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12. Juli 2005

Ärzte sollten für Bewegung sorgen

Laut einer deutschen Untersuchung aus dem Jahr 2001 leiden rund drei Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung unter Mobbing beziehungsweise ist etwa jeder Neunte irgendwann im Laufe seines Arbeitslebens davon betroffen. Die ÄRZTE WOCHE sprach mit Dr. Herbert Hopf, Hofrat des Obersten Gerichtshofes und Mitglied eines arbeitsrechtlichen Senates, über die österreichische Rechtslage bezüglich Mobbing.

Auf den Rolltreppen von Großstädten ist ein merkwürdiges Phänomen zu beobachten. Bei 90 Prozent der Passanten erstirbt jede Bewegung, sobald sie darauf stehen. Auch die Benutzung der Treppe in Mietshäusern mit Lift ist für viele Menschen absolut undenkbar. Vor den Kindergärten entsteht morgens ein Stau, weil die lieben Kleinen mit dem Auto vorgefahren werden. Später ist es der Schulbus. Gleichzeitig verbringen Kinder täglich viele Stunden vor PC, Playstation oder Fernseher. Folglich bringt ein Drittel bei der Einschulung nicht einmal mehr einen Purzelbaum zustande. Die Standardfrage bei Verdacht auf Herzinsuffizienz, wie viele Treppen man steigen könne, ohne stehen bleiben zu müssen, wagen Ärzte an über 60-Jährige fast nicht mehr zu richten; zu oft kommt die Antwort: „Ich steige nie Treppen.“
Die „mobile Gesellschaft“ ist immobil geworden, und das tut ihr nicht gut: Die Mehrzahl der Zivilisationskrankheiten steht im Zusammenhang mit dem Bewegungsmangel und seinen Folgen. Dabei verfügen wir mittlerweile über solide wissenschaftliche Erkenntnisse über den Wert von körperlicher Aktivität in der Primär- und Sekundärprophylaxe von Herz-Kreislauf-Krankheiten. Sogar hinsichtlich des strengen Kriteriums der Number Needed to Treat (NNT) braucht sich diese scheinbar simple Therapieform nicht vor Betablockern, ACE-Hemmern, Statinen und Stents zu verstecken.
Vielen ist das zwar bewusst, denn seit Jahren geht eine gewaltige Bewegungswelle durch das Land, sind die Parks mit Joggern bevölkert, sprießen die Fitnessstudios wie die Pilze aus dem Boden. Es reicht aber wahrscheinlich nicht aus, sich ein- oder zweimal pro Woche ein bis zwei Stunden lang zu quälen. Praktikabler erscheint es, die so genannten Alltagsaktivitäten zu erhöhen. Dabei braucht man weder Studios noch Trainingsanzug oder Turnschuhe. Wer jede Gelegenheit nutzt, statt des Lifts die Treppe zu nehmen, den Bürogang im flotten Tempo durchschreitet, den Einkauf zu Fuß erledigt und statt mit dem Auto per Fahrrad zur Arbeit fährt, bewegt sich ganz unspektakulär mehr, als durch formellen Sport einmal pro Woche zu erreichen ist.

Es müssen nicht sportliche Aktivitäten von hoher Intensität absolviert werden. Schon eine Steigerung der körperlichen Aktivität, die zu einem Mehr-Energieumsatz von zirka 2.000 kcal pro Woche führt, kann das KHK-Risiko um zirka 60 Prozent senken. Soll dieser wöchentliche Mehrumsatz durch sportliche Betätigung allein erreicht werden, sind jedoch beachtliche Trainingsumfänge nötig (s. Tab.1). Daher sollte regelmäßige körperliche Aktivität in den Alltag integriert werden. Auch wenn der Mehrumsatz zum Beispiel für ein einmaliges Treppensteigen recht gering ist, addiert sich der Energieumsatz mit jeder Form der Bewegung.

