zur Navigation zum Inhalt
 
30. Juni 2005

Ausländer in Deutschland sind häufiger krank als Einheimische

Berlin. Die ausländische Bevölkerung in Deutschland erkrankt dreimal häufiger an Tuberkulose als die einheimische. Dies meldet der neue Familienbericht der Bundesregierung, den Bundesfamilienministerin Christine Bergmann (SPD) in Berlin vorlegte. Erstmals beschäftigt sich der Familienbericht mit der Situation von Familien ausländischer Herkunft. Dabei wurden ausländische und eingebürgerte Familien sowie Aussiedlerfamilien einbezogen.

Tuberkulose und höhere Müttersterblichkeit

Einige Zahlen zu der unterschiedlichen Verteilung von Gesundheitschancen in Deutschland: Der Migrantenanteil an den Tuberkulosefällen lag 1991 bei 21,6 Prozent und stieg bis 1993 auf 29,8 Prozent. Neuere Zahlen scheinen nicht vorzuliegen, der Report nennt jedenfalls keine. Diese Steigerung sei auf die starke Zunahme von Flüchtlingen und auf deren schwierige Lebensverhältnisse vor und nach der Flucht zurückzuführen, heißt es im Familienbericht. Ein niedriger sozio-ökonomischer Status, vor allem schlechte Ernährungs- und Wohnbedingungen, erhöhten die Gefahr einer Tuberkulose-Erkrankung. Vor allem unter Migranten aus osteuropäischen Ländern stelle man höhere Tuberkulose-Inzidenzen fest. Auch von AIDS sind Menschen ausländischer Staatsangehörigkeit stärker als Deutsche betroffen: Mit 12,5 Prozent lag ihr Anteil an den Aids-Kranken 1995 etwas höher als der Ausländeranteil an der Gesamtbevölkerung (8,9 Prozent).
Im Zusammenhang von Schwangerschaft, Geburt und Versorgung hat der Familienbericht eine erhöhte Müttersterblichkeit von ausländischen Frauen registriert. Die Säuglingssterblichkeit sei dagegen bei ausländischen Kindern (derzeit: 5,9 Prozent) wie bei deutschen (4,9 Prozent) seit Jahren rückläufig.

Kinder als besondere Risikogruppe

Kinder aus Migrantenfamilien leiden laut Report häufiger an Krankheiten der Atmungsorgane, des Verdauungstrakts und an Infektionskrankheiten. Auch erlitten Klein- und Schulkinder ausländischer Nationalität als Fußgänger im Straßenverkehr überproportional viele Unfälle mit Verletzungsfolgen.
Der Gesundheitszustand von Flüchtlingen unterscheide sich im Kern kaum von der übrigen ausländischen Bevölkerung. Allerdings seien hier spezifische Aspekte wie schlechter Impfstatus und traumatische Erlebnisse aufgrund von Folter, Kriegserfahrung, physischer und psychischer Gewalt zu registrieren.

Die Sterblichkeit in der erwachsenen ausländischen Bevölkerung lag nach dem Familienbericht 1982 bis 1986 in der Bundesrepublik unter derjenigen der deutschen Bevölkerung. Mögliche Ursache: Chronische oder schwer kranke Migranten kehren in ihr Heimatland zurück. 1999 lebten insgesamt 7,34 Millionen Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit in Deutschland. Die größte Gruppe, nämlich zwei Millionen Menschen, stammt aus der Türkei. Ein Viertel kommt aus EU-Ländern. "Jedes achte in Deutschland geborene Kind hatte Ende der 90er-Jahre Eltern mit ausländischer Staatsangehörigkeit", teilte Familienministerin Bergmann mit.
Nach Ansicht der Familienministerin belegt der Bericht "die tragende Rolle, die Familien mit ausländischer Herkunft im Integrationsprozess zukommt, und räumt mit Vorurteilen auf, dass Migrantinnen und Migranten vor allem sozial schwach und damit der Fürsorge bedürftig seien. Familien ausländischer Herkunft sind ein integraler Bestandteil der Bundesrepublik Deutschland."

Frauen und Mütter haben Schlüsselfunktion

Familien seien besonders für die Gesunderhaltung der Migranten enorm wichtig, weil sie ihren Mitgliedern Halt bieten und bei der Stressbewältigung helfen würden. Frauen, vor allem Müttern komme dabei eine Schlüsselfunktion zu. Denn von ihrer Wahrnehmung und Inanspruchnahme medizinischer Hilfe hänge vorrangig die Gesundheit der Kinder ab.
Wobei sich viele Migrantinnen eines traditionellen Laienwissens bedienten, das man im professionellen Gesundheitssystem nicht kenne. Es erstrecke sich auf die verschiedensten Bereiche des Alltagslebens von der Ernährung bis zur Interpretation von Symptomen und Krankheiten. Diese Potenziale und Leistungen der Familien in der Prävention und Krankenpflege, merkt der Familienbericht kritisch an, werde "durch eine primär am professionellen kurativen Sektor orientierte Gesundheitspolitik vernachlässigt".
Trotz der Leistungen eines modernen Wohlfahrtsstaates sind soziale Unterschiede im Gesundheitszustand der Bevölkerung nicht auszugleichen, heißt es im Report. Einkommensschwache und weniger gebildete Gruppen wiesen ein erhöhtes Erkrankungsrisiko auf. Eine Vielzahl von Einflussgrößen (Lebensstil, biographische und aktuelle Lebenssituation) bestimmten neben der genetischen Veranlagung den Gesundheitszustand des Einzelnen. 

Wenige Migranten im Gesundheitsbereich

Wegen der Sprachbarriere erreiche man die ausländischen Mitbürger oft schwer, heißt es im Familienbericht. Es seien deshalb Mediziner aus den Herkunftsländern der Migranten sowie deutsche Ärzte mit Fremdsprachenkenntnissen nötig. Ein paar Zahlen verdeutlichen die Situation: 1996 hatten 2,8 Prozent der Vertragsärzte eine ausländische Staatsangehörigkeit. Bei den Krankenhausärzten lag die Quote 1996 bei 4,7 Prozent. Hinzu kommen noch eingebürgerte Ärzte ausländischer Herkunft und deutsche Mediziner mit Fremdsprachenkenntnissen. Daraus ergibt sich: Migranten sind - gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil - in den medizinischen Gesundheitsberufen unterrepräsentiert. Aktuelle Daten über die Behandlungen ausländischer Patienten bietet der Familienbericht nicht. In den Statistiken der gesetzlichen Krankenkassen, so heißt es zur Begründung, werde nicht nach Staatsangehörigkeit unterschieden. Eine Gesundheits- und Sozialberichterstattung, die ethnische Minderheiten gesondert berücksichtigt, befinde sich derzeit im Aufbau.

AZ/Uwe Dolderer, Ärzte Woche 17/2001

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben