zur Navigation zum Inhalt
 
30. Juni 2005

Mobbing ist kein Kavaliersdelikt

Laut einer deutschen Untersuchung aus dem Jahr 2001 leiden rund drei Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung unter Mobbing beziehungsweise ist etwa jeder Neunte irgendwann im Laufe seines Arbeitslebens davon betroffen. Die ÄRZTE WOCHE sprach mit Dr. Herbert Hopf, Hofrat des Obersten Gerichtshofes und Mitglied eines arbeitsrechtlichen Senates, über die österreichische Rechtslage bezüglich Mobbing.

Wie ist Ihr Verständnis von Mobbing?
Hopf: Es gibt eine ganze Reihe von Definitionen, die sich aber oft nur in Nuancen voneinander unterscheiden. Kurz und bündig: Es ist „Psychoterror am Arbeitsplatz“!

Mobbing meint ein Verhalten mit folgenden Charakteristika:

  • systematisches Vorgehen
  • über einen längeren Zeitraum
  • das unerwünscht ist und die Würde der betroffenen Person beeinträchtigt
  • und das Ziel oder den Effekt der Ausgrenzung bis hin zum Ausstoß hat

Wer ist von Mobbing betroffen?
Hopf: Eine ganz wesentliche Erkenntnis der empirischen Mobbingforschung ist, dass jeder von Mobbing betroffen sein kann – der Bankdirektor genauso wie der Handwerker, Arzt oder die Sachbearbeiterin. Gemobbt wird in alle Richtungen der Hierarchien am Arbeitsplatz. Wir unterscheiden „horizontales“ Mobbing, also unter hierarchisch gleichgestellten Personen, und „vertikales“ Mobbing. Letzteres kann von „oben nach unten“ erfolgen, dann wird auch von „Bossing“ gesprochen, oder aber – wenn auch seltener – von „unten nach oben“, dann wird von „Staffing“ gesprochen.

Was sind die häufigsten Mobbingfolgen ?
Hopf:  Bei den Betroffenen kommt es zunächst zu einer Beeinträchtigung des Wohlbefindens am Arbeitsplatz, die sich dann über unspezifische Befindlichkeitsstörungen (wie zum Beispiel körperliche Schwäche, Ermüdung, Schlafstörungen, Angst et cetera) zu noch ausgeprägteren Gesundheitsstörungen, als Beispiele seien Bluthochdruck, Magengeschwüre oder Depressionen genannt, entwickeln kann. In Einzelfallen kann es auch zu schweren Persönlichkeitsveränderungen bis hin zu Selbstmordgedanken kommen.

Wird nicht auch das Arbeitsklima leiden?
Hopf: Innerbetrieblich leidet sowohl die Arbeitsleistung der Mobbingbetroffenen als auch der Mobbenden. Bei Ersteren kann es zu Leistungsabfall, Fehlern, Krankenständen kommen. Bei den Mobbenden kann es auch zu Leistungsbeeinträchtigung kommen, weil viel Energie auf neue Mobbingstrategien oder Rechtfertigungen verwendet wird. Mobbing stört und schädigt das Betriebsklima, kann den Ruf eines Unternehmens schädigen und den wirtschaftlichen Ertrag empfindlich mindern. Auf volkswirtschaftlicher Ebene kommt es durch die Vielzahl an Krankenständen und die sonstigen Mobbingfolgen zu enormen Kosten

Wie viele „Gemobbte“ gibt es tatsächlich?
Hopf: Laut einer Untersuchung der europäischen Dublin-Stiftung aus dem Jahr 2000 sind innerhalb der EU rund 12 Millionen ArbeitnehmerInnen in den vergangenen zwölf Monaten von Mobbing betroffen gewesen (das entspricht rund acht Prozent). In Österreich fehlt bisher eine genaue Untersuchung. Man kann aber davon ausgehen, dass die Mobbingbetroffenheit ähnlich der in Deutschland ist.

Was soll ein Mobbingbetroffener tun?
Hopf: Mobbing beginnt schleichend. Oft nimmt man das zunächst nicht ernst, will es nicht wahrhaben, dass man am Arbeitsplatz ausgegrenzt wird, unbeliebt ist, immer als „Sündenbock“ herhalten muss. Man sollte daher einmal für sich klären, was störend wirkt und auffällt. Dies geschieht am besten dadurch, dass man über einen Zeitraum von einigen Wochen sein Mobbingtagebuch führt. Dieses hat verschiedene Funktionen:

  • Objektivierung der Behauptung „ich werde ständig gemobbt“ durch präzise Datensammlung und Beschreibung der Handlungen.
  • Überzeugung von Vorgesetzten, Mobbingberatern und auch des Gerichts vom Mobbinggeschehen.