Effekte auf Herz-Kreislauf-Krankheiten

Liegen kardiovaskuläre Risikofaktoren und/oder schon eine manifeste Atherosklerose vor, verbessert regelmäßiges aerobes Training die Prognose. Bei geringerem peripheren Energieumsatz kann eine gleiche Leistung mit einem geringeren Herz-Zeitvolumen und dadurch einem geringeren myokardialen Sauerstoffverbrauch realisiert werden. Bei KHK-Patienten mit nachgewiesener endothelialer Dysfunktion kann bereits nach einer vierwöchigen Trainingsphase eine deutliche Verbesserung der Endothelfunktion nachgewiesen werden. Ersten Hinweisen zufolge scheint bei Patienten mit signifikanter, jedoch stabiler KHK eine regelmäßige Bewegungstherapie der herkömmlichen angioplastischen und medikamentösen Therapie in Bezug auf die klinischen Komplikationen zumindest ebenbürtig zu sein. Regelmäßiges Ausdauertraining führt auch zu einer Senkung des erhöhten Ruheblutdrucks. Die Welthochdruckliga empfiehlt seit 1991 körperliche Bewegung als einen essenziellen Bestandteil der Therapie dieses Krankheitsbildes. Bei milder Hypertonie kann das Ausdauertraining sogar als alleiniges Therapeutikum genutzt werden.
Regelmäßige Bewegung führt zu einer Normalisierung eines pathologischen Lipoproteinprofils. Einerseits wird die LDL-Cholesterinkonzentration gesenkt, andererseits das HDL-Cholesterin erhöht. Auch eine diabetische Stoffwechsellage kann positiv beeinflusst werden, wobei dieser Effekt in nahezu jeder Altersstufe zu beobachten ist. Neben der Gewichtsreduktion stellt die körperliche Aktivität das sicherste Therapieregime dar, um einen Typ 2 Diabetes zu verhindern und/oder seinen Verlauf zu verzögern. Die günstige Beeinflussung des metabolischen Syndroms durch ein Ausdauertraining erklärt sich aus der erheblichen Verbesserung der Insulinsensitivität des Muskelgewebes. Der Insulinbedarf sinkt, gleichzeitig wird eine Hyperlipoproteinämie durch den erhöhten Fettstoffwechsel positiv beeinflusst, was sich in sinkenden Gesamt- und LDL-Cholesterinwerten sowie steigenden HDL-Cholesterinwerten äußert.

Wie beginnen?

Für den absoluten Laufanfänger wird zu Beginn ein Wechsel aus Traben und Gehen empfohlen. Die generelle Empfehlung, eine maximale Pulsfrequenz von 130/min nicht zu überschreiten, ist dabei nur ein pädagogischer „Trick“, der den Anfänger davor bewahrt, zu hohe Belastungen zu wählen. Wenn der Sportler bereits einige Monate in der Lage ist, 10–15 km ohne Pause zu laufen, kann begonnen werden, durch höhere Belastungsintensitäten (Intervalle) die inter- und intramuskuläre Koordination zu verbessern.

Wie intensiv?

Die Steuerung der Belastungsintensität geschieht in der Regel über die Herzfrequenz, die üblicherweise zur altersabhängigen maximalen Herzfrequenz oder zur Herzfrequenzreserve (max. Herzfrequenz minus Ruheherzfrequenz) in Bezug gesetzt wird. Die Vorgabe von Herzfrequenzen hat aus folgenden Gründen große Bedeutung: Bei Ausdauerbelastungen erfolgt bis zu einer bestimmten Intensität die Energiebereitstellung überwiegend durch aerobe Stoffwechselprozesse. Es kommt dabei zwar bereits in einzelnen Muskelgruppen zur Bildung von Milchsäure, die jedoch gleichzeitig in anderen Organen (Herzmuskel, Leber, weniger belastete Skelettmuskulatur) eliminiert wird. So bleibt die Laktatkonzentration im Blut lange Zeit konstant.

