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30. Juni 2005

Wann droht Gefahr für Kindernieren?

Erkrankungen der Niere bleiben bei Kindern oft lange Zeit unentdeckt. Doch gerade bei den jungen Patienten sollte eine rechtzeitige Abklärung einer nephrologischen Funktionsstörung erfolgen, um Spätschäden zu vermeiden. Viele nephrologische Krankheiten können mit den heute zur Verfügung stehenden modernen Methoden bereits gänzlich abgeklärt werden. Wenn eine frühe Diagnostik schwerwiegende Nierenerkrankungen auch nicht heilen kann, so hat sie doch einen wesentlichen Einfluss auf einen prognostisch günstigeren Verlauf. Die ÄRZTE WOCHE sprach mit Prof. Dr Engelbert Hanzal von der Universitätskinderklinik am Wiener AKH über Wissenswertes rund um die kindliche Niere.

Wie sind Erkrankungen der Niere bei Kindern zu bemerken? Worauf sollten Allgemeinmediziner und Pädiaterachten?

HANZAL: Nierenerkrankungen beginnen häufig schleichend. Oft kommt man erst in späten Stadien der Erkrankung zur Diagnose.

Gerade im Säuglings- und Kleinkindesalter stehen bei Erkrankungen des Harntraktes gastrointestinale Symptome im Vordergrund. Die Kinder wirken krank, haben hohes Fieber, Durchfall und Erbrechen. Bei Vorliegen derartiger Symptome ist daher immer eine Harnuntersuchung durchzuführen. Bei Minderwuchs oder einem Entwicklungsrückstand sollte auch an eine Nierenerkrankung gedacht werden. Hier ist der altersabhängige Serum-Kreatininwert zu berücksichtigen. Für Kinder ist ein Serum-Kreatinin von über eins bereits bedenklich und Anlass für eine Clearance-Messung.

Einen Sonderfall stellt die "hereditäre juvenile Nephronophthise" dar. Diese autosomal rezessive vererbte Erkrankung betrifft nicht nur die Niere, sondern auch Auge, Leber, Gehirn oder Knochen. Das Kind hat Fieber, eine Polydipsie und eventuell vermehrten Salzverlust. Es kommt zu einer Enuresis, einem Knick in der Wachstumskurve, die Patienten wirken kränklich und blass. Bei einem solchen Bild gilt: an die Niere denken und diese Kinder an ein entsprechendes Zentrum zur weiterführenden Diagnostik überweisen. Die Diagnose ist durch gentechnologische Methoden möglich, sodass man den Kindern eine Nierenbiopsie ersparen kann.

Muss ein banaler Harnwegsinfekt bei Kindern genauer abgeklärt werden?

HANZAL: Bei einem Harnwegsinfekt im frühen Lebensalter sind die Säuglinge meist schwer krank und oft ist eine stationäre Aufnahme indiziert. In der Regel wird in der Klinik eine weiterführende Abklärung erfolgen, um gefährdete Kinder herauszufiltern. Bei ambulant gemanagten "ersten Infektionen", wo es durch eine antibiotische Therapie rasch zu einer Besserung der Symptomatik kommt, wird nach Abklingen der Krankheit oft nicht weiter kausal geforscht. Allerdings wissen wir, dass aufgrund von Infektionen schwerste Nierenschäden entstehen können. Schließlich vergeht meist einige Zeit, bis ein entsprechendes Antibiotikum verabreicht wird. Bis zum zweiten oder dritten Lebensjahr können bereits sehr gravierende Schäden vorhanden sein. Obwohl die Infektion das eigentlich schädigende Agens ist, sind Risikofaktoren wie ein Reflux, eine Abflussbehinderung oder eine Stauungsnephropathie prädisponierend. Wichtig ist die Kooperation mit entsprechenden Zentren zur Abklärung bestimmter Nierenerkrankungen.

Ein Thema der von Ihnen geleiteten diesjährigen wissenschaftlichenTagung der Arbeitsgemeinschaft für pädiatrische Nephrologie war der Stand der Entwicklung im Bereichvon Transplantation und Dialyse.Was gibt es hier Neues?

