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30. Juni 2005

Schmerzen der Kinder oft bagatellisiert

Überholte Mythen, falsche Vorurteile und unbegründete Ängste führen häufig dazu, dass Schmerzen von Kindern bagatellisiert und nicht ausreichend beziehungs- weise gar nicht behandelt werden. 60 bis 80 Prozent der Kinder haben bereits mindestens einmal in ihrem Leben Kopfschmerzen gehabt, und bis zu zwölf Prozent der Jugendlichen leiden an Migräne. Die Schmerzreaktion ist bereits bei Säuglingen voll ausgebildet. Schmerzreize hinterlassen im heranreifenden Nervensystem eine Gedächtnisspur, die Jahre lang aktiv sein und zu chronischem Schmerz führen kann.

"Kinder sind häufig Stiefkinder der Schmerztherapie, weil falsche Mythen verhindern, dass sie eine angemessene Schmerzbehandlung bekommen", sagte Doz. Dr. Rudolf Likar, Leiter der interdisziplinären Schmerzambulanz am LKH Klagenfurt und Präsident der Österreichischen Schmerzgesellschaft, zum Abschluss der 3. Österreichischen Schmerzwoche.
Einige dieser widerlegten Vorstellungen seien, dass Frühgeborene keine Schmerzen spüren, dass Neugeborene höhere Schmerzschwellen haben, dass Kinder sich kaum an durchlittene Schmerzen erinnern können, oder dass sich kindliche Beschwerden wie Kopf- oder Bauchschmerzen generell "auswachsen". Likar: "Das ist alles grundfalsch. Auch die Schmerzen von Kindern müssen unbedingt angemessen behandelt werden."

Schmerz zieht Gedächtnisspur

Heute sei bekannt, dass Schmerzschwellen bei Früh- und Neugeborenen sogar generell niedriger, und die Schmerzreaktionen bei Säuglingen stärker ausgeprägt sind als bei Jugendlichen oder Erwachsenen.
Tatsächlich beginnt die Reifung der für das Schmerzempfinden verantwortlichen Schmerzbahnen bereits beim 24-wöchigen Embryo und ist bei Früh- und Neugeborenen vollständig abgeschlossen.
Bleibt der Schmerz bei Klein und bei Kleinstkindern un- oder unterbehandelt, könne das qualvolle Konsequenzen nach sich ziehen. "Die Schmerzreize hinterlassen im heranreifenden Nervensystem des Säuglings eine Gedächtnisspur, die auch noch nach Jahren aktiv sein kann", erklärt Likar. "So können Chronifizierungs-Prozesse schon in der Kindheit einsetzen, wenn die Schmerzen nicht ausreichend behandelt werden." Deshalb können scheinbar harmlose Schmerzreize bei Neugeborenen das Schmerzsystem auch langfristig ungünstig beeinflussen. Die betroffenen Kinder sind später schmerzempfindlicher.
Auch bei älteren Kindern werde der Schmerz oft bagatellisiert. Likar: "60 bis 80 Prozent der Kinder haben bereits mindestens einmal in ihrem Leben Kopfschmerzen gehabt, und bis zu zwölf Prozent der Jugendlichen leiden an Migräne."
Likar: "Ein beträchtlicher Teil der betroffenen Kleinen nimmt diese Leiden ins Erwachsenenalter mit. Untersuchungen zeigen, dass mehr als die Hälfte der von Kopfschmerzen geplagten Kinder auch noch nach Jahrzehnten Kopfschmerzen haben, in späteren Jahren kommen oft weitere körperliche und psychische Beschwerden wie zum Beispiel Rückenschmerzen dazu."

Gleicher Schmerz, aber eine andere Ausdrucksweise

Was Kinder also dringend brauchen, ist eine adäquate Schmerztherapie, die von erfahrenen Schmerzexperten durchgeführt werden sollte. "Derzeit wird häufig aus den besten Absichten heraus die Schmerztherapie stark eingeschränkt oder gar nicht durchgeführt", beobachtet Likar. "Das passiert aufgrund unzureichender Schmerzerfassung bei Kindern und der Annahme, dass Schmerzmittel bei ihnen anders wirken sowie aus der Unsicherheit bezüglich der richtigen Dosierung."
Anders als bei Erwachsenen ist bei Kindern allerdings die Artikulation von Schmerz. Likar: "Es bedarf großer Erfahrung bei Ärzten und Betreuungspersonal, um das Leiden von Säuglingen und Kleinkindern zu erkennen und die Wirkung einer Schmerzbehandlung abzuschätzen."

Zäpfchen oder Saft statt Spritze

Eine angemessene Behandlung von kindlichem Schmerz sei oft sehr einfach: Schon mehr Zuwendung, bessere Lagerung, Kühlung oder Ruhigstellen können Schmerzlinderung bringen. Sind jedoch die Schmerzen damit nicht zu beseitigen, so soll und muss man nach Ansicht des Experten schmerzlindernde Medikamente einsetzen.
"Dafür stehen grundsätzlich die gleichen Substanzen wie für Erwachsene zur Verfügung, es muss allerdings möglichst eine Darreichungsform gewählt werden, die für den kleinen Patienten weder angstmachend noch unangenehm oder schmerzhaft ist: Injektionen sind schmerzhaft und bedrohlich. Tabletten, Dragees und Kapseln sind manchmal schwierig zu verabreichen. Am besten eignen sich geschmacksneutrale Lösungen und Emulsionen sowie Zäpfchen", so der Schmerztherapeut.

Keine Angst vor Opioiden bei Krebsschmerz

Rund 60 Prozent der krebskranken Kinder leiden bereits bei Diagnosestellung unter starken Schmerzen. Für sie stehen zum Beispiel mit "Rheumamitteln" aus der Gruppe der Nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR), Paracetamol, Metaminzol, lokalen Behandlungsmethoden oder hochwirksamen Opioid-Schmerzmitteln hochwirksame Medikamente zur Verfügung.
"Die noch immer verbreitete Angst vor Opioiden bei Kindern ist unbegründet, bei richtiger Dosierung und langsamem Absetzen bei Beendigung der Therapie kommt es dabei weder zu psychischer noch zu körperlicher Abhängigkeit", stellt Likar noch immer verbreitete falsche Vorurteile richtig. Innerhalb der voreingestellten Grenzen können sich die Kleinen jederzeit per Knopfdruck eine Opioid-Dosis verabreichen.

Quelle: Presseaussendung von der 3. Österreichische Schmerzwoche der Österr. Schmerzgesellschaft Klagenfurt, 6. Oktober 2003

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