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30. Juni 2005

Ernährung als Therapie

Ernährungsmedizinische Erkenntnisse der letzten Jahre finden nach Meinung von Experten in der Betreuung von Patienten noch zu wenig Beachtung. Das soll sich ändern. "Jeder Patient, der eine Praxis aufsucht, sollte eine ernährungsmedizinische Beratung bekommen können", so Ärztekammer-Präsident Dr. Walter Dorners Wunsch an seine KollegInnen. Bislang haben 110 Wiener ÄrztInnen das "Ernährungsdiplom" erworben.

"700.000 Österreicher haben einen Body Mass Index über 30. Das heißt, sie sind definitionsgemäß schwer übergewichtig", nennt er die Zahlen und Übergewicht sei eine "Krankheit und kein selbstverschuldetes Problem". Prof. Dr. Kurt Widhalm, Präsident der Akademie für Ernährungsmedizin und Leiter der Ernährung und Adipositas an der Universitätskinderklinik, Wien, fordert: "In Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen wie Diätassistentinnen, Psychologen und Sporttherapeuten müssen verhaltenstherapeutische und präventive Programme entwickelt werden, um die immense Zunahme übergewichtiger Personen zu reduzieren. "

Schon Kinder zu dick

Die bisherigen Ergebnisse der Behandlung von Übergewichtigen seien laut Widhalm nicht optimal, denn "lediglich 5 bis 10 Prozent der behandelten Erwachsenen verlieren dauerhaft an Gewicht".

Übergewicht und falsche Ernährungsgewohnheiten beginnen bekanntlich schon im Kindesalter: Allerdings: "Da bei Kindern und Jugendlichen keine exakte Trennung zwischen gutem Ernährungszustand und Überernährung existiert, ist in der Praxis die Diagnose eher vom Aussehen des Kindes abhängig. Auch mit dem Body Mass Index ist eine Aussage hinsichtlich des Ausmaßes des Übergewichtes, besonders bei nur mäßigem Übergewicht bei Kindern, nur schwer möglich", gibt Widhalm zu bedenken.

Verstärktes Augenmerk sei auf Präventionsprogramme in Kindergärten und Schulen zu lenken, ohne jedoch Kindern und Jugendlichen etwas zu verbieten. Überhaupt komme professionelle Ernährungsberatung ohne Verbote aus.

Mangelernährung im Krankenhaus

Auf der anderen Seite hingegen sind 20 Prozent der älteren Patienten bei einer Spitalsaufnahme mangelernährt, das heißt, sie haben einen BMI unter 15. Ein Zustand, der sich während des Krankenhausaufenthaltes nicht bessert, sondern oft noch verschlechtert: 50 Prozent aller Spitalspatienten erhalten nicht die notwendige Nährstoffzufuhr. Daten aus Österreich zeigen, dass Kinder und Jugendliche während eines Spitalsaufenthaltes deutlich an Gewicht verlieren. Widhalm: "Es wird immer noch kein Wert auf eine Ernährungsdiagnostik gelegt. Ernährungstherapie muss Teil der Behandlung sein, denn dadurch sind auch therapeutische Effekte erzielbar, und nicht zuletzt könnten Medikamentenkosten eingespart werden."

Eine positiven Trend ortet die Wiener Internistin und diplomierte Ernährungsmedizinerin Dr. Gabriele Müller: "Laut Statistik hat sich das Essverhalten der Österreicher in den letzten Jahren in die richtige Richtung verändert." Patienten hätten mehr Interesse an ernährungstechnischen Fragen.

Darüber hinaus leben wir in einer Zeit der Supplementierungen. "In der Meinung, ihrem Körper etwas Gutes zu tun, nehmen viele Menschen Vitamine und Spurenelemente wahllos ein. Das kann nicht nur ihrem Portemonnaie, sondern auch ihrer Gesundheit schaden", weiß Müller. "Ich habe mir angewöhnt, im Rahmen einer Medikamentenanamnese auch nach solchen Präparaten zu fragen. Vielfach werden sie von den Patienten nicht als Medikamente eingestuft, könnten aber durchaus mit anderen Mitteln interagieren. Immer wieder sehe ich chronische Überdosierungen, vor allem bei Spurenelementen wie Selen oder Vitamin A."

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