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HNO 30. Juni 2005

Computer ermöglicht Hören ohne Haarzellen

Vor der Cochlear-Implantation wird geprüft, ob der Hörnerv nach der Operation tatsächlich elektrisch gereizt werden kann. Dafür müssen genügend Nervenfasern vorhanden sein. Darüber hinaus werden bestimmte anatomische Gegebenheiten untersucht. Stimmen die Voraussetzungen, dann können durch den Eingriff beeindruckende Erfolge erzielt werden.

„Bei zunehmender Schwerhörigkeit haben auch leistungsfähige Hörgeräte ihre Grenzen. Wenn keine oder nur wenige Haarzellen zur Erregung der Hörnervenfasern vorhanden sind, kann auch die höchste und differenzierteste akustische Verstärkung keine Verbesserung des Hörempfindens bewirken“, betonte Prof. Dr. Rudolf Probst, HNO-Klinik, Universitätsspital Basel, beim Pädiatrischen Fortbildungskurs Ende Jänner 2005 in Obergurgl. „In dieser Situation wird versucht, mit dem Cochlear-Implantat das Innenohr vollständig zu ersetzen, indem der Hörnerv durch Elektroden direkt stimuliert wird.“ Seit mehr als 100 Jahren ist bekannt, dass elektrische Reize zu Höreindrücken führen können. Mit der Entwicklung von Elektrodenträgern, die in das Innenohr eingeführt werden, gelang Ende der 70er-Jahre der Durchbruch zum Erfolg.

Zwei Hauptzielgruppen

„Vor allem zwei Gruppen von Personen können von einem Cochlear-Implantat profitieren: erstens Kinder oder Erwachsene, die durch Unfall oder Krankheit ihr Gehör verlieren, und zweitens Kinder, die ohne Gehör geboren werden. Der Hauptunterschied zwischen diesen beiden Gruppen liegt im Spracherwerb“, erläutert Probst. „Die erste Gruppe hat Sprache durch das Gehör erlernt und kennt somit die Lautsprache. Die zweite Gruppe war hingegen nie einer echten Lautsprache ausgesetzt.“ Ertaubte Personen wissen, wie die Lautsprache klingt und wie sie gebraucht wird. Fällt das Gehör aus, kann dieses Wissen durch ein Cochlear-Implantat wieder angeregt und genutzt werden. Die ertaubte Person lernt, die elektrischen Signale mit Hilfe der vorhandenen Muster als Sprache zu erkennen. „Hingegen erlernen gehörlose Kinder aufgrund der elektrischen Signale des Cochlear-Implantats die Sprache neu. Es steht heute fest, dass gehörlos geborene Kinder, die nicht von konventionellen Hörapparaten profitieren, mit einem Cochlear-Implantat die Lautsprache erlernen können“, erklärt Probst. „Die Aufnahmefähigkeit des Gehirns und die allgemeine Bereitschaft, Sprache zu erlernen, ist umso größer, je kleiner das Kind ist. Eine möglichst frühe Implantation ist deshalb im Prinzip erstrebenswert.“ Für die Indikation eines Cochlear-Implantats sollte eine gute Chance bestehen, dass der Hörnerv nach der Operation tatsächlich elektrisch gereizt werden kann. Dafür müssen genügend Nervenfasern vorhanden sein. „Die anatomischen Voraussetzungen für eine erfolgreiche operative Implanta­tion der Elektrode in das Innenohr werden mit CT und MRT überprüft. Ausschlusskriterien sind bei Kindern hauptsächlich cochleäre Dysplasien und postmeningitische Verkalkungen“, so Probst. „Fehlbildungen führen meist zu einer angeborenen Schwerhörigkeit oder Gehörlosigkeit, teilweise verunmöglichen sie ein Cochlear-Im­plantat. Postmeningitische Verkalkungen können die Implantation und den Rehabilitationserfolg erheblich erschweren.“

Gute Gesamterfolge

In der Schweizerischen CI-Kohorte, die seit 1977 lückenlos erfasst wird, kann der Gesamterfolg des Cochlear-Implantats abgeschätzt werden. Eine subjektive Beurteilung, die bei Kindern durch die Personen mit Elternfunktion durchgeführt wurde, zeigt in 42 Prozent ein sehr gutes Ergebnis, in 34 Prozent ein gutes, in 17 Prozent ein mittleres und nur in einem Prozent keinen Erfolg.„Das Cochlear-Implantat kommt besonders auch den früh versorgten Kindern zugute“, betonte Probst, „Wenn die Implantation rasch, das heißt in den ersten zwei Lebensjahren oder im ersten Jahr nach der Ertaubung erfolgt, sind bei Kindern ein nahezu normaler Hör- und Spracherwerb und in mehr als 50 Prozent der Besuch einer Regelschule möglich.“

Dr. Karin Reischl, Ärzte Woche 8/2005

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