zur Navigation zum Inhalt
 
30. Juni 2005

Und Freud hatte doch Recht

"Der Begriff der ’Zerebralparese’ umfasst kein nosologisch in sich geschlossenes Krankheitsgeschehen, sondern vielmehr eine Gruppe von Krankheitsbildern, die meist zu schweren Behinderungen führen", eröffnet Dr. Bernhard Resch, Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde Graz, seinen Vortrag am 35. Pädiatrischen Fortbildungskurs in Obergurgl Ende Jänner dieses Jahres. 

Gekennzeichnet sind diese Behinderungen durch 

  • eine Störung der motorischen Bewegungsabläufe, Funktionen und Haltung, die neurologisch klar charakterisiert ist als Spastik, Dyskinie oder Ataxie.
  • Das Fehlen einer Progredienz des zugrundeliegenden Prozesses
  • Eine Entstehung durch eine prä-, peri- oder neonatale Schädigung des Gehirns.

"Dyskinetische und ataktische CP sind selten. Bei der Diagnose dieser Formen der CP muss gesichert sein, dass sich nicht doch eine progrediente, eine genetisch relevante Erkrankung oder eine Raumforderung hinter der neurologischen Symptomatik verbirgt", erklärt Resch. 

Die bilateral spastische CP kann stark asymmetrisch ausgeprägt sein. Die ?inimale Zerebralparese?bezeichnet neurologische Symptome, die sehr leicht diskrete, aber unter Anforderungssituationen typische Haltungs- und Bewegungsschablonen der definierten Untergruppen der CP zeigen. "Dies sollte nicht mit den Begriffen ?otorische Koordinationsstörung?oder ?inimale zerebrale Dysfunktion?verwechselt werden", so Resch weiter. Die Prävalenz der CP liegt international relativ einheitlich bei 2,0 bis 2,5 pro 1.000 Lebendgeburten, wobei sie mit sinkendem Geburtsgewicht deutlich zunimmt. Resch: "Interessant sind Beobachtungen von CP-Registern mit langer Laufdauer. Diese zeigen eine Abnahme der CP-Prävalenz in den 50er- und 60er-Jahren - bis auf 1,3 - und einen deutlichen Anstieg in den 70er- und 80er-Jahren." Diese hänge mit dem zunehmenden Überleben sehr kleiner Frühgeburten zusammen. "Erst Ende der 80er- Jahre beginnt der Trend zur CP-Prävalenzzunahme bei den Frühgeborenen zu stagnieren und es mehren sich Berichte über sinkende Raten an Behinderungen bei weiterer Abnahme der Mortalität."

Hinsichtlich Ätiologie und Pathogenese der CP ist die morphologisch unterschiedliche Vulnerabilität des Gehirns in Abhängigkeit vom jeweiligen Reifezustand zu beachten.  "Bis zirka zur 24. Schwangerschaftswoche führen Störungen zu Fehlbildungen, ab dem späten zweiten Trimenon zu Defektbildungen", erläutert Resch. Zwischen der 24. und 36. Woche stehen periventrikuläre Läsionen im Vordergrund, also Schädigungen der weißen Substanz in Form der periventrikulären Leukomalazie, intra-/periventrikulären Blutung sowie der hämorrhagischen Infarzierung. 

"Beim reifen Neugeborenen ist die graue Substanz Prädilektionsort einer Schädigung. Ein weiteres Schädigungsmuster stellen Infarkte der großen Hirnarterien dar", definiert Resch. "Prinzipiell muss von dem Konzept, dass intrapartale Asphyxie und intrapartales Trauma die Hauptursachen der Zerebralparese sind, abgegangen werden. Nach heutigem Wissensstand kann nur ein Prozentsatz von drei bis maximal 15 Prozent von Entwicklungsstörungen auf intrapartale Schädigungen zurückgeführt werden. Das Konzept von Sigmund Freud, dass die meisten Fälle von Zerebralparese pränatalen Ursprung haben, gewinnt zunehmende Unterstützung", so Resch abschließend.

Krankheitsbilder der Zerebralparese

  • periventrikuläre Leukomalazie: Pathogenetisch spielen hypoxisch-ischämische Läsionen als auch intrauterine Infektionen ein Rolle. In Abhängigkeit von Lokalisation und Größe der Zysten findet sich eine CP-Rate von bis zu 100 Prozent der betroffenen Kinder.
  • Intraventrikuläre Blutung (IVH): Komplikation einer schweren IVH kann eine periventrikuläre Infarzierung sein. Eine Folgekomplikation davon wiederum stellt der posthämorrhagische Hydrocephalus (PHH) dar.
  • Infarkte der großen Arterien: vorwiegend A.cerebri media betroffen. Entstehung meist im späten 3. Trimenon.
  • Kernikterus: Das typische neurologische Krankheitsbild der choreoathetoiden CP ist heute ein extrem seltenes Krankheitsbild. 
  • Anfang der 50er-Jahre waren noch etwa 6 % aller CP-Fälle auf einen Kernikterus zurückzuführen.
  • Intrakranielle Infektionen: "TORCH":
    T : Toxoplasmose 
    O : "others" wie Syphilis oder AIDS
    R : Röteln
    C : Cytomegalie
    H : Herpes simplex
    Häufig mit intrauteriner Wachstumsretardierung verbunden, weiters werden intrakranielle Verkalkungen, Microcephalie, kongenitaler Hydrocephalus, Menigoencephalitis, Chorioretinits, Hepatosplenomegalie, Hyperbilirubinämie, Petechien, Anämie, Katarkt und Anfälle diagnostiziert.
  • hypoxisch-ischämische Enzephalopathie: die Definition basiert auf dem Vorhandensein neurologischer Abnormitäten innerhalb der ersten 24 Lebensstunden sowie der Evidenz einer "peripartalen Asphyxie" (niedriger 1-oder 5-Minuten-Apgarwert, niedriger Nabelarterien pH, pathologisches Kardiotokogramm, missfärbiges Fruchtwasser, metabolische Azidose des Kindes und/oder Zeichen einer Multiorganschädigung.

Dr. Karin Reischl, Ärzte Woche 7/2002

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben