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Orthopädie 30. Oktober 2007

Der „Erfinder“ der Unfallkrankenhäuser (Narrenturm 111)

In der öffentlich zugänglichen Schausammlung im Parterre des Pathologisch-Anatomischen Bundesmuseums im Narrenturm erinnert eine schlichte Vitrine mit Präparaten von typischen Knochenbrüchen nach Unfällen an eine österreichische „Erfindung“: die weltweit kopierten, erfolgreichen und effizienten Unfallkrankenhäuser. Schöpfer dieser Krankenanstalten und Begründer der Unfallheilkunde ist der Vorarlberger Arzt Lorenz Böhler (1885-1973).

 Knochenfrakturen
Knochenfrakturen mit den typischen Merkmalen nach einem Unfall.

Foto: Regal/Nanut

Böhlers Lebensweg und die Geschichte seines Erfolges ist tatsächlich eine Bilderbuchgeschichte, vom Sohn eines armen Tischlers in Vorarlberg, der als elfjähriger Knabe 1896 im Interessanten Blatt die Fotografie des Röntgenbildes einer Hand sah und davon derart fasziniert war, dass er nicht nur sein Lesebuch mit dieser Zeitung einband, sondern sich auch spontan entschloss, Chirurg zu werden. Mit den angeblich typischen alemannischen Eigenschaften – Zielstrebigkeit und „Unbeirrbarkeit ohnegleichen“ – erreichte Böhler tatsächlich alle seine Ziele. Mittelschule, Medizinstudium in Wien und danach Operationszögling an der 2. Chirurgischen Universitätsklinik im Allgemeinen Krankenhaus in Wien. Seinen medizinischen Horizont erweiterte er durch eine Stelle als Schiffsarzt, danach als Sekundararzt in Tetschen an der Elbe und durch die Teilnahme an einem Kongress in New York, wo er die Klinik der Brüder Mayo in Rochester, die bereits damals wegen ihrer Organisation und Operationstechniken Weltruhm genoss, kennen lernte. Nach der Ermordung des Thronfolgers in Sarajewo musste er rasch aus Amerika zurückkommen und wurde kurz danach zum Militär eingezogen. Nur durch Böhlers später geradezu sprichwörtliche Sturheit – manche Autoren sprechen hier dezenter von Beharrlichkeit – gelang es Böhler, als Arzt in ein Feldspital nach Linz abkommandiert zu werden. Später wurde er als Truppenarzt nach Galizien überstellt.
Hier sah Böhler bald, dass Extremitätenverletzungen bei weitem die Mehrheit der Verwundungen ausmachten und diese Verletzungen durch unsachgemäße Behandlung oft zu katastrophalen Ergebnissen – allzu oft sogar zu unnötigen Amputationen – führen konnten. Die Chirurgie interessierte sich damals vorwiegend für die gerade im Aufbruch befindliche große Organchirurgie. Die Behandlung von Knochenbrüchen war für die meisten Ärzte „ein abgeschlossenes Kapitel“. Gestandene Chirurgen überließen dieses Kapitel daher gerne den jungen und unerfahrenen Assistenzärzten. Die alten Lehren, die ein Lehrbuch vom anderen übernahm (auf gut Deutsch: abschrieb), waren nach wie vor gültig und wurden auch kritiklos befolgt. Seine Ideen und Überlegungen, die Böhler hier bei der Behandlung von Frischverletzten anstellte und oft auch gegen das kaiserliche Dienstreglement – „davon versteht der Kaiser nichts“, war eine seiner Bemerkungen zum medizinischen Reglement, die ihm beinahe ein Verfahren wegen Majestätsbeleidigung eingebracht hätte – letztendlich auch praktisch anwendete und erprobte, waren der Beginn der modernen Unfallheilkunde.

Erste Visionen werden wahr

Im August 1916 betraute man Böhler mit der Leitung eines Lazaretts für Leichtverwundete in Bozen. Das Spital war zufällig in einer Berufsschule mit Werkstätten untergebracht. Hier konnte er endlich seine Ideen verwirklichen:
• Gipsverbände soweit als möglich durch Extensionen ersetzen, um trotz Ruhigstellung der Schussbrüche die Wundverhältnisse überblicken zu können.
• aktive Bewegung der gesunden Gelenke, um unnötigen Muskelschwund und Gelenksversteifungen zu vermeiden.
• ununterbrochene Ruhigstellung der Bruchfragmente bis zur knöchernen Heilung.
Gemeinsam mit den Handwerkern unter seinen Patienten bastelte der Tischlersohn Böhler Schienen, Bügeln und Extensionsgeräte für die schwer Verwundeten. Aber gerade das Zielpublikum bekam er nicht zur Betreuung. Sein Lazarett war ja nur für Leichtverwundete. Wie ein Dieb in der Nacht und mit entsprechendem Bakschisch für die Wachmannschaften „entführte“ er Schwerverwundete aus den am Bahnhof abgestellten Transporten und versorgte sie in seinem Lazarett. Und dies besser als in allen anderen Feldlazaretten der Monarchie. Das sprach sich bald herum. Im November 1916 wurde seine Abteilung offiziell zu einer „Spezialabteilung für Knochenschussbrüche und Gelenkschüsse“ und ein Jahr später seine Arbeit in einer Qualifikationsbeschreibung bereits als „bahnbrechend“ bezeichnet. 1917 bildet Böhler hier bereits 400 Ärzte aus.
Während eines Urlaubs in Wien fiel Böhler im Jahr 1917 eine Statistik der Arbeiterunfallversicherungsanstalt in die Hände. Hier sah er, dass auch bei zivilen Unfällen die Behandlungsergebnisse erschreckend schlecht waren. Nach Oberschenkelbrüchen konnten nur neun Prozent(!) und nach Unterschenkelbrüchen nur 20 Prozent ohne Minderung der Erwerbstätigkeit geheilt werden. Die übrigen Patienten mussten wegen Verkürzungen, Versteifungen und anderen Komplikationen fortdauernd finanziell entschädigt werden. Böhler erkannte hier sofort die Chance für seine Behandlungsmethoden im Frieden. Mit einer detailliierten Kosten-Nutzen-Rechnung konnte er 1919 den Verantwortlichen der Unfallversicherung beweisen – Böhler verbürgte sich sogar dafür –, dass er mit seinen Methoden nicht nur den Unfallopfern besser helfen, sondern auch den enormen volkswirtschaftlichen Schaden durch die Rentenzahlungen um 50 bis 70 Prozent verringern konnte. 1925 hatten sich die nach dem Krieg katastrophalen wirtschaftlichen Verhältnisse in Österreich soweit stabilisiert, dass man Böhler den Auftrag erteilte, in Wien ein Unfallkrankenhaus einzurichten. Am 1. Dezember 1925 wurde in der Webergasse 2 das erste Unfallkrankenhaus der Welt mit 140 Betten eröffnet. Aber das ist wiederum eine andere Narrenturmgeschichte.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 37/2007

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