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30. Juni 2005

Gefährliches Köpfeln beim Kicken

Passend zur Fussball-WM ist es jetzt auch wissenschaftlich belegt: das Gefährlichste am Fußball sind die Kopfbälle. 
Vor allem Kinder und Jugendliche müssen, so fordert ein kürzlich veröffentlichter Report der National Academy of Sciences (NAS), besser vor Gehirnerschütterungen geschützt werden. Sie treten bei diesem Sport häufiger als bekannt auf und werden leider nur selten adäquat diagnostiziert. 
Seit Jahren wird unter Sportmedizinern die Frage diskutiert, ob beim Fußball erlittene Kontusionen bei Kindern zu einem Gehirnschaden mit kognitiven Entwicklungsstörungen führen können. 
Der reguläre Kopfball ist nach Einschätzung von Don Kirkendall von der University of North Carolina nicht das Problem, das zielgenaue Treffen des Balles - der mit bis zu 110 km/h auf den Kopf auftreffen kann - mit dem Stirnbein ist wenig verletzungsträchtig.

Viele Gehirnerschütterungen bleiben unbemerkt

Die schwerwiegenden Kopftraumen geschehen vielmehr, wenn ein darauf nicht vorbereiteter Spieler versehentlich angeschossen wird, vor allem aber, wenn zwei Spieler mit den Köpfen zusammenstoßen. Rund 40 Prozent der amerikanischen Jugendlichen, die regelmäßig Fußball spielen, haben bis zum Erreichen der Hochschulreife mindestens einmal eine Gehirnerschütterung erlitten. Bei dem als viel gewalttätiger geltenden American Football ist diese Quote deutlich niedriger.
Viele Gehirnerschütterungen verlaufen unbemerkt und werden etwa von Trainern, Eltern oder Schiedsrichtern kaum richtig eingeordnet. Verletzungen an den Extremitäten erfreuen sich einer wesentlich größeren Aufmerksamkeit. 

Als wichtigste Hinweise auf die beim Fußball häufigen leichten Kontusionen gelten:

  • verlangsamte Antworten 

  • leicht verwirrter Gesichtsausdruck 

  • Desorientierung 

  • Sprachstörungen 

  • Koordinationsschwierigkeiten. 

Eigentlich sollten die Patienten in Verdachtsfällen, so der Neurologe J. Kelly aus Chicago, ein MRT erhalten, um die typischen Manifestationen der Kontusion, die Gehirnschwellung und das Auftreten kleiner, meist über das Kleinhirn verteilter Blutungen, nachzuweisen oder auszuschließen. 
Vor allem Kostengründe sprechen gegen dieses Vorgehen in der Praxis.

Spieler und Betreuer unterschätzen die Verletzung

Die Verletzung wird nicht nur von den Betreuern, sondern auch von jugendlichen Spielern weithin unterschätzt. In einer Studie wurden College-Studenten, die eine Kontusion erlitten hatten, einer Testreihe unterzogen, die unter anderem das Konzentrationsvermögen, die Reaktionszeit, das Gedächtnis und die Fähigkeit zur Problemlösung ermitteln sollten. 
Noch bis zu 30 Tage nach dem Ereignis waren diese Fähigkeiten bei den Sportlern gegenüber einer Vergleichsgruppe ohne Gehirnerschütterung deutlich verzögert. Die Autoren des Reports werten dies als Hinweis darauf, dass die Erholungszeit nach Kontusionen bislang unterschätzt wurde. 
Längerfristige Schäden wurden vor allem in niederländischen Studien festgestellt. Dabei hatten jugendliche Fußballspieler im Vergleich zu Gleichaltrigen, die andere Sportarten betrieben, deutlich reduzierte Scores beim verbalen und bildlichen Gedächtnis, in der Fähigkeit, planvoll und analytisch vorzugehen, und in der mentalen Flexibilität. 
Derartige Langzeiteffekte wollten die amerikanischen Neuropsychologen und Sportmediziner allerdings aus eigenen Erfahrungen nicht bestätigen. Der Grund: Im amerikanischen Soccer - die Sportart mit den höchsten Zuwachsraten in den USA, die inzwischen mehrheitlich von Frauen und Mädchen gespielt wird - seien die Bälle nicht so hart. Außerdem würden besonders aggressive Athleten in amerikanischen Schulen nicht gefördert oder gar von der Fußballmannschaft ausgeschlossen. Die Academy schlägt vor, Spieler nach einer Kopfverletzung auszuwechseln.
Bei Kindern unter zehn Jahren sollte Fußball grundsätzlich ohne Köpfeln gespielt werden. Eine im Sommer beginnende Langzeitstudie über fünf Jahre soll nun endgültig Klarheit darüber bringen, ob der Kopf beim Fußball wirklich nachhaltigen Schaden erleidet.

Commotio cordis

Unter besonders tragischen Umständen kann ein Fußballspiel auch tödlich enden: zum Beispiel, wenn ein Fußball mit Wucht auf den Brustkorb des Torwarts oder eines Spielers donnert und über eine Commotio cordis zum plötzlichen Herztod führt. 
Zur Commotio cordis kommt es, wenn ein Schlag das Präkordium genau in der vulnerablen Phase der Repolarisation (unmittelbar vor dem Peak der T-Welle) trifft. Folge davon sind häufig schwerwiegende Arrhythmien wie Kammerflimmern mit nachfolgender Asystolie. 
Kinder und Jugendliche sind von der meist tödlich endenden "Herzerschütterung" besonders häufig betroffen. Eine amerikanische Arbeitsgruppe um Dr. Barry J. Maron von der Minneapolis Heart Institute Foundation analysierte im "JAMA" 128 Fälle einer Commotio cordis. Das Durchschnittsalter der Betroffenen lag bei nur 13,6 Jahren. Nur 21 Patienten überlebten das Ereignis. 

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