Stopp-Signale setzen und sofern diese keine Wirkung zeigen, Hilfe einfordern. Die innerbetriebliche Anlaufstelle sollte der Vorgesetzte, Chef sein, des Weiteren kann auch externe Hilfe in Anspruch genommen werden.

Wie ist die österreichische Rechtslage ?
Hopf: Der Umstand, dass es in Österreich bis dato kein eigenes Mobbinggesetz und auch keinen eigenen gesetzlichen Mobbingtatbestand gibt, macht die betroffenen ArbeitnehmerInnen zwar nicht recht- oder schutzlos, erzeugt jedoch – zumindest in Teilbereichen – Rechtsunsicherheit. Zur leichteren Durchsetzung, aber auch zur Stärkung der Prävention ist die Forderung nach Legislativmaßnahmen nicht von der Hand zu weisen. Bis zur Einführung spezieller Regelungen kann neben Normen des Schadenersatz- und Strafrechts auf allgemeingültige Prinzipien des Arbeitsrechts zurückgegriffen werden. Danach trifft die ArbeitgeberInnen die so genannte Fürsorgepflicht, die ArbeitnehmerInnen die Interessenwahrungspflicht.

Auf Grund der Fürsorgepflicht haben die ArbeitgeberInnen die Arbeitsbedingungen so zu gestalten, dass das Leben und die Gesundheit ihrer ArbeitnehmerInnen möglichst geschützt und auch andere immaterielle und materielle Interessen der ArbeitnehmerInnen gewahrt werden; gegen deren Gefährdungen haben sie unverzüglich Abhilfe zu schaffen. Die Interessenwahrungspflicht beinhaltet vor allem das Gebot an die ArbeitnehmerInnen, den Betriebsfrieden nicht zu stören, Schäden von den ArbeitgeberInnen abzuwenden und selbst keine schädigenden Handlungen gegen die ArbeitgeberInnen auszuführen. Die Gerichte waren bisher zwar auch ohne ein besonderes Mobbinggesetz in der Lage, die Fälle tatsächlichen oder behaupteten Mobbings mit den schon vorhandenen rechtlichen Mitteln zu bewältigen, eigene Mobbingbestimmungen wären aber geeignet, den „Mehrwert“ der durch Mobbing verursachten Schäden im Verhältnis zur Summe der Schäden durch die einzelnen Handlungen herauszustreichen.

Sind gesetzliche Änderungen in Aussicht?
Hopf: Seit einiger Zeit sind Regierungsvorlagen zu Novellen des Gleichbehandlungs- und des Bundes-Gleichbehandlungsgesetzes in parlamentarischer Beratung, die voraussichtlich neben dem bereits geregelten Tatbestand der „sexuellen Belästigung“ auch die Tatbestände der „geschlechtsbezogenen Belästigung“ und der „Belästigung“ aus Gründen der Rasse oder ethnischen Herkunft, Religion oder Weltanschauung, des Alters oder der sexuellen Orientierung einführen werden. Eine Belästigung wird danach vorliegen, wenn ein Verhalten gesetzt wird, das die Würde einer Person beeinträchtigt, für die betroffene Person unerwünscht, unangebracht, entwürdigend, beleidigend oder anstößig ist und eine einschüchternde, feindselige oder demütigende Arbeitsumwelt für die betroffene Person schafft. Ähnliches gilt für einen in Diskussion befindlichen Entwurf zu einem Behindertengleichstellungsgesetz, das den Tatbestand der Belästigung im Zusammenhang mit einer Behinderung einführen will.

Weiterführende Literatur:
Smutny/Hopf, Ausgemobbt! Wirksame Reaktionen gegen Mobbing (Verlag Manz, 2003)
Nächste Woche berichten wir im Interview mit Dr. Brigitte Schmidl-Mohl über die psychiatricschen Aspekte des Mobbings.

  • Frau Lilith Lilith, 17.07.2013 um 15:29:

