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Innere Medizin 17. Oktober 2005

Infekte bei Kindern: Was ist normal?

Wenn eine Mutter ihr Kind mit den Worten „Mein Kind ist immer krank!“ in der Sprechstunde vorstellt, handelt es sich meist um eine physiologische Infektanfälligkeit, die keiner spezifischen Therapie bedarf. Hauptaufgabe des Arztes ist, die Eltern aufzuklären und zu beruhigen, dass die Infekte im Laufe der Zeit seltener werden. Trotzdem ist jede einzelne Infektion ernst zu nehmen.

Eine physiologische Infektanfälligkeit beruht auf einer partiellen „Unreife“ immunologischer Funktionen und darauf, dass das Kind erkrankt, wenn es zum ersten Mal mit ubiquitär vorkommenden Erregern in Berührung kommt. Dabei spielen soziale Kontakte eine große Rolle, vor allem das Alter, mit dem das Kind in den Kindergarten kommt. „Würde man den Kontakt des Kindes mit anderen Menschen verhindern, würden sich seine Symptome bessern“, erklärt Prof. Dr. Ulrich Wahn, Berlin. Dank einer prospektiven Studie, in der 1.300 Neugeborene aus dem Geburtsjahr 1990 untersucht wurden, gibt es zu der Frage, wie viele Infekte normal sind, jetzt aktuelle Zahlen aus Deutschland von Nickel et al. [Paediatr Respir Rev 3 (2002) 169–76].

Viele Atemwegsinfekte

Respiratorische Erkrankungen sind in den ersten zwei Lebensjahren am häufigsten: In diesen 24 Monaten haben Kinder im Median acht Infekt-Episoden. Danach nimmt die Zahl kontinuierlich ab. Das heißt, allein dadurch, dass die Kinder älter werden, bessern sich ihre Beschwerden. Bis zum Alter von elf Jahren haben Kinder insgesamt zwischen 18 und 24 Atemwegsinfektionen durchgemacht. In der Praxis ist die Abgrenzung der physiologischen von der pathologischen Infektanfälligkeit wichtig. Damit primäre Immundefekte nicht übersehen werden, müssen verdächtige Infektionen oder bestimmte Impfreaktionen von den üblichen Atemwegsinfekten abgegrenzt werden. Bei der Unterscheidung helfen zwölf Warnzeichen (Tabelle). Wahn forderte: „Wenn beispielsweise eine antibiotische Therapie über zwei Monate nicht den gewünschten Effekt bringt oder Candida-Infektionen an Haut oder Schleimhaut jenseits des 1. Lebensjahres persistieren, muss eine immunologische Diagnostik erfolgen.“

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Studien über ­Immunstimulation

Zur Immunstimulation werden verschiedene Substanzen angeboten. Zu Echinacea-Präparaten beispielsweise liegt eine Meta-Analyse der placebo-kontrollierten Studien von Barrett et al. vor [J Fam Pract 48 (1999) 628–35]. Die Ergebnisse waren zwar überwiegend positiv, allerdings waren die Präparate untereinander nicht vergleichbar, es fehlten Dosis-Wirkungs-Beziehungen und es blieb unklar, ob man Studien mit negativen Resultaten überhaupt publiziert hat. Ergebnis dieser Übersicht war, dass Echinacin bei frühzeitigem Einsatz bei Luftwegsinfekten möglicherweise sinnvoll sein kann. In einer aktuellen Studie von Taylor et al. bei 407 Kindern mit beginnenden grippalen Symptomen hatte Echinacea im Vergleich zu Placebo allerdings keinen Einfluss auf Dauer und Schweregrad der Infekte, und es traten signifikant mehr Hautausschläge auf (sieben Prozent) als unter Plazebo (drei Prozent) [JAMA 290 (2003) 2824–30]. Mit OM-85 konnte bei Kindern mit rezidivierenden Luftwegsinfekten ein gewisser Effekt erzielt werden, wie Schaad et al. feststellten [Chest 122 (2003) 2042–9]. Im Vergleich zu Placebo gab es 16 Prozent weniger Infekte, ohne dass relevante Nebenwirkungen auftraten. Dies galt vor allem für Kinder mit mehr als drei Infekten in sechs Monaten. Wie wichtig das Mitführen einer Kontrollgruppe ist, zeigt sich an einer neuen Arbeit von Gruber et al. Hier wurden Kneippsche Güsse (Hydrotherapie) durchgeführt, um die Inzidenz von Atemwegsinfekten zu reduzieren [Eur J Pediatr 162 (2003) 168–76]. In der randomisierten Studie wurde die Qualität der Intervention durch eine Kneipp-Badeärztin sichergestellt. Erwartungsgemäß nahm die Zahl der Infekte in beiden Gruppen mit der Zeit ab. Ein Effekt der Kneippschen Güsse ließ sich jedoch nicht nachweisen.

Quelle: 4. Symposium Consilium ­Infectiorum, Aachen 2004

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