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30. Juni 2005

Auch Kinder können schon Depressionen haben

"Etwa O,4 bis 2,5 Prozent aller Kinder leiden an Depressionen, Buben und Mädchen gleich häufig. Die Gestimmtheit des Kindes hängt primär von der Persönlichkeit ab, teilweise ist sie auch genetisch bedingt", sagte Prof. Dr. Max Friedrich, Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Wien, im Rahmen einer Fortbildungsveranstaltung. Eine Verstimmung beruhe oft auf einer Belastungsreaktion, man müsse das Kind daher unbedingt in seiner sozialen Umgebung und nicht isoliert beurteilen, empfahl der Experte.

Im Jugendalter liegt die Depressionsprävalenz bereits bei 15 bis 20%, vergleichbar mit der Rate bei Erwachsenen. Auch die Geschlechtsverteilung beträgt bereits zwei Drittel weibliche und ein Drittel männliche Patienten. Wegen der physiologischen Stimmungsschwankungen ist die Diagnostik während der Pubertät besonders schwierig. Speziell in den Zeugnismonaten Februar und Juni steigt auch die Suizidrate: Burschen neigen mehr zum Erschießen, Mädchen zu Tabletten oder dem Sprung aus dem Fenster. Das Vorhaben wird angekündigt und offensichtlich geplant.

Im Entwicklungsverlauf verändert sich die Symptomatik der Depression: "Ein- bis Dreijährige wirken traurig mit ausdrucksarmem Gesicht, sind irritierbar und haben ein gestörtes Schlaf- und Essverhalten", beschreibt Friedrich. Jactatio capitis, exzessives Daumenlutschen und genitale Manipulationen kommen ebenso vor wie auffälliges Spielverhalten mit reduzierter Kreativität und Phantasie bei Spielunlust. Mit 3 bis 6 Jahren kommen zum traurigen Gesichtsausdruck mit verminderter Mimik und Gestik noch Stimmungslabilität, mangelnde Fähigkeit, sich zu freuen ,und introvertiertes oder aggressives Verhalten. Die Essstörungen führen zu Gewichtsverlust oder -zunahme, das Kind leidet unter Alpträumen, Ein- und Durchschlafstörungen, das Interesse an motorischen Aktivitäten ist vermindert. Schulkinder können schon über Traurigkeit und suizidale Gedanken berichten. Schulleistungsstörungen können oft "Testcharakter" haben: Das Kind befürchtet, von den Eltern nicht genügend beachtet zu werden, und erprobt seinen Wert für diese. Auch psychosomatische Beschwerden wie Magen-Darm-Symptomatik und Kopfschmerzen können auftreten. Im Pubertäts- und Jugendalter stehen vermindertes Selbstvertrauen, Apathie, Angst und Konzentrationsmangel im Vordergrund. Das körperliche Befinden ist zirkadian gestört, auch die Leistungen sind instabil.

"Therapeutisch sollten zuerst psychosoziale und psychotherapeutische Optionen ausgeschöpft werden, bevor man an Medikamente denkt", empfiehlt der Experte. Trizyklika seien nicht effektiver als Placebo, wirkten aber kardiotoxisch (Suizid!) und führten zu Hypotonie, Akkomodationsstörungen und Mundtrockenheit. Besser seien selektive Serotoninwiederaufnahmehemmer (SSRI). Sie sind leicht einzunehmen (einmal täglich!), haben geringe Nebenwirkungen und sind bei Überdosierung nicht letal. "Werden junge Patienten rechtzeitig behandelt, beträgt die Heilungsrate etwa 70 Prozent", so Friedrich.

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