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30. Juni 2005

Rezeptorblockade stoppt Knorpelschäden

"Interleukin-1 alpha ist die Königssubstanz, die für Pathologien im Gelenk verantwortlich ist", erklärte Dr. Julio Reinecke, Orthopäde und Neurochirurg aus Düsseldorf, beim "1. Wiener Symposium Molekulare Orthopädie in Praxis und Klinik" der Firma Arthrex Bio Systems. So lange Monozyten genügende Mengen des natürlichen IL-1A-Gegenspielers produzieren - den Interleukin-1-Rezeptor-Antagonisten (IL-1-RA) - blockiert der entsprechend viele IL-1-Bindungsstellen. Wirft jedoch eine chronische Entzündung ihr Gewicht in die IL-1A-Waagschale, so alarmiert der steigende IL-1A-Spiegel verstärkt Immunzellen - Schmerzen und schwere Knorpelschäden sind die Folge.

IL-1-RA-Konzentrat

Dr. Peter Wehling und Dr. Julio Reinecke entwickelten mit ihrer Arbeitsgruppe in Düsseldorf eine neue Behandlung zum Schutz des Gelenkknorpels: Der Arzt nimmt dem Patienten Blut ab. Die Beschichtung der dabei verwendeten Spritze regt die Monozyten der Blutprobe an, IL-1-RA zu produzieren. Im Sammeltransport gelangen jeweils fünf bis zehn dieser abgenommenen so genannten Orthokin®-Spritzen per Kurierdienst gut gewärmt bei 37° C in das Düsseldorfer Labor der Firma Arthrex Bio Systems, die aus der Probe Ampullen mit hoch angereichertem körpereigenem IL-1-RA-Injektionskonzentrat produziert. Nach acht bis zehn Tagen werden mindestens sechs solcher Röhrchen tiefgekühlt in die Ordination des Arztes transportiert, der das "natürliche Medikament" wöchentlich direkt in die betroffenen Gelenke des Patienten injiziert.

Beobachtungsstudie

"In einer großen vierjährigen Beobachtungsstudie erhielten 2.704 Patienten in unterschiedlichen Krankheitsstadien eine Orthokin®-Therapie", berichtete Wehling. "Bei 70 Prozent der Studienteilnehmer ließ sich die Gelenkdegeneration stoppen." Über die Hälfte der Behandelten litten unter weniger Beschwerden und konnten die betroffenen Gelenke besser bewegen. Eine Placebo-Kontrollgruppe fehlte allerdings. Besonders gute Erfolge zeigt die Therapie bei frühen und mittleren Arthrose-Stadien. Je weiter die Gelenkprobleme fortgeschritten sind, desto kürzer wirkt die IL-1-RA-Injektion. Bei so schwerer Schädigung der Gelenkflächen, dass die Indikation für eine prothetische Versorgung besteht, eignet sich Orthokin® deshalb nicht. Längerfristigen Heilungserfolg könnte die gentherapeutische Therapie-Variante bieten, die sich noch in der klinischen Studienphase befindet. Aus der Blutprobe gewonnene Stammzellen werden mit einer Gensequenz geimpft, die den Code für eine verstärkte IL-1-RA-Produktion trägt. Ins Gelenk injiziert, produzieren diese Zellen das gewünschte Protein und können als Ausgangszellen für Knorpelgewebe dienen. "Solche Behandlungen könnten in Zukunft vielleicht auch bei Bandscheibendegenerationen, Frakturheilung oder zur Regeneration nach Nervenverletzungen helfen. Die Gentechnik wird in die Routinebehandlung Einzug halten - auch in der Orthopädie", prophezeite Reinecke. 

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