HANZAL: Dank enormer Fortschritte bei Dialyse- und Transplantationstechniken werden immer jüngere Kinder mit terminalem Nierenversagen in entsprechende Programme aufgenommen.

Vor zehn Jahren noch wurden Kleinkinder mit irreversiblen Nierenschäden de facto nicht therapiert. Und vor 30 Jahren waren Kinder durch die mangelhafte Nierenfunktion und die dadurch nicht gebildeten Vitamin D-Metaboliten schwer in ihrer Entwicklung behindert.

Die Peritonealdialyse in der neuen Form CAPD (kontinuierliche ambulante Peritonealdialyse) ist für Kinder besonders geeignet. Das Ziel bleibt jedoch stets die ehestmögliche Transplantation. Der Trend geht in Richtung "neues Organ vor Dialyse". Schließlich ist erst die Transplantation Grundlage für die weitere medizinische und psychosoziale Rehabilitation.

Ab welchem Alter kann eine Nierentransplantation durchgeführt werden?

HANZAL: Eine Transplantation ist im Prinzip schon unter einem Körpergewicht von 10 kg möglich. Immer mehr pädiatrische Nephrologen tendieren dazu, bereits Neugeborene einer Transplantation zu unterziehen. Mittlerweile gibt es keine Altersbeschränkung nach unten mehr. Zur Zeit beträgt die Wartezeit auf ein Spenderorgan im Durchschnitt etwa 15 Monate, Tendenz fallend. Bei Lebendspendern ist der Benefit für den Empfänger nach dem Eingriff höher. Die Erfolgsrate liegt nach 10 Jahren bei 60 Prozent, durch die Verbesserung immunsuppressiver Maßnahmen führen Kinder mit einer Spenderniere ein gutes Leben.

Wie ist ein erhöhter Blutdruckbei Kindern zu bewerten?

HANZAL: Die Wurzel kardialer Probleme oder Insulte im jungen oder mittleren Erwachsenenalter liegt oft in einer nicht behandelten Hypertonie im Kindesalter. Die Kombination eines erhöhten Blutdruckes mit Übergewicht und Bewegungsarmut, die wir bei vielen Kindern finden, macht aber oft bis ins mittlere Lebensalter keine Beschwerden. Daher ist die Prävention von großer Bedeutung. Auch bei Vorliegen von Kopfschmerzen sollte nach einer Hypertonie als möglicher Ursache gefahndet werden.

In Gymnasien etwa haben von 1.000 untersuchten Kinder durchschnittlich 3 bis 10 Kinder eine Hypertonie. Sie müssen genau abgeklärt werden, etwa mit einer 24 Stunden-Blutdruckmessung. Auch die Untersuchung der Niere ist nötig, da die gewebsschädigende Wirkung eines erhöhten Blutdruckes zum Nierenversagen führen kann. Zudem beruhen 90 Prozent von Sekundärhypertonien auf Nierenschäden. Bei Vorliegen einer Proteinurie ist die Normalisierung eines erhöhten Blutdruckes essentiell.

Welche Substanzen sind zurBehandlung einer Hypertonie imKindesalter geeignet?

HANZAL: Es werden vor allem ACE-Hemmer eingesetzt. Diese Substanzen verringern die Proteinurie und senken den Angiotensin II-Spiegel. Durch die Hemmung dieses auf die Nierenzellen wirkenden Wachstumsfaktors kann eine mögliche Sklerosierung verhindert werden. Auch AT-II- Antagonisten sind geeignet.

Was wünschen Sie sich von denniedergelassenen Kollegen?

HANZAL: Bei jeder "kinderärztlichen Untersuchung" durch den Pädiater oder den Allgemeinmediziner ist neben der Bewertung der Perzentilenkurven auch eine Blutdruckmessung wünschenswert. Bei den schulärztlichen Kontrollen ist dies leider zur Zeit nicht vorgesehen. Heutzutage ist durch die Schaffung altersspezifischer Normwerte die Basis für eine korrekte Beurteilung einer Hypertonie in jungen Jahren gegeben. Die Kenntnis um diese Normwerte sowie das Vorhandensein von Blutdruckmanschetten in korrekter Größe sind erforderliche Bestandteile einer fachgerechten Betreuung junger Patienten.

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 29/2001

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