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Orthopädie 8. November 2007

Mehr Augenmerk auf Osteoporose richten

Viele Osteoporosepatienten werden unzureichend behandelt oder gar nicht erst diagnostiziert. Jeder zweite Patient wird nach einer Schenkelhalsfraktur nie mehr so fit wie zuvor. Schmerzen und Verlust an Lebensqualität könnten Patienten aber erspart bleiben, würde ihre Osteoporose frühzeitig erkannt und fachgerecht behandelt. Auch frühzeitige Beratung zu einem gesunden Lebensstil kann als gezielte präventive Maßnahme zur Vermeidung der Erkrankung eingesetzt werden.

Anlässlich des sechsten Wiener Osteoporosetags am 20. November im Wiener Rathaus betont die Präsidentin der Osteoporose Selbsthilfe Wien, Prof. Dr. Elisabeth Preisinger, im Gespräch mit der Ärzte Woche die Bedeutung der ärztlichen Fortbildung zum Thema Osteoporose.

Frau Prof. Preisinger, in Fachkreisen wird davon ausgegangen, dass viele von Osteoporose betroffene Patienten nicht oder nur unzureichend behandelt werden. Nehmen Österreichs Ärzte die Krankheit nicht ernst genug?
Preisinger: Nicht nur in Österreich, auch europaweit fällt auf, dass viele Osteoporosekranke über­sehen werden. Das betrifft vor allem ältere Patienten über 65. Wir sehen in den Spitälern viele Personen zur Nachsorge, die oft schon mehrere Knochenbrüche hatten, aber bezüglich einer Osteoporose nie abgeklärt wurden. Die Fraktur wird behandelt, aber dann passiert nichts mehr. Nur etwa vier Prozent der Radiusfrakturen werden abgeklärt. Deshalb ist die ärztliche Fortbildung zum Thema Osteoporose besonders wichtig.

Bei den Betroffenen kann es auch zu Wirbelkörpereinbrüchen kommen. Sollten die Schmerzen danach nicht Grund genug sein, einen möglichen Knochenschwund abzuklären?
Preisinger: Wirbelkörpereinbrüche verlaufen häufig gar nicht schmerzhaft, weil sie offensichtlich auch langsam entstehen. Erst nach mehreren Wirbelkörpereinbrüchen kommt es zu chronischen Schmerzen. Dann wird häufig der Rückenschmerz behandelt, nicht aber die Osteoporose.

Der Hausarzt sollte also ein stärkeres Augenmerk auf eine mögliche Osteoporose-Erkrankung richten?
Preisinger: Der niedergelassene Arzt sollte viel mehr darauf schauen. Wir können den Knochen durch eine medikamentöse Behandlung sehr rasch wieder aufbauen. Oder wir können den Knochenabbau hemmen. Es ist wichtig klarzumachen, dass wir nicht nur ein Medikament zur Verfügung haben. Wenn die oralen Mittel bei multimorbiden Patienten nicht gut vertragen oder von der Magenschleimhaut schlecht resorbiert werden, gibt es auch die Möglichkeit der parenteralen Gabe. Bei multimorbiden Patienten müssen wir nicht täglich Medikamente geben, sondern es besteht die Möglichkeit, mit einer vierteljährlichen Behandlung oder sogar nur einmal jährlichen Infusion die Knochen wieder zu stärken.

Kann mit einem gesunden Lebensstil vorgebeugt werden?
Preisinger: Der Knochen hat ganz vielfältige Funktionen. Er stützt den Bewegungsapparat, schützt die inneren Organe und ist selbst ein Stoffwechselorgan. Deshalb ist der tägliche Gebrauch so wichtig. Denn der Knochen passt sich an. Je mehr Beugebelastung auf den Knochen kommt, unter der Frakturschwelle, desto fester wird der Knochen. Gewichtsheber haben die festesten Knochen überhaupt. Krafttraining, Tennis spielen, Stepp-Aerobik sind günstige Sportarten. Der Schenkelhals wird etwa durch hüpfende, springende Bewegungen positiv belastet.

Welche Rolle spielen Hormone und die Ernährung für die Knochenfestigkeit?
Preisinger: Der Knochen ist als Stoffwechselorgan sowohl von den Hormonen als auch von der Ernährung abhängig. Die Hormonersatztherapie wäre zwar zur Osteoporose-Prävention geeignet, aber das Risiko muss individuell abgewogen werden. Auch die Ernährung spielt eine wesentliche Rolle: Mangelernährung ist ein echter Risikofaktor und betrifft oft junge Menschen. Vom Vorschulalter bis ins hohe Alter gilt: auf gesunde und ausgewogene Ernährung achten, nicht rauchen, mäßig Alkohol trinken und Immobilität vermeiden.

Kann durch Modifikation des Lebensstils Knochen wieder aufgebaut werden?
Preisinger: Wenn der Knochen bereits geschwächt ist, muss mit Medikamenten therapiert werden. Mit Lebensstilmodifikation kann nur der Verlust an Knochenmasse aufgehalten werden, ein Wiederaufbau ist so nicht möglich. Wichtig ist, dass Ärzte die Krankheit rechtzeitig diagnostizieren und behandeln, die Compliance kontrollieren und Patienten in höherem Alter auch zur Sturzprophylaxe raten. Bei Wirbelkörpereinbrüchen können auch operative Maßnahmen wie Ver­tebroplastie und Kyphoplastie eingesetzt werden. Eine gute Schmerzbehandlung kann den Teufelskreis aus Schmerzen, Angst vor Schmerzen und Vermeidung von Bewegung durchbrechen. Zudem sind Rehabilitation, Aufbautraining und Osteoporosetherapie nötig.

Das Interview führte Inge Smolek.

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