ausfall der Kryptenowie zu einer vermehrten Sekretion. Zudem beherrscht eine vermehrte Peristaltik das Geschehen. Die klassischen Symptome Erbrechen, Durchfall und Fieber, die Dehydration und Azidose werden primär durch den Erreger verursacht. Sekundär kommt es über eine Funktionsstörung der Dünndarmmukosa zu einer Disaccharid-Intoleranz.

Längerfristige Resorptionsstörungen, protrahierter und chronischer Durchfall und eine Malnutration werden jedoch, so Goriup, vielmehr durch eine falsche Behandlung im Anfangsstadium der Krankheit verursacht. Um die Komplikationen gering zu halten, sei daher eine rasche Re-Hydratation und Re-Alimentation unbedingt nötig. Die bis in die 70er-Jahre weit verbreitete "Darmruhe" brachte keine Verbesserung der Schwere und Dauer der Erkrankung. 

Orale Rehydratationssalze

Die Erkenntnisse über die Funktionsweise des Darms Mitte der 60er-Jahre brachten die Rolle des stimulierenden Effektes der Glucose auf den Plan. Die Effektivität einer 1,3 bis 1,5-prozentigen Glucoselösung zur Natrium- und Wasserresorption war Basis der von der WHO empfohlenen ORS-Lösung (orale Rehydrationssalzen) für die Cholerapatienten der Entwicklungsländer.  "Die Entwicklung der ORS war für die Therapie aller akuten Durchfallserkrankungen ein Meilenstein in der Therapie", erklärt die Gastroenterologin. Aufgrund der Hypernatriämie und der damit verbundenen Krampfanfälle bei Kleinkindern, die unter der Therapie auftraten, wurde die natrium- und glucosereduzierte Rehydrationslösung (60 statt 90 mval Na/l) entwickelt. 

Der Einsatz der ORS mit reduzierter Osmolarität zeigte bei den betroffenen Kindern eine kürzere Durchfallsdauer, geringere Stuhlmengen und weniger Therapieversager, wie große retrospektive Studien zeigen konnten. Nicht geeignet sind, so Goriup, Lösungen ohne Natrium und Zucker oder hochosmolare Lösungen. "Kindern in den ersten Tagen Cola oder Isostar zu geben, ist keine geeignete Therapie!"  Die Empfehlung der GPGE (Gesellschaft für Pädiatrische Gastroenterologie) für die Behandlung kindlicher Diarrhoe lautet: Gestillte Kinder weiter stillen und zusätzlich eine niederosmolare ORS geben. 

Nicht gestillte Kinder sollten diese Lösung über 4-6 Stunden erhalten. Danach ist der rasche Beginn der Ernährung indiziert. Kommt es zu keiner Besserung, so ist über weitere zwei Stunden die Gabe von ORS indiziert. Goriup: "Der Vorteil des raschen Beginns normaler altersentsprechender Ernährung ist das Ausbleiben chronischen Durchfalls und Malnutration, sowie die Vermeidung einer Laktose- und einer Kuhmilchprotein-Intoleranz." Es sei hierbei weder eine Nahrungsmittelrestriktion noch eine Milchverdünnung nötig. Ein gradueller Nahrungsaufbau sei lediglich bei nicht gestillten Kindern unter sechs Monaten innerhalb der ersten 24 bis 36 Stunden empfohlen. "Auch eine voreilig angewandte paranterale Therapie ist kontraproduktiv. Die rasche orale Re-Hydratation verkürzt eindeutig die Krankheitsdauer und normalisiert den Appetit."

Nahrungskarenz schadet

Durch eine "therapeutische Nahrungskarenz" wird die Abgabe intestinaler Hormone blockiert, die Dünndarmmucosa in ihrer Funktion gestört, es kommt zur katabolen Stoffwechselsituation und Azidose. Die Schleimhaut kann schließlich atrophieren, Resorptionsstörungen sind die Folge. "Die immer noch gerne praktizierte ?arm-Ruhigstellung?ist daher obsolet", erklärt Goriup. Erst bei Schockzuständen, einer Dehydration über 20-23 Prozent oder dem Vorliegen einer Azidose ist eine i.v-Therapie angezeigt, das Kind muss stationär behandelt werden, so Goriup. Jedoch sollte auch hier so rasch als möglich mit der oralen Therapie begonnen werden.

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