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Innere Medizin 7. Juli 2005

Die vielen Gesichter der Histamin-Intoleranz

Ein erheblicher Teil nahrungsmittelinduzierter Unverträglichkeitsreaktionen ist nicht durch Allergien bedingt, sondern stellt Intoleranzreaktionen ohne Beteiligung des Immunsystems dar. Die Aufnahme von exogenem Histamin durch die Nahrung kann zum vielfach chronischen und oftmals unerkannten Krankheitsbild der Histamin-Intoleranz führen.

Histamin ist der wichtigste Mediator allergischer Reaktionen. Es ist ein hoch potentes biogenes Amin, das unter anderem die Magensaftsekretion stimuliert, Gefäße erweitert, als Neurotransmitter fungiert (wichtig zum Beispiel für Schlaf-Wach-Rhythmus, Appetitkontrolle, Lernfähigkeit und Gedächtnis) und für die Immunmodulation wichtig ist, betonte Prof. Dr. Reinhart Jarisch, Floridsdorfer Allergiezentrum, Wien. Erhöhte Histamin-Spiegel im Blut können durch Freisetzung aus den eigenen Köperzellen (vor allem aus Mastzellen), die Aufnahme histaminreicher Nahrungsmittel oder/und einen Mangel an histaminabbauender Diaminoxidase ausgelöst werden. Das Enzym Diaminooxidase (DOA) wird durch Alkoholgenuss oder Einnahme verschiedener Medikamente gehemmt, zu denen auch einige Substanzen zählen, die bei Asthmatikern häufig eingesetzt werden (siehe Tabelle). Patienten, die mit diesen Substanzen behandelt werden, sollten histaminhaltige Speisen meiden, da sie Histamin aufgrund der Diaminooxidase-Hemmung nicht genügend abbauen können. Alimentäres Histamin könnte deshalb Cephalea, Rhinitis, Urtikaria, Diarrhö, Hypotonie, kardiale Arrhythmie oder Asthma bronchiale auslösen.

Histaminbedingte Beschwerden

In diesem Zusammenhang wies Jarisch auch auf den gefährlichen Unsinn hin, Asthmatikern Codein zu geben, das die Histaminfreisetzung fördert. Wenn Patienten, die mit diesen Medikamenten therapiert werden, histaminreiche Nahrungsmittel zu sich nehmen, so besteht das erhöhte Risiko für Histamin-bedingte Beschwerden: im Bereich des Herz-Kreislauf-Systems (Tachykardie, Arrhythmie, Hypotension), der Haut (Rötung, Pruritus, Flush, Urtikaria), des Gehirns (Kopfschmerz, Schwindelgefühl), der Nase (verlegte Nase), der Lunge (Bronchokonstriktion, Asthma) oder des Magen-Darmtraktes (Krämpfe, Diarrhö, Erbrechen, Sodbrennen). Antihistaminika (H1-Blocker) können die Symptome unterdrücken. Die wichtigste Therapie aber ist laut Jarisch die Einhaltung einer histaminfreien Diät.
Auch eine verstärkte Zufuhr von Vitamin C kann hilfreich sein. Untersuchungen haben die inverse Korrelation zwischen Vitamin-C-Blutspiegel und Kopfschmerz-Häufigkeit bestätigt. So reduzierte die sublinguale Einnahme von Vitamin C (zum Beispiel 2-mal 500 mg) bei Mastozytose-Patienten (hoher Histamin-Spiegel, erniedrigter Vitamin-C-Blutspiegel; normal: 5,2-12,8 Mikrogramm/ml) die Kopfschmerzen (und Histaminspiegel) signifikant. Jarisch stellte eine aktuelle Untersuchung vor, in der Patienten, die an ausgeprägten Kopfschmerzen litten und bereits gründlich neurologisch untersucht worden waren, einen Monat lang einer histaminfreien Diät unterworfen wurden.
Von den 35 Patienten waren nach der Diät (und auch bei Befragungen bis zu neun Monate später) 22 beschwerdefrei, bei acht Personen kam es zu einer deutlichen Besserung (Abnahme der Kopfschmerzfrequenz über 50 Prozent). Der Histamin-Spiegel fiel im Zeitraum von einem Monat signifikant ab, die DOA stieg signifikant an. Bei fünf Personen kam es zu keiner klinischen Besserung, wobei auch Histamin und DOA unverändert blieben. Patienten, die an Weinunverträglichkeit leiden, können das zugeführte Histamin unzureichend abbauen, wodurch es (im Gegensatz zu Kontrollpersonen) zu einem Plasmahistaminanstieg kommt. Will man aber trotz Histamin-„Empfindlichkeit“ nicht auf einen guten Rotwein oder französischen Schimmelkäse verzichten, so kann die Einnahme eines Antihistaminikums kurz vor der Verkostung sehr gut vor den Symptomen schützen, verriet Jarisch sein Privatrezept.

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