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Orthopädie 12. Dezember 2006

Bewegung ist ein Schmerzmedikament

Die Zeiten, in denen im akuten Schub der Polyarthritis oder bei Arthrose vollkommene Ruhigstellung empfohlen wurde, sind vorbei. Heute weiß man, dass Bewegung – in einer der Krankheitsphase angepassten Intensität – ein Teil der Therapie ist. Nicht zuletzt steigt mit der Bewegung die Lebensqualität des Patienten. Und genau das ist mindestens ebenso wichtig wie das Training von Gleichgewicht und Koordination, betont Prim. Prof. DDr. Mag. Anton Wicker im Gespräch mit rheuma plus.

Welche Sportarten sind bei Rheuma erlaubt?
Wicker: Auch bei den entzündlichen rheumatischen Erkrankungen wissen wir heute, dass aktive Bewegung gut ist. Es kommen Bewegungen in Frage, die nicht zu belastend sind und bei denen kein lang anhaltender Druck ausgeübt wird, also Gehen, Bewegen im Wasser, auch Radfahren – da bietet sich der Hometrainer an, den man nicht lenken muss und wo man die Hände auflegen kann. Tanzen – ein langsamer English Waltz, nicht Rock ’n’ Roll mit Salto – ist ebenso zu empfehlen, auch gemütliches Schilanglaufen, Turnen und Gymnastik. Freilich kenne ich auch Patienten mit Polyarthritis, die gerne Golf oder Handball spielen. Wenn es ihnen gut tut, dann ist dagegen nichts einzuwenden. Ich bin gegen Verbote, man muss die Psyche der Menschen berücksichtigen, es steigert ja auch ihre Lebensqualität. Eher abzulehnen sind die Kampfsportarten Karate und Judo, auch Fußball ist nicht zu empfehlen.

Was empfehlen Sie bei Patienten, die in einem akuten Schub sind?
Wicker: Da sind natürlich die Belastungen, die der Körper verträgt, völlig anders. Zusätzlich zu kühlen Umschlägen sind vorsichtige, langsame Bewegungen empfehlenswert. Eine komplette Ruhigstellung mit rein passiver Bewegung wird fast nicht mehr empfohlen. Wenn jemand immense Beschwerden hat, dann hilft der Physiotherapeut dem Patienten sich zu bewegen. Wobei heute nicht mehr nur das arthritische Gelenk durchbewegt wird. Wichtig ist, die ganze Bewegungskette, das Bewegungsmuster zu üben. Das Knie soll ja nicht um des Beugens willen gebeugt werden. Diese Bewegung ist notwendig, um aufstehen oder sich hinsetzen zu können. Diese Bewegungsmuster sollten auch in der akuten Phase möglichst erhalten und deshalb geübt werden. Sobald es wieder geht und der Patient das Gefühl hat, er möchte hinaus und sich bewegen, in der Natur oder eventuell in einer Gruppe, wo man ganz leichte Bewegungsübungen, Gymnastik macht, dann sollte er das tun. Ein erster Schritt zu einer späteren sportlichen Bewegung ist die Kräftigung der Muskeln; das kann man z.B. mit Gummibändern sehr gut. Wichtig ist auch, die Koordination zu schulen, die unmittelbar mit dem Gleichgewicht zusammenhängt. Da kann man heute auch z.B. die Therapiekreisel anwenden, mit denen man auch Gleichgewichtsübungen in das physiotherapeutische Programm einbezieht.

Soll der Patient Sport ausüben, wenn er Schmerzen hat?
Wicker: Bewegung ist ein Schmerzmedikament. Dadurch kommt es zu einer Senkung der Entzündungsmediatoren, körpereigene schmerzhemmende Stoffe werden ausgeschüttet, Flüssigkeiten besser abtransportiert. Auch leiten die Drucknozizeptoren und die chemischen Sensoren, die den Schmerz melden, Reize weniger intensiv weiter. Dazu kommt, dass die Menschen auch psychisch wieder aufgebaut werden, wenn sie sich wieder bewegen können, wenn sie wahrgenommen werden.
Wenn aber die Intensität der sportlichen Betätigung zu hoch ist, dann reagiert der Körper unmittelbar und die Schmerzen nehmen bei Bewegung zu. Ich sage meinen Patienten: Sie müssen das Gefühl nach einer Bewegungs- oder Sporteinheit haben, zwar ein bisschen geschafft und müde zu sein, dass es ihnen aber gut getan hat. Hat man das Gefühl, für die Bewegung mit Schmerzen büßen zu müssen, dann war die Intensität zu hoch.

Was gilt für Arthrosepatienten?
Wicker: Bei Arthrose wissen wir heute, dass die Ruhigstellung eines Gelenks der beste Weg zur Arthrose ist. Die Durchmischung mit der Gelenkflüssigkeit ist durch Bewegung besser. Zudem wird die Stabilisierungsfähigkeit trainiert. Wenn man alten Menschen sagt, sie sollen nur ruhig sitzen bleiben, werden sie zudem unsicher, fürchten sich davor, eine Treppe hinunterzugehen, darauf folgt dann die Vermeidung. So wird das ein Teufelskreis. Bewegung – Gehen, Radfahren auf dem Hometrainer – und Koordinationstraining ist also auch bei Arthrose gut.

Ist es günstig, in der Früh trotz der typischen Anlaufschwierigkeiten Gymnastik zu machen?
Wicker: In der Nacht werden die Stoffwechselfunktionen heruntergefahren, das Bindegewebe schwillt an, Entzündungsreize gewinnen die Oberhand. Bei einer Autoimmunerkrankung wie der rheumatoiden Arthritis mit erhöhten Entzündungsmediatoren ist das umso stärker. Man sollte nicht aus dem Bett heraushüpfen und sofort lostrainieren, sondern langsam Schritt für Schritt durch Bewegung die Muskelpumpe aktivieren, um damit den Lymphfluss wieder zu steigern und die Abfuhr von Stoffwechselzwischen- und -endprodukten zu beschleunigen.

Elisabeth Tschachler-Roth, rheuma plus 4/2006

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