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7. Juli 2005

"Mein Kind ist zu klein!"

"Sehr häufig werden Kinder und Jugendliche mit der Frage vorgestellt, ob eine Störung des Wachstums vorliegt", sagt Prof. Dr. Martin Borkenstein, Universitätskinderklinik Graz. "Prinzipiell muss vorausgeschickt werden, dass die Begriffe ’Größe’ und ’Wachstum’ nicht synonym zu verwenden sind. Bei der Größe handelt es sich um einen zu einem bestimmten Zeitpunkt erhobenen Parameter, nämlich der Körperlänge in Zentimetern. Das Längenwachstum, die Größenzunahme pro Jahr in Jahr in Zentimetern, ist ein im Kindes- und Jugendalter ablaufender physiologischer Prozess, der schlussendlich zur Endgröße oder ’Erwachsenengröße’ führt."

Perzentilenkurven zum Vergleich

Grundvoraussetzung zur Beurteilung ist die Erhebung korrekter Daten bezüglich Größe, Gewicht und Körperproportionen, und dies zu möglichst vielen verschiedenen Mess-Zeitpunkten. Dann erfolgt der Vergleich mit "Normen" (Daten von "normalen" Vergleichspersonen, gleichaltrig, gesund, gleichgeschlechtlich, von gleicher genetischer Herkunft) unter Berücksichtigung der engen, familiär ererbten Einflüsse ("genetische Zielgröße": Muttergröße und Vatergröße beeinflussen die Endgröße der Kinder signifikant; große Eltern haben große Kinder, kleine Eltern kleine).

Borkenstein weiter: "Zum Vergleich mit Normen werden heute in erster Linie "Perzentilenkurven" verwendet, die die Körpergröße beziehungsweise das Längenwachstum für das jeweilige Alter und für das Geschlecht einer exakt bestimmten Population darstellen und durch die einfache graphische Darstellung eine Interpretation der Messdaten leicht ermöglichen." Wenn durch die Erhebung der Daten und den Vergleich mit der "Norm" ein Verdacht auf eine Störung des Längenwachstums gegeben ist, muss möglichst frühzeitig eine Untersuchung erfolgen, um eine zugrunde liegende Ursache erfassen und behandeln zu können.

Einen Überblick über Ursachen und Therapieformen gab Dr. Herwig Frisch von der Universitätskinderklinik im AKH Wien, im Anschluss daran: "Das Längenwachstum bei Kindern wird durch zahlreiche Faktoren wie genetische Einflüsse, Stoffwechsel-Hormone, Ernährung und soziales Umfeld gesteuert. Dementsprechend gibt es viele Möglichkeiten einer Wachstumsstörung." Das Wachstum und die Entwicklung spiegeln in gewissem Maße den Gesundheitszustand des Kindes wider.

"Das Erkennen einer zugrunde liegenden Störung ist nicht nur für therapeutische Interventionen wichtig. Auch wenn keine Behandlung notwendig oder möglich ist, müssen die Eltern und die Kinder über diese Tatsache informiert sein, um weitere, oft aufwendige, Untersuchungen zu vermeiden", so Frisch. "Die weitaus häufigste Störung bei Kindern ist die familiäre Variante des Minderwuchses, eine genetisch determinierte, oft familiäre Form des Kleinwuchses, wobei die Kinder im unteren Normbereich oder knapp darunter liegen." Da diese Kinder gesund seien, gäbe es keine spezielle Therapie, das Längenwachstum sollte jedoch über einen längeren Zeitraum kontrolliert werden.

Günstige Prognose bei Wachstumsverzögerung

"Die zweithäufigste Störung ist die konstitutionelle Entwicklungsverzögerung, hier handelt es sich um eine zeitliche Verzögerung der Pubertätsentwicklung mit einer prinzipiell günstigen Prognose." 
Die Wachstumsstörungen der ersten Gruppe könnten durch therapeutische Maßnahmen nicht oder nur eingeschränkt beeinflusst werden. Kinder mit konstitutioneller Entwicklungsverzögerung hätten auch ohne Therapie eine günstige Wachstumsprognose, da es sich nur um eine zeitliche Verschiebung des Pubertätseintrittes handle. "Bei Kindern mit vermindertem Wachstum sind das rechtzeitige Erkennen der Störung und eine spezifische Therapie erforderlich, um ein adäquates Längenwachstum zu erreichen. Die Therapie richtet sich nach der zugrunde liegenden Störung", so Frisch abschließend.

Dr. Karin Reischl, Ärzte Woche 1/2001

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