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Orthopädie 30. Oktober 2007

Überwältigender Erfolg (Narrenturm 112)

Am 1. Dezember 1925 wurde das bereits seit 1919 geplante Krankenhaus für Arbeitsunfälle – das erste Unfallkrankenhaus der Welt – in Wien eröffnet. Hier konnte Lorenz Böhler (1885– 1973) seine Vorstellungen von Unfallheilkunde in Friedenszeiten verwirk­lichen.

 Böhler-Krankenhaus
Die Krankenanstalt in der Wiener Webergasse, mit der Lorenz Böhler weltberühmt wurde.

Foto: Regal/Nanut

Lorenz Böhler hatte den Direktoren der Arbeiterunfallversicherungsanstalt versprochen, die Ausgaben für Versehrtenrenten um 50 bis 70 Prozent zu senken und zugleich den verletzten Menschen besser zu helfen, sofern er die Frischverletzten so behandeln könnte, wie er es 1916 im Kriegsspital in Bozen gezeigt hatte. In der Krankenanstalt im 3. und 4. Stock der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt in der Webergasse 2 im 20. Wiener Gemeindebezirk konnte Böhler nun sein Versprechen einlösen.

Die Statistiken gaben ihm Recht

Die Krankenanstalt in der Webergasse wurde zum Vorzeigeinstitut. Mit diesem Haus wurde Lorenz Böhler weltberühmt. Er schuf hier nicht nur ein bis ins Kleinste durchorganisiertes Unfallspital, sondern auch eine Lehr- und Forschungseinrichtung für Unfallheilkunde. Böhler und seine Schüler hatten an fast allen Fortschritten der Unfallheilkunde ihren Anteil: Schockbehandlung, Infusions- und Transfusionstherapie sowie Behandlung von schweren Verbrennungen und Erfrierungen. Auch die Rehabilitation war für Böhler bereits eine Selbstverständlichkeit.
Kurz nach der Eröffnung seines Spitals begann Böhler Kurse für Ärzte zu halten. Seine ersten Schüler in der Webergasse waren junge amerikanische Ärzte. Die „American Medical Association of Vienna“ ersuchte Böhler im Jahr 1927, ein Skriptum über seine Kurse in Unfallkeilkunde zu verfassen. Böhler schrieb für die Studenten ein englisches, 17 Seiten starkes Manuskript. Und dann hatte er eine glorreiche Idee: Eigentlich müssten ja auch deutsche Ärzte und Studenten an so einem kleinen Lehrbuch der Unfallheilkunde interessiert sein.
Und wie alles, was sich Böhler einmal in den Kopf gesetzt hatte, führte er auch dies unbeirrt durch. Er verfasste ein kleines Lehrbuch und nannte es Die Technik der Knochenbruchbehandlung. Aber alle medizinischen Verlage lehnten es ab. Böhler war aber so von seinem Buch überzeugt, dass er es 1929 im Selbstverlag auf eigene Kosten drucken ließ und es dem Buchhändler Maudrich in Wien zum Verkauf gab. Kurze Zeit später war die Auflage ausverkauft. Die zweite Auflage brachte Maudrich – Wilhelm Maudrich jun. gründete angesichts des Erfolges von Böhlers Buch 1929 seinen Verlag für medizinische Wissenschaften in Wien – bereits selbst heraus und landete damit einen Weltbestseller. Kurze Zeit später erschien das Buch in englischer, französischer, spanischer, russischer, italienischer, ungarischer und sogar chinesischer Übersetzung.
Unermüdlich arbeitete Böhler an seinem Werk, verbesserte und ergänzte es ständig. In den 1960er Jahren erschien das Buch bereits in drei Bänden mit insgesamt 2.500 Seiten und 3.000 Abbildungen. Im Vorwort zur ersten Auflage von 1929 schrieb Böhler: „Im vorliegenden Buch habe ich Erfahrungen niedergelegt, die ich im Verlaufe von 19 Jahren bei Behandlungen von mehr als 10.000 Knochenbrüchen, beim Studium von ungefähr 70.000 Röntgenbildern und (hauptsächlich während des Krieges) bei der anatomischen Zergliederung von mehr als 300 Brüchen der langen Röhrenknochen sowie beim Unterrichten von Hunderten von Ärzten gesammelt habe.“

Mit Feile, Säge und Beil

Von den Ärzten, die sich der Unfallheilkunde widmen wollten, forderte er – für viele Chirurgen eine unglaubliche Zumutung: „Sie müssen nicht nur operieren können, sondern sie müssen auch verstehen, mit Hammer und Zange, mit Bohrer und Feile, mit Säge und Beil umzugehen“. Dass dies bei den klassischen Chirurgen – ihr Fach hatte sich ja vor gar nicht so langer Zeit erst mühsam vom Handwerk zur ärztlichen Wissenschaft gemausert – oft nicht so gut ankam, ist verständlich. Manche Kollegen befürchteten damit sogar einen Rückschritt ihres Faches zum Handwerk.

Tag und Nacht erreichbar

Der Erfolg gab Böhler aber Recht. Nach einer Statistik in den 1960er Jahren kehrten damals 98,28 Prozent der Arbeitsunfallverletzten ohne schwere Minderung ihrer Erwerbstätigkeit an ihre Arbeitsplätze zurück. Dagegen konnte schwer argumentiert werden. Obwohl er nie einen eigenen Lehrstuhl für Unfallheilkunde innehatte, wurde er der Lehrmeister tausender Unfallchirurgen auf der ganzen Welt. Böhlers steter Wunsch nach einer eigenen Lehrkanzel für Unfallchirurgie erfüllte sich an der Universität Wien erst 1972, ein Jahr vor seinem Tod. „Sein“ Arbeiterunfallkrankenhaus in der Webergasse leitete Böhler, der in der Anstalt auch wohnte, um Tag und Nacht sofort erreichbar zu sein, 38 Jahre lang. Unfallkrankenhäuser nach dem Modell der Webergasse entstanden praktisch auf der ganzen Welt.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 38/2007

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