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30. Juni 2005

Kampf der Diät-Giganten: Fette versus Kohlenhydrate

Wer mit dem Fotoapparat auf Dr. Robert Atkins zielt, merkt sofort, dass er einen Profi vor sich hat. Reflexartig gehen die Mundwinkel im Gesicht des netten älteren Herrn nach oben, und ein breites, freundliches Lächeln geht auf, das ganz allein der Kamera gilt und genau so lange anhält, bis der Blitz gezündet hat oder die Kamera gesenkt wird.

Dr. Atkins? Etwa der Dr. Atkins? Der, dessen Diät-Vorschläge Jahr für Jahr aufs immer wieder Neue in jeder größeren Publikumszeitschrift aufgewärmt werden? Genau der!

Er hat auf dem Kongress des American College of Cardiology (ACC) in Orlando als Bote aus der wirklichen, der nicht-wissenschaftlichen Welt ein bisschen für Unverständnis, Ärger, Unterhaltung oder auch Nachdenklichkeit gesorgt. Atkins war zu einer Art Streitgespräch mit einem anderen "Diät-Guru" gekommen: Dean Ornish.

Gegensätzliche Diätansätze

Dean Ornish ist Gründer und Präsident des Instituts für Präventivmedizin in Sausalito in Kalifornien und außerdem Kardiologe an der Universität in San Francisco. Ornish ist Diät-Buchautor wie Atkins, betreibt sein Geschäft aber sehr wissenschaftlich. Weshalb er auf den großen Kardiologen-Kongressen auch immer wieder als Referent auftaucht.

Atkins ist zwar auch Kardiologe, wie er sagt, hat es aber nicht so sehr mit der Wissenschaft und den wissenschaftlichen Regeln, die in der weltweiten Gemeinde der schulmedizinisch tätigen Kardiologen gelten.

Die Diätvorstellungen der beiden sind sehr, sehr verschieden. Atkins vertritt die These, dass man ruhig viel Fett essen könne. Nur Kohlenhydrate sind bei ihm weitgehend verboten. Ornish dagegen plädiert für sehr wenig Fett. Bei den Kohlenhydraten dagegen braucht man bei ihm, zumindest wenn es um komplexe Kohlenhydrate geht, nicht sparsam umzugehen.

Gewichtsverlust durch beide Methoden

Erfolg hat man offenbar mit beiden Diäten, man kann erheblich Gewicht verlieren. Aber welche Diät ist die beste? Für Atkins sind Diät-Empfehlungen, wie sie die Herzgesellschaften überall unters Volk bringen, gefährlicher Unsinn. Er sieht darin sogar eine Mitursache für die steigenden Zahlen der Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Denn die ständig propagierte Forderung: "Wenig Fett, viel Kohlenhydrate!", oder auch die Forderung nach einem ausgeglichenen Anteil aus Fett, Kohlenhydraten und Eiweiß in der Ernährung führe dazu, dass zur Hauptsache der falsche von zwei metabolischen Prozessen in Gang gesetzt wird. Derjenige nämlich, über den Kohlenhydrate verbrannt werden.

Der Körper werde trainiert, Kohlenhydrate als täglichen Kraftstoff zu verbrauchen, Fett aber als Reserve einzulagern. Folge der zu vielen Kohlenhydrate sei außerdem, dass die Triglyzeridspiegel steigen, was unter anderem zu Insulinresistenz und Hyperinsulinismus führe. Zwischen Insulin und Triglyzeriden gebe es eine verhängnisvolle Verbindung. "Das ist es, was meine Karriere als Kardiologe bestimmt hat, der Menschen helfen will abzunehmen".

Die Folge des ganzen Kohlenhydrat- und Triglyzerid-Übels sind die Epidemien Fettleibigkeit, Diabetes und Herz-Kreislauf-Krankheiten. Mit seiner Diät allerdings könne hier entscheidend geholfen werden. Durch sehr wenig Kohlenhydrate und mehr Fett werde der Körper gezwungen, den anderen metabolischen Prozess zu nutzen, den, der über die Verbrennung der Fette führt.

Und das funktioniere auch sofort. Sobald man einen kritischen Wert bei der Aufnahme von Kohlenhydraten unterschreitet, sage der Körper: "O.k., jetzt ist eben Fett mein primärer Treibstoff." So weit Robert Atkins. Für Dean Ornish ist das alles überhaupt nicht nachvollziehbar. Nichts sei belegt und die Atkins-Diät sei gefährlich.

Da denkt er nicht anders über seinen Kontrahenten und dessen Ideen, als sein Kontrahent über ihn und seine Empfehlungen denkt, die in dieselbe Richtung gehen wie die der Herzgesellschaften: Weitgehend weg von tierischen und hin zu pflanzlichen Lebensmitteln. Dazu körperliche Bewegung. "Iss mehr, wiege weniger", ist der Titel eines seiner Werke. Der Kaloriengehalt von Fett ist mehr als doppelt so hoch wie der von Kohlenhydraten. Man könne also mehr essen, um satt zu werden.

Und Ornish hat, was Atkins nicht hat: Viele als wissenschaftlich geltende Beweise. Und nicht nur solche, in denen Risikofaktoren wie etwa zu hohe Triglyzeride den Kern der Argumentation bilden. Sondern er hat Belege, in denen Wirkungen seiner Diät gemessen wurden, etwa mit quantitativer Arteriographie bei Stenosen.

Ornish zitiert außerdem Studien, nach denen bei Angina-pectoris-Patienten die Häufigkeit von Brustschmerzen durch eine Lebens- und Ernährungsumstellung nach seinen Empfehlungen um 91 Prozent verringert wurde. Studien, nach denen durch die Diät Bypass-Operationen nicht mehr nötig waren.

All das selbstverständlich nicht nur anekdotisch, sondern dokumentiert in "JAMA", "Lancet", "Circulation". Alles, was für Ornishs Diät spricht, spricht beinahe automatisch gegen die Diät von Atkins. Zumindest passen Ornishs Überlegungen über die Wirkungszusammenhänge seiner Diät - Senkung der LDL-Spiegel, weniger Oxidantien etwa - genau zu Erkenntnissen, die in der Kardiologie über die Pathogenese atherosklerotischer Vorgänge im Umlauf sind. Dazu gehören auch Erkenntnisse zur Wirkung von zu viel Fleisch und Fett, von denen Ornish einige aus der Literatur vortrug.

Sollen prospektive Studien entscheiden?

Danach ist zum Beispiel mehrfach gemessen worden, dass durch fettreiche Ernährung der Blutfluss beeinträchtigt wird. "Den Leuten zu erzählen, dass Schweinefleisch und Würstchen gut für sie sind, ist eine tolle Methode, um Bücher zu verkaufen, aber es ist verantwortungslos. Und gefährlich für diejenigen, die dem Rat folgen", so Ornish in einer schriftlichen Stellungnahme zu Thesen, wie sie Atkins vertritt.

Selbstverständlich weiß der, dass es für ihn bei den heutzutage akzeptierten Beweisen - prospektiven Studien nämlich - ganz dunkel aussieht. Es gibt nicht eine einzige. Wenn es nur nach ihm ginge, müsste allerdings auch niemals eine gemacht werden. "Ich muss", sagte Atkins in Orlando selbstbewusst, "heute niemandem mehr etwas beweisen."

Aber dann tappte er in eine Falle, in die man in seiner Lage einfach tappen muss, wenn man sich in eine Umgebung begibt, in der dokumentierte Prozentzahlen und statistische Signifikanzen die Basis allen Handelns sind. Ja, sagte er, da man Studien nun einmal als notwendig erachte, wäre es gut, wenn Aspekte seiner Diät mit einer prospektiven Studie untersucht würden. Er wisse genau, dass seine Thesen bestätigt würden. Und da war? passiert.

Wieso er denn wissen könne, was aus einer Studie herauskomme, die noch gar nicht gemacht worden sei, wurde er gefragt. Weil, antwortete Atkins, er nach der Behandlung von 20.000 Patienten eben einfach wisse, was bei ihnen da vorgeht. Was als Argument von einem, dem man ohnehin nicht traut, auf einem Wissenschaftskongress wie dem des ACC natürlich noch weniger als nichts wert ist.

Wer richtig arbeite, bringe erst Beweise und schreibe dann Bücher mit Empfehlungen, und nicht umgekehrt, schnappte Dean Ornish denn auch sofort zu. Robert Atkins sah nicht so aus, als ob ihn das und die schwer im Raum lastende Skepsis besonders berührten. Nur als er am Schluss aufstand und als wieder eine Kamera auf ihn zielte, da schien das Lächeln nicht mehr ganz so schnell zu kommen.

ÄZ/Hagen Rudolph, Ärzte Woche 15/2001

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