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30. Juni 2005

Verwirrte Teenager: Wenn die Migräne die Sinne raubt

Wuppertal. Reagiert ein Teenager plötzlich verwirrt und agitiert, werden schnell Drogen als möglicher Auslöser in Betracht gezogen. In seltenen Fällen kann hinter den plötzlichen Bewusstseinsänderungen aber auch eine "confusional migraine" stecken.

So berichtet Dr. Peter Borusiak vom Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Wuppertal von einer elfjährigen Patientin, die als Notfall in die Klinik eingeliefert worden war. In der Schule war die bis dahin vollkommen gesunde Schülerin plötzlich aufgestanden, sie weinte, lief durch die Klasse, legte sich schließlich unter eine Bank und reagierte auf Ansprache nur noch agitiert. Der in die Klasse gerufene Notarzt musste zweimal zehn Milligramm Diazepam intravenös geben, damit ein Transport in die Kinderklinik möglich wurde.

Bei der Untersuchung des weiterhin agitierten, zum Teil um sich schlagenden Mädchens fanden sich zur Überraschung der Ärzte jedoch weder Zeichen eines Drogenkonsums noch Hinweise für eine Stoffwechselentgleisung (Klin Pädiatr 213, 2001, 28). Auch CT und Lumbalpunktion ergaben keine Auffälligkeiten.

Erst nach sechs Stunden sei die Patientin langsam wieder klar und orientiert geworden, so Borusiak. Sie schilderte, dass sie in der Pause plötzlich so heftige Kopfschmerzen bekommen hatte, dass sie weinen musste. An mehr konnte sie sich nicht mehr erinnern. Obwohl eine familiäre Migränedisposition fehlte und die Eigenanamnese unauffällig war, schlossen die Mediziner aufgrund der Symptome auf eine "confusional migraine". "Eine beweisende Untersuchung für diese Verdachtsdiagnose gibt es nicht. Ich habe die Patientin nach etwa acht Monaten noch einmal ambulant gesehen. Sowohl der weitere Verlauf als auch ein erneutes EEG waren unauffällig", so Borusiak. Bisher seien keine weiteren Attacken einer "confusional migraine" aufgetreten.

Typisch für diese sehr seltene Migräneform - es gibt bislang nur wenige Fallbeispiele in der Literatur und auch keine deutsche Bezeichnung - sei ein Altersgipfel in der Adoleszenz, erläutert Borusiak.

Zu den Kopfschmerzen komme dabei eine relativ plötzlich einsetzende Aphasie und Verhaltensänderung mit Verwirrtheit und zum Teil Agitiertheit hinzu. Diese Symptome träten vermutlich aber nicht bei jeder Attacke auf. Als Auslöser gelten - ähnlich wie bei der herkömmlichen Migräne - unter anderem Stress und bestimmte, meist tyraminhaltige Nahrungsmittel. Auch der prämenstruelle Östrogenabfall könnte von Bedeutung sein.

Als therapeutische Interventionsmöglichkeit kann bei einem Rezidiv nach Aussage von Borusiak Sumatriptan empfohlen werden. Vor allem das Nasenspray sei aufgrund der geringen Latenz zwischen Kopfschmerzen und Verwirrtheitszustand dazu geeignet.

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