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30. Juni 2005

Wie gefährlich sind Pestizide?

In den letzten Monaten sorgte die Pestizidbelastung von (spanischem) Obst und Gemüse für einige Aufregung. Prof. Dr. Wilfried Bursch, Institut für Krebsforschung der Universität Wien: "Ich denke, dass man die Situation deutlich differenzierter sehen muss als dies etwa GLOBAL 2000 tut. Eine wichtige Frage lautet doch, ob mit dem Verzehr dieser Lebensmittel ein Gesundheitsrisiko verbunden ist. Die Tatsache, dass eine bestimmte Substanz gefunden wurde oder dass die Konzentration über dem Grenzwert liegt, heißt für sich genommen noch nichts."

Grenzwerte mit Puffer

Bursch sieht akut keine Probleme, wenn jemand Lebensmittel isst, bei denen Grenzwerte kurzfristig überschritten werden. Er gehe davon aus, dass die entsprechenden Grenzwerte einen Sicherheitspuffer beinhalten. Anders würde die Situation aussehen, wenn es über lange Zeit zu permanenten Überschreitungen kommt.

Der Toxikologe stößt sich auch an dem undifferenzierten Gebrauch des Wortes "Cocktaileffekt". Oft gehe es dabei um Substanzen, bei denen synergistische Wirkungen überhaupt nicht untersucht wurden. Andererseits wurde vor einigen Jahren in "Science" - einem der renommiertesten Wissenschaftsjournale - eine Studie veröffentlicht, derzufolge "Pestizidcocktails" bis zu 1000-mal stärker wirken als eine Chemikalie für sich allein. Die Ergebnisse ließen sich jedoch nicht reproduzieren, die Autoren mussten die Veröffentlichung zurückziehen (Science 1997). "Ungeachtet dieser Tatsache beruft man sich offensichtlich immer noch auf diese Studie", so Bursch.

Auch der Hinweis auf hormonelle Effekte gefällt dem Experten nicht: Beispielsweise klinge es auf der Global 2000-Homepage so, als ob eine bestimmte Substanz (Endosulfan) für die Zunahme von Brust- und Hodenkrebs verantwortlich sei. Bursch: "Weiters ist zu sagen, dass die bei Wildtieren gefundenen hormonellen Wirkungen lediglich auf lokaler Ebene auftraten. Die Tiere nahmen dabei in einer stark kontaminierten Umgebung Pestizidmengen auf, die deutlich höher als diejenigen waren, die wir uns über die Nahrung zuführen." Ob die Zahl der Paare mit unerfülltem Kinderwunsch wirklich zugenommen habe, sei schwer zu beurteilen. Er glaube nicht, dass aus den 50er- und 60er-Jahren stammende Vergleichswerte sonderlich zuverlässig seien. 

Unzulässige Verknüpfungen

Generell würden beim Thema "Pestizide in Lebensmitteln" an sich richtige Beobachtungen unzulässig miteinander verknüpft, was zu einer Verunsicherung der Bevölkerung führe. Bursch abschließend: "Natürlich ist es aus Vorsorgegründen wichtig, dass die Pestizidbelastung der Nahrung möglichst gering ist. Und wenn Grenzwerte überschritten werden, müssen Behörden und Politik reagieren. Man sollte aber auch immer wieder betonen, wie wichtig Obst und Gemüse - selbst wenn sie geringe Mengen an Pestiziden enthalten - für die Gesundheit sind."

In den Diskussionen weitgehend untergegangen ist die Frage, wie die pestizidbelasteten, billigen Erdbeeren oder Paprika "aus dem sonnigen Süden" eigentlich produziert werden. Zumeist stammen sie aus der spanischen Provinz Almeria (Andalusien), wo 20.000 bis 25.000 Marokkaner arbeiten. Die Arbeitsbedingungen unter den Plastikfolien der Gewächshäuser sind katastrophal, Vergiftungen durch Pestizide nicht selten. Dies belegen auch mehrere Publikationen spanischer Wissenschafter. Das "Plastikmeer" (mar del plastico) bedeckt mittlerweile eine Fläche von 350 km2, so das Klimabündnis Österreich. 

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