    „Mobbing auf dem Weg zum Rechtsbegriff – Anti-(Cyber)Mobbing-Gesetz- für Österreich
    Der Begriff Mobbing ist im Zusammenhang mit der Arbeitswelt seit den achtziger Jahren durch die Literatur von Herrn Dr. Leymann bekannt geworden. Mobbing beschreibt einen prozesshaften Verlauf in welcher Vorgesetzte oder/und Kollegen durch seelische Gewaltakte (zB. verbale und nonverbale subtile doppeldeutige Kommunikationsformen, entmündigende, kontrollierende Kommunikation und Handlungen etc.) Mitmenschen in ihrer Integrität destabilisieren, mit dem Ziel diese aus der Arbeitsgemeinschaft zu drängen.
    Der gemobbte Mensch trägt weitgehend die verheerenden Konsequenzen wie Langzeitkrankenstand, Armutsgefährdung, Arbeitslosigkeit, Berufsunfähigkeit, manchmal Suicid. Die Gesellschaft trägt einen großen Teil der Kosten. Für Österreich gibt es keine genauen Zahlen. In Vorarlberg wurden folgende Folgekostenabschätzung in Erwägung gezogen: pro Mobbingfall mindestens 175 000 – 200 000 €. Für Vorarlberg gesamt belaufen sich die Kosten mindestens 616 -680 Millionen (1). Die Mobber haben kaum Konsequenzen zu erwarten und können weiter mobben. In den meisten Fällen scheidet der gemobbte Mensch durch Krankheit, Kündigung etc. aus.
    Um den persönlich erlittenen Schaden und um den ungeheuren wirtschaftlichen Verlust zu sanktionieren bedarf es eines neuen spezifischen Tatbestandes mit Schadensersatzsprüchen Mobbing-Tatbestandes in Form eines Anti-(Cyber)Mobbing-Gesetzes.
    Derzeit ist die rechtliche Beurteilung massiv erschwert, da bei ein und demselben Mobbinggeschehen zivil-, arbeits- und strafrechtliche Tatbestände rechtsübergreifend geprüft werden müssen. Dazu kommt noch, daß das österreichische Rechtssystem nur einzelne Vorfälle, nicht jedoch einen längerdauernden Verlauf im Rahmen eines einschüchternden, feindseligen oder demütigenden Arbeitsumwelt von den täglichen kleinen Gemeinheiten bis zum Rechtsbrüche durch Über- und Fehlgriffe der Entscheidungsträger sprich Vorgesetzten. Die Berufung auf viel zitierte Fürsorgepflicht wird von mobbinginvolvierten Fachkundigen eher belächelt und achselzuckend zur Kenntnis genommen.
    2006 (2), 2007 (3) wurden parlamentarische Anfragen zum Thema Mobbing eingereicht und abgelehnt mit dem Hinweis die gegenwärtige Rechtslage sei ausreichend.
    2008 (4) BM Hundstorfer hält seit 2008 eine „Verankerung von Mobbing im Strafgesetzbuch für notwendig“
    2009 (5) wurde von Herrn Walter Plutsch der Antrag seiner Bürgerinitiative zur Erreichung eines "Anti-Mobbing-Gesetzes“ eingereicht und ebenfalls abgelehnt.
    Zwischenzeitlich wurde 2009 (6) eine Dienstrechts-Novelle mit einem Mobbing-Verbot im öffentlichen Dienst und 2011 (7) wurden Schutzmaßnahmen für "Whistleblower" im Beamtendienstrecht verankert.
    2011 (8) AK Salzburg Dr. Gabriele Wonnebauer fordert ein Anti-Mobbing-Gesetz, die AK Salzburg fordert seit ca. 10 Jahren ein Anti-Mobbing-Gesetz
    2011 (9) AK Steiermark und ÖGB fordern ein Anti-Mobbing-Gesetz
    2011 (10) AK Kärnten Herr Goach „Anti-Mobbing-Gesetz längst überfällig“
    2013 (11) erfolgte ein neuerlicher Anlauf in Form einer Petition „Österreich braucht ein Anti-(Cyber)Mobbing-Gesetz“ eingebracht. Befürworter eines Anti-(Cyber)Mobbing-Gesetz für Österreich können dieser Petition online zustimmen:
    http://www.parlament.gv.at/PAKT/BB/index.shtml?jsMode=&xdocumentUri=&NRBR=NR&BBET=PET&ZUSTIMM=ZU&SUCH=&listeId=104&LISTE=Anzeigen&FBEZ=FP_004

    (1) http://www.pakte.at/attach/Mobbing-Bericht_Vbg_nov03.pdf
    (2) http://www.parlament.gv.at/PAKT/VHG/XXII/J/J_04323/index.shtml
    (3) http://www.parlament.gv.at/PAKT/VHG/XXIII/J/J_01915/index.shtml
    (4) http://www.oe24.at/oesterrei... eit/257519
    (5) http://www.parlament.gv.at/PAKT/VHG/XXIV/BI/BI_00009/index.shtml
    (6) http://www.parlament.gv.at/PAKT/PR/JAHR_2009/PK1070/index.shtml
    (7) http://www.parlament.gv.at/PAKT/VHG/XXIV/I/I_01610/index.shtml
    (8) http://www.diesalzburgerin.at/bilder/pd... 5_2010.pdf, http://wirtschaftsblatt.at/archiv/1207167/index
    (9) http://steiermark.orf.at/news/stories/2508267/
    (10) http://www.mein-klagenfurt.at/aktuelle-pressemeldungen/pressemeldungen-dezember-2011/goach-anti-mobbing-gesetz-ueberfaellig/
    (11) http://www.parlament.gv.at/PAKT/BB/index.shtml?jsMode=&xdocumentUri=&NRBR=NR&BBET=PET&ZUSTIMM=ZU&SUCH=&listeId=104&LISTE=Anzeigen&FBEZ=FP_004“

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben