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12. Juli 2005

Wann Gevatter Tod Saison hat

Für den Arzt gehört der Tod von Patienten zum Alltag. Oft gewinnt man den Eindruck, dass bei bestimmten Wetterlagen mehr Menschen sterben als sonst. Und tatsächlich: Jahreszeit und Klima beeinflussen die Mortalitätsraten beträchtlich. Das Projekt „Eurowinter” hat gezeigt, dass kaltes Wetter in Westeuropa mit annähernd 250.000 zusätzlichen Todesfällen pro Jahr assoziiert ist.

Die Zahl der Todesfälle unterliegt in Europa einer jahreszeitlichen Schwankung: Im Winter steigt die mittlere Todesrate dramatisch an. Aber auch bei sehr warmem Wetter zeigt sich eine Zunahme, die allerdings deutlich geringer ist.

Kälte fordert ihren Tribut

Das Projekt „Eurowinter” hat eindeutig gezeigt, dass kaltes Wetter in Westeuropa mit annähernd 250.000 zusätzlichen Todesfällen pro Jahr assoziiert ist. Der Anstieg der Mortalität pro Grad Temperaturabnahme ist dabei weitgehend linear. In Deutschland (Baden-Württemberg) sterben am wenigsten Menschen, wenn die mittlere Tagestemperatur zwischen 19 und 22°C liegt. In Ländern mit wärmeren Sommern liegt diese „Optimaltemperatur” höher (zum Beispiel in Athen bei 23-26°C), in Gebieten mit kühleren Sommern (zum Beispiel in Nordfinnland bei 14-17°C) niedriger.

Die absolute Zunahme der Todesfälle pro °C Temperaturreduktion – ausgehend von 18°C – ist in Ländern mit milden Wintern paradoxerweise größer als in kalten Ländern: Die meisten Todesfälle pro °C Temperaturabnahme ereigneten sich in Athen (2,15%/°C bei einer durchschnittlichen Lufttemperatur im Winter von 12,7°C) und London (1,37%/°C, Durchschnittstemperatur im Winter 7,6°C), die wenigsten in Südfinnland (0,27%/°C, bei durchschnittlich -1°C). In Baden-Württemberg mit einer durchschnittlichen Wintertemperatur von 5,1 °C nahm die Todesrate pro °C Temperaturabnahme unter 18 °C um 0,6% zu.

Todesursachen im Winter

Früher waren winterliche Grippeepidemien die häufigste Todesursache, doch spielen diese aufgrund besserer Therapiemöglichkeiten eine immer geringere Rolle. In Südengland zum Beispiel ist die Influenza nur noch für 2,4 Prozent der gesamten Todesfälle im Winter verantwortlich. Heute sind in den entwickelten Ländern die Hälfte der zusätzlichen winterlichen Todesfälle auf Koronarthrombosen zurückzuführen. Ein Häufigkeitsgipfel tritt kurzfristig, das heißt bereits zwei Tage nach dem Kaltlufteinbruch beziehungsweise der Kälteperiode ein. Von den übrigen Winter-Todesfällen werden 50 Prozent von Atemwegserkrankungen verursacht, der Gipfel tritt zwölf Tage nach der größten Kälte auf.

Auch die Luftverschmutzung in den Städten ist für die Zunahme der Todesfälle mit verantwortlich; diese scheint jedoch auch mit dem gleichzeitigen Auftreten von kaltem Wetter assoziiert zu sein. Ältere Personen zwischen 65 und 74 Jahren sind eine für den winterlichen Tod besonders gefährdete Bevölkerungsgruppe.

Koronarthrombosen

Der starke Anstieg der Todesfälle durch Koronarthrombosen wird hauptsächlich durch die Beeinflussung der Hämokonzentration während der Kälteexposition hervorgerufen. Einen gewissen Einfluss kann auch die im Winter verminderte Vitamin-C-Aufnahme haben. Auch Infektionen des Respirationssystems ziehen teilweise Herztode nach sich. Diese treten jedoch erst einige Wochen post infectionem auf.

Globale Erwärmung

Die globale Erwärmung kann die kältebedingten Todesfälle reduzieren. Die meisten Autoren gehen davon aus, dass die Abnahme der kältebedingten Todesfälle stärker ausgeprägt sein wird als die Zunahme der Sterblichkeit durch Hitze. Bevölkerungsstudien in verschiedenen Klimazonen weisen darauf hin, dass sich die Menschen an eine langsame Erwärmung (von zur Zeit erwarteten 2 °C in den nächsten 50 Jahren) adaptieren werden.

Sommer auf dem zweiten Platz

Obwohl in Westeuropa die meisten Menschen im Winter sterben, steigt auch durch die Hitzebelastung im Sommer die Mortalitätsrate an. Die Eurowinter-Studie zeigte, dass (vergleichbar mit der Kälte, s. o.) die Anzahl der zusätzlichen Todesfälle durch hohe Temperaturen in Ländern mit kühleren Sommern, bei gleicher Temperatur stärker zunahm als in warmen Ländern. Dabei war die hitzebedingte Gesamttodesrate in warmen und kalten Gebieten im Durchschnitt gleich groß. In der Studie wurde auch klargelegt, dass insgesamt die Anzahl von Todesfällen aufgrund von Hitze deutlich geringer ist als die kältebedingte Mortalität: In den sieben untersuchten europäischen Ländern starben in der Bevölkerungsgruppe der 65- bis 74-Jährigen insgesamt zehnmal mehr Menschen an Kälte als an Hitze.

Hitzewellen mit Todesfolgen

Eine Untersuchung im moderaten Klima von Baden-Württemberg bewertet den Hitzestress jedoch deutlich höher. Hitzewellen führten dort zu einer teilweise erheblichen Zunahme der Todesfälle: Die Mortalitätsdaten ließen zwar ebenfalls eine deutliche saisonale Verteilung mit einem Minimum im Sommer und einem Maximum im Winter erkennen, während des Sommerminimums stiegen die Todesraten mit zunehmender Hitzebelastung allerdings steil an und erreichten ihren Gipfel im Verlauf einzelner Hitzewellen.

In den 51 untersuchten Hitzewellen in Südwestdeutschland im Zeitraum zwischen 1968 und 1997 stieg die Todesrate im Durchschnitt um 3,9 Prozent über den saisonalen Mittelwert. Bei der stärksten Hitzewelle im Juni 1987 trat 24 Stunden nach dem heißesten Tag sogar eine Zunahme der Todesfälle um 12 Prozent auf. Auch Wetterveränderungen hin zu wärmerem Wetter zeigten Auswirkungen auf die Todesraten.

Hitzschlag und Hämokonzentration

Hitzebedingte Todesfälle beruhen auf einem Versagen der Thermoregulation (Hitzschlag) und anschließendem Kreislaufversagen. Eine weitere häufige Ursache ist die Zunahme der Hämokonzentration aus dem Salz- und Wasserverlust während des Schwitzens. Eher unbekannt ist, dass während der Atmung in trockener, heißer Luft ebenfalls viel Wasser verloren geht: Beim Einatmen befeuchten die Schleimhäute der Atemwege die Luft auf zirka 100 Prozent relative Feuchtigkeit, beim Ausatmen geht diese Feuchtigkeit verloren.

Prävention

Kälte in Innenräumen und im Freien wirkt sich direkt auf die Mortalität aus: In Ländern mit hoher winterlicher Todesrate leben die Menschen in kühleren Wohnräumen, heizen seltener ihre Schlafzimmer und tragen im Freien seltener warme Bekleidung wie Mütze, Hut, Anorak oder Handschuhe. Außerdem bewegen sie sich während des Freiluftaufenthalts weniger. Das lässt den Schluss zu, dass der positive Effekt der gesteigerten Wärmeproduktion durch körperliche Bewegung die negativen Auswirkungen der kalten Atemluft auf das Bronchialsystem überwiegt.

Im Winter: warm anziehen

Die Ergebnisse der Eurowinter-Studie zeigten einen direkten Zusammenhang zwischen Todesfällen und protektiven Maßnahmen gegen Kälte. Die zusätzlichen winterlichen Todesfälle können eindeutig und substanziell durch entsprechende Kälteschutzmaßnahmen reduziert werden. Dies betrifft gerade die Bevölkerung in Ländern mit gemäßigtem Klima und milderen Wintern, wo die Notwendigkeit für Kälteschutzmaßnahmen eher weniger ernst genommen wird. Zur Prävention sollte man aufö gute Heizung der Wohnräume undö adäquate Kleidung im Freien achten sowie

  •  gegebenenfalls bei sehr kalten Temperaturen den Aufenthalt im Freien eher meiden.

Guter Schutz vor Kälte ist besonders bei älteren Menschen wichtig, die selbst häufig nicht auf adäquate Kleidung achten. Besonders empfehlenswert sind Mützen und Hüte, da der Kopf nur eine geringe Wärmeisolation besitzt und aufgrund seiner runden Form zusätzlich vermehrt Körperwärme an die Umgebung abgibt.

Im Sommer: Siesta

Während Hitzeperioden im Sommer sollten ebenfalls protektive Maßnahmen ergriffen werden:

  •  Bei großer Hitze sollte der Aufenthalt im Freien vermieden werden.
  •  Die Klimatisierung von Räumen sollte durch Ventilatoren und im optimalen Fall durch Klimaanlagen verbessert werden.
  •  Sinnvoll ist auf alle Fälle ein „südländisches Verhalten” mit einer mittäglichen Siesta während der heißesten Tageszeit, leichter Kost etc.
  •  Von besonderer Bedeutung ist eine ausreichende Wassersubstitution.

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