Die anaerobe Schwelle

Ab Überschreiten einer „kritischen“ Belastungsintensität überwiegen die Prozesse der Laktatbildung die der Elimination, sodass ein allmählicher Anstieg der Blutlaktatkonzentration resultiert. Die Laufgeschwindigkeit, bei der gerade noch ein Gleichgewicht zwischen Laktatbildung und Elimination besteht, wird als „maximales Laktat-Steady-State“ (max. LASS) oder auch als anaerobe Schwelle bezeichnet. Unterhalb der anaeroben Schwelle werden die sehr niedrigen Belastungsintensitäten überwiegend durch den Fettstoffwechsel gedeckt. Sein Anteil an der Energiebereitstellung liegt dabei über 90 Prozent. Mit zunehmender Steigerung der Belastungsintensität kommt es allmählich zur Einbeziehung des Glukosestoffwechsels. Die absolut höchsten Beträge für die Fettverbrennung finden sich bei einer Belastung von etwa 65 bis 70 Prozent der maximalen Sauerstoffaufnahme. Die in der Fitnessszene vielfach propagierte Empfehlung von extrem niedrigen Herzfrequenzen kann zu einer erheblichen Unterforderung und damit einer suboptimalen Effizienz des Lauftrainings führen.

Welche Intensität hat den größten Effekt?

Nach den Empfehlungen des American College of Sports Medicine (ACSM) sollten Belastungsintensitäten im Bereich von etwa 80 Prozent der individuellen anaeroben Schwelle durchgeführt werden, um einen optimalen Anpassungsprozess der Organsysteme zu erreichen. Das entspricht etwa Intensitäten von etwas mehr als 50 Prozent der maximalen Leistungsfähigkeit.

Wie oft?

Für einen größtmöglichen protektiven Effekt auf das kardiovaskuläre System wird ein vorzugsweise tägliches, 30-minütiges Ausdauertraining moderater Intensität empfohlen. Dies mag vor allem denjenigen als eine schier unerfüllbare Vorgabe erscheinen, die von einem Ausdauertraining am meisten profitieren würden: der Bevölkerungsgruppe mit dem bewegungsärmsten Lebensstil. Gerade bei dieser Gruppe erzielt jedoch eine bereits geringfügige Anhebung des persönlichen Fitness-Levels von einem sehr bewegungsarmen Lebensstil (Sedentary Lifestyle) in einen moderaten Bereich („einmal ist besser als keinmal“) den größten Effekt in Bezug auf die Mortalitätssenkung.

Vor dem Training die Sporttauglichkeit prüfen

Vor dem Beginn eines Ausdauertrainings sollte eine qualifizierte sportmedizinische Vorsorgeuntersuchung durchgeführt werden. Bei Personen, die über 35 Jahre alt sind und mehr als einen Risikofaktor aufweisen, sollte eine Belastungsuntersuchung mit EKG- und Blutdruckkontrolle obligat sein. Die Vorgabe von Trainingsintensitäten über die Herzfrequenz sollte sich an den Ergebnissen einer sportartspezifischen Leistungsdiagnostik orientieren. Diese beinhaltet idealerweise eine Spirometrie sowie die Bestimmung der Milchsäurekonzentration.

Kontraindikationen

Auf jegliche Form der körperlichen Belastung sollte bei Vorliegen eines (grippalen) Infekts, verbunden mit erhöhter Temperatur, verzichtet werden. Das gelegentlich empfohlene Hausrezept, man solle z.B. eine fieberhafte Erkältung während einer Ausdauertrainingseinheit „ausschwitzen“, ist wegen des Risikos einer myokardialen Beteiligung strikt abzulehnen. Extreme Außentemperaturen sowie eine hohe Luftfeuchtigkeit stellen relative Kontraindikationen für körperliche Belastungen dar. Beim Vorliegen pektanginöser Beschwerden, dekompensierter Herzinsuffizienz, hypertoner Kreislauffehlregulationen sowie bestehenden Herzrhythmusstörungen sollten körperliche Aktivitäten bis zur erfolgten Therapie dem Zustand des Patienten angepasst bzw. eingestellt werden. Ebenso sind Distorsionen, Bandrupturen bzw. Frakturen sowie floride Arthritiden, die eine Immobilisierung des betroffenen Gelenks bzw. eine Entlastung der verletzten Extremität bedingen, als Kontraindikationen für Sportarten zu sehen, bei denen die verletzte Extremität vortriebswirksam eingesetzt wird.

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