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30. Juni 2005

Die Dosis macht das Gift

Botulinumtoxin (BTX) gilt als stärkstes bekanntes Gift. Als geruch- und farbloses Toxin, unter anaeroben Bedingungen von Clostridium botulinum gebildet, wird es seit nunmehr etwa zehn Jahren in geringsten Mengen äußerst wirkungsvoll auch als Therapeutikum eingesetzt. 

Anfangs fand BTX in der Behandlung des Strabismus oder lokaler dystoner Syndrome seine Anwendung. Heute stellt die intramuskuläre Injektion des Toxins die Therapie der Wahl bei Patienten mit Blephorospasmus und Torticollis spasmodicus dar. Auch vielversprechende Versuche bei Patienten mit Hyperhidrosis ließen in den vergangenen Jahren aufhorchen.

"Eine topische Behandlung mit BTX führt klinisch zu einer lokalen, reversiblen und in ihrer Stärke gut steuerbaren Parese und Atrophie des Zielmuskels", erklärt Prof. Dr. Peter Schnider, Klinische Abteilung für neurologische Rehabilitation der Wiener Universitätsklinik für Neurologie auf dem Neurologie-Update am 29.3.2001 im Schloss Wilhelminenberg.

Schmerztherapie mit BTX

Nun wird die Indikationspalette des Toxins auf die Beeinflussung von Schmerzzuständen erweitert.

Denn schon jetzt steht "bei der Therapie schmerzhafter zervikaler Dystokien oder spastischer Zustände mit BTX nicht so sehr die Bewegungsverbesserung als die Schmerzreduktion im Vordergrund", so Schnider. Die analgetische Wirkung von BTX nach lokaler Injektion kann unter anderem durch die Relaxation und dosisabhängige Volumsabnahme des betroffenen Muskels erklärt werden. Der Druck auf komprimierte Nervenstrukturen wird dadurch vermindert. Zudem könnte es durch Beeinflussung der autonomen Gefäßmuskulatur zu einer Zunahme der Durchblutung und einer Verringerung von Gefäßspasmen kommen.

In verspannten Muskeln lassen sich Triggerpunkte lokalisieren, charakterisiert durch einen lokalen Muskelschmerz, der bei der Palpation verstärkt und durch Infiltration mit einem Lokalanästhetikum deutlich reduziert werden kann. Patienten mit Spannungskopfschmerz, Migräne oder einem Kombinationskopfschmerz weisen neben Haltungsanomalien häufig derartige Triggerpunkte auf. Auch beim myofaszialem Schmerzsyndrom, zervikogenen Kopfschmerzen oder einer Neuralgie des Nervus occipitalis finden sich derartige Punkte. Zur Behandlung wählt man bei dystonen und spastischen Syndromen hauptsächlich Muskel aus, die für die abnorme Bewegung oder die Fehlhaltung verantwortlich sind.

"Bei Schmerzsyndromen ist die Muskelauswahl schwieriger", erläutert Schnider. Muskuläre Spontan- und Dehnungsschmerzen in verquollenen oder verdickten Muskeln geben Hinweise auf den idealen Injektionsort. Auch aktive Triggerpunkte in Muskeln eignen sich zur Applikation von BTX. Insbesondere bei Migräne und Spannungskopfschmerz können auch Muskel im Gesichtsbereich ausgewählt werden. 

Gute Erfahrungen mit BTX

Die Verabreichung von BTX in muskuläre Triggerpunkte von Patienten mit chronischen zervikogenen Kopf- und Nackenschmerzen, sowie beim Peitschenschlagsyndrom führt zu einer Besserung des Beschwerdebildes. Schnider: "Bei Patienten mit Spannungskopfschmerzen haben wir neben niedrig dosierten Antidepressiva, Biofeedback oder Entspannungsübungen nicht allzu viel anzubieten." Erste Untersuchungen mit einer geringen Dosis von BTX-A (25mU Botox®), verteilt auf verschiedene Muskel des Gesichtsbereiches, seien jedoch vielversprechend, auch als Basisprophylaxe.

Nebenwirkungen wären, so der Neurologe, bei der Anwendung grundsätzlich selten und immer reversibel. Sie äußern sich zumeist in einer therapeutisch nicht erwünschten Schwäche der benachbarten Muskulatur. Zudem kann es nach wiederholten BTX-Injektionen in etwa ein bis zehn Prozent der Fälle zur Bildung biologisch wirksamer Antikörper und dadurch zu einem sekundären Therapieversagen kommen.

Daher wurden auch andere Serotypen von BTX in ihrer klinischen Wirkung untersucht, um in diesen Fällen Behandlungsalternativen in Händen zu haben. Aufgrund der niedrigen Dosierung von BTX für die lokale Schmerzbehandlung sei eher seltener mit Nebenwirkungen zu rechnen. 

Schnider: "Eventuell könnte es durch die lokale BTX-Therapie zu einer kompensatorischen Anspannung der benachbarten Muskel kommen, die den relaxierenden Effekt wieder aufheben kann. Weitere Untersuchungen sollten diesbezüglich Klarheit schaffen", so Schnider. 

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