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30. Juni 2005

Mit Analgetika zum Dauer-Kopfschmerz

Patienten mit länger anhaltenden oder rezidivierenden Kopfschmerzen sind in einer allgemeinmedizinischen Praxis recht häufig. Viele von ihnen besorgen sich - bevor sie ihren Arzt konsultieren - schon selbst einiges an Medikamenten. Folge: So manch ein Patient wird nicht trotz, sondern wegen seiner Medikamente von Kopfschmerzen gequält. 

Bei der direkten Frage nach dem Schmerzmittelverbrauch sind Patienten mit einem Medikamenten-induzierten Kopfschmerz oft nicht sehr ehrlich. Einige Hinweise geben allerdings schon der Schmerzverlauf und die Schmerzqualität (siehe Tabelle), die man bei der Anamnese herausfinden kann. 

Trickreiche Fragen helfen weiter 

Statt nach den bisher eingenommenen Schmerzmitteln wird besser gefragt: "Soll ich Ihnen etwas gegen die Kopfschmerzen verschreiben, was hat Ihnen denn bisher geholfen?" Bei einem Medikamenten-induzierten Kopfschmerz reagieren die Patienten oft mit der Gegenfrage: "Gibt es denn etwas Neues?" oder sie bekennen resigniert, dass ihnen bisher alles nichts geholfen hat. 
Auch ein Schmerztagebuch, in dem die Patienten vier Wochen lang ihre Schmerzen und Medikamente notieren sollen, kann helfen. Haben sie bis zum nächsten Termin nichts eingetragen, weil sie "nicht dazu gekommen sind", verstärkt dies den Verdacht auf einen medikamenteninduzierten Kopfschmerz. Natürlich lässt auch ein ordentlich geführtes Tagebuch einige Rückschlüsse zu. Treten die Schmerzen mehr oder weniger regelmäßig auf und ist keine Auswirkung der eingenommenen Schmerzmittel zu erkennen, spricht dies stark für einen Medikamenten-induzierten Schmerz. 
Dass sich ein Medikamenten-induzierter Kopfschmerz meist aus einem anderen Kopfschmerz entwickelt, macht die Diagnose nicht gerade leichter. Oft schildern Patienten eine typische Migräne mit Schmerzen, Übelkeit, Appetitlosigkeit, Licht- und Lärmempfindlichkeit, die sie früher gelegentlich einmal hatten, die "dann aber immer öfter gekommen ist und jetzt fast jeden Tag kommt". Die genaue Beschreibung der Migränesymptome kann dann auch den Arzt auf die falsche Fährte locken. 

Misstrauen bei Eigendiagnose! 

Die Selbstdiagnose und die Selbstbehandlung der Patienten ist ohnehin ein Fallstrick und produziert so manchen medikamenteninduzierten Kopfschmerz. Viele Patienten kennen die typischen Migränesymptome, stufen ihren eigenen Kopfschmerz dann als Migräne ein und behandeln sich zunächst selbst. Oder sie überzeugen mit der Schilderung der typischen Symptome sogar ihren Arzt, der die Diagnose dann übernimmt und die "Migräne" weiterbehandelt. 

Die Gefahr dabei: Auch Spannungskopfschmerzen können mit migränetypischen Symptomen wie Übelkeit, Licht- und Lärmempfindlichkeit oder Appetitlosigkeit einhergehen. Die Schmerzen reagieren dann natürlich nicht auf die Migränetherapie, der Patient greift wieder zu allen möglichen Mitteln und handelt sich neben seinen ursprünglichen Schmerzen noch einen Medikamentenkopfschmerz ein. 

So gerät er in einen Teufelskreis und nimmt am Ende täglich seine Schmerzmittel ein. Als Arzt sollte man also mit den Eigendiagnosen und den Symptomen, die der Patient bisweilen so eindringlich schildert, vorsichtig umgehen. Im Zweifelsfall hilft die Frage, wie die Kopfschmerzen bei körperlicher Betätigung reagieren: Spannungskopfschmerzen bessern sich, die Migräne lässt sich dadurch nicht beeindrucken. Ein weiterer Fallstrick ist bei den menstruellen Migräneschmerzen zu beachten. Vor dem eigentlichen Migräneschmerz stellt sich oft ein Spannungskopfschmerz ein. Hier kommt es also auf eine zeitlich richtig gestaffelte Therapie an, sonst kann sich auch hier der Weg zum medikamentösen Kopfschmerz bahnen. 

Medikamentenentzug

Ist der medikamentöse Kopfschmerz enttarnt, ist erst eine Hürde genommen. Auch wenn sie den Patienten von der wirklichen Ursache seiner Schmerzen überzeugt haben, sind selbst differenziert denkende Patienten nicht so leicht zum Entzug zu bewegen. Das hat einen ganz einfachen Grund: Meist haben diese Leute selbst schon ein- oder zweimal versucht, ihre Medikamente abzusetzen - mit der fatalen Folge, dass dieser einfache Entzugsversuch den Kopfschmerz erst einmal höllisch verstärkt, so dass die Patienten schnell kapitulieren und wieder zu einem Schmerzmittel greifen. Die Schwelle zu weiteren Entzugsversuchen wird dabei natürlich immer höher. Der Entzug muss also entsprechend medikamentös begleitet werden, entweder stationär oder ambulant. 

Unterschiede zwischen Migräne, Spannungskopfschmerz und Medikamenten-induziertem Kopfschmerz

Migräne

Spannungs-
kopfschmerz

Medikamenteninduzierter
Kopfschmerz

oft einseitig pulsierend 
1-3 Tage
beidseitig
 ziehend/drückend
 gelegentlich
beidseitig, dumpf,
 jedenTag

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