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30. Juni 2005

Zappelphilipp und Co.

Kinder mit Zappelphilipp-Syndrom, also einer hyperkinetischen Störung, werden auch heute immer wieder sozial ausgegrenzt. Vermieden werden kann dies nur mit früher Therapie. Nur so besteht die Chance, die Isolation in der Gruppe, der Klasse, aber auch in der Familie zu durchbrechen.

Diagnostische Schnellschüsse identifizierten meist die falschen Kinder, so Professor Hubertus von Voss vom Institut für Soziale Pädiatrie und Jugendmedizin an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Selbst nahezu eindeutige Zeichen könnten in die Irre führen. Schwere somatische oder psychische Erkrankungen, emotionale Belastungen oder Gewalt müssten unbedingt ausgeschlossen werden, so von Voss in einem Sonderheft der "Kinderärztlichen Praxis" zum hyperkinetischen Syndrom.

Die meisten Merkmale der Erkrankung sind bereits in der am häufigsten gebrauchten Bezeichnung "Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung" (ADHD - Attention Deficit Hyperactivity Disorder) enthalten:

  • Hyperaktivität: Das Kind zappelt häufig mit Händen und Füßen, hat einen unangemessenen Bewegungsdrang, der von außen nicht beeinflussbar ist und hat generell Schwierigkeiten, sich ruhig zu beschäftigen.
  • Unaufmerksamkeit: Tätigkeiten werden früh abgebrochen und oft gewechselt, das Kind kann sich nicht auf eine Sache konzentrieren, lässt sich leicht ablenken und macht in der Schule viele Flüchtigkeitsfehler.
  • Impulskontrollstörung: Das Kind platzt oft mit Antworten heraus, ohne das Ende einer Frage abzuwarten, es unterbricht und stört rücksichtslos andere Kinder oder Erwachsene und redet zuviel, ohne auf entsprechende Hinweise zu achten.

Wichtig für die Diagnose sei, dass diese Leitsymptome über mindestens sechs Monate ununterbrochen vorliegen, so Professor Bernhard Blanz von der Universitätskinderklinik in Jena in der selben Zeitschrift. Zudem träten die Symptome nicht nur in ganz bestimmten Situationen, sondern situationsübergreifend auf. Fakultative, aber häufige Begleitsymptome seien Distanzstörungen, Unbekümmertheit in gefährlichen Situationen, Auffälligkeiten in der Sprachentwicklung oder motorische Ungeschicklichkeit, so Blanz. Außerdem wichtig: Der Erkrankungsbeginn liegt oft im Vorschulalter.

Um einen Verdacht abzuklären, sind nach Ansicht von Blanz Kurzfragebögen nach Conners geeignet, die Eltern oder Lehrer ausfüllen können. Die ausführliche Untersuchung entsprechend der Kriterien nach ICD-10 und DSM-IV sollte einem Kinder- und Jugendpsychiater überlassen werden, meint Dr. Franz Joseph Freisleder von der Heckscher-Klinik aus München. Dies soll verhindern, dass bei leichteren Aufmerksamkeitsproblemen und gelegentlicher motorischer Unruhe die Diagnose fälschlicherweise gestellt wird.

Grundbaustein der Therapie ist Methylphenidat (Ritalin®). Das Mittel greift in pathologisch veränderte Hirnstoffwechselprozesse korrigierend ein. Tierexperimente haben ergeben, dass die mangelhafte Fähigkeit, bestimmte Verhaltensweisen ausreichend zu hemmen, über eine Dysfunktion der dopaminergen Neurotransmission vermittelt sein könnte. Bei Erwachsenen mit ADHD hat man eine erhöhte Dichte an Dopamintransportern im Gehirn beobachtet. Unter Methylphenidat sank die Dichte an Dopamintransportern und erhöhte sich das am synaptischen Spalt vorhandene Dopamin. Folge: Zentralnervöse, hemmende Kontrollmechanismen werden verbessert, das Patienten-Verhalten stabilisiert sich.

Unerwünschte Wirkungen von Methylphenidat wie Appetit- und Schlafstörungen sind selten und verschwinden oft spontan. Ein Auftreten von Tics kann allerdings das Ende der Behandlung erfordern, aber auch Tics können spontan verschwinden. Eine immer wieder befürchtete Suchtgefahr besteht nicht. Alle sechs bis zwölf Monate kann ein Auslassversuch unternommen werden, am besten in den Ferien. Alternative Mittel sind trizyklische Antidepressiva, Amphetamin oder das Sympathomimetikum Pemolin. "Sofern das Kind seine Verhaltensstabilisierung nur der Medikation und nicht auch seinen eigenen Kräften zuschreibt, entsteht eine kognitive Abhängigkeit, die der Entwicklung zu Autonomie und Kompetenz entgegenläuft", betont der Kinderpsychiater Professor Hans-Christoph Steinhausen aus Zürich.

Ziele von Verhaltenstherapie und Sonderpädagogik

Prinzipiell sollte deshalb multimodal behandelt werden. Dazu gehören verhaltenstherapeutische und sonderpädagogische Maßnahmen. Die Verhaltenstherapie hat zum Ziel, die sozialen Beziehungen des Kindes zu verbessern und Kompetenzen aufzubauen. Die häufigen Lernstörungen können mit speziellen Unterrichtsformen oder in Spezialklassen angegangen werden.

ÄZ/Thomas Meissner, Ärzte Woche 16/2001

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