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© Istmobil
Abb. 2: Diese Tafel kennzeichnet einen von 800 Sammelhaltepunkten in 17 von 19 Gemeinden im Bezirk Korneuburg, NÖ.
© Gurtner

Abb. 1: Bürgerbus St. Georgen: Mit etwa 20 ehrenamtlichen Helfern – größtenteils agile Pensionisten – werden regelmäßige Fahrten organisiert.

©  ITN

Abb. 3: Bei ITN (USA) ist gegen einen kleinen monatlichen Mitgliedsbeitrag ein Fahrdienst rund um die Uhr möglich.

 
Orthopädie 20. November 2015

Im Alter nicht festgefahren

Expertenbericht: Mobilität ist ein entscheidender Faktor für die Lebensqualität und muss für Menschen mit Bewegungseinschränkung genauso gewährleistet bleiben wie für die jüngere Generation.

Bis ins hohe Alter mobil sein, ist ein Grundbedürfnis des Menschen und gilt als Voraussetzung für die Teilnahme im sozialen Geschehen der Gesellschaft. Die mangelnden Angebote von öffentlichen Verkehrsmitteln in den ländlichen Regionen hat dazu geführt, dass sich eine Vielfalt an Initiativen entwickelt hat, die brauchbare Fahrtendienstlösungen anbieten. Diese ermöglichen Menschen mit altersbedingten Bewegungseinschränkungen ein langes selbstbestimmtes Leben im gewohnten Umfeld. Drei Best-Practice-Beispiele zeigen, wie eine würdevolle Mobilität ohne Führerschein funktionieren kann.

Gibt es ein Leben „nach dem Führerschein“? Immer mehr Menschen können, wollen oder dürfen aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters oder chronischer Erkrankungen und den damit verbundenen Beeinträchtigungen nicht mehr selber mit dem Auto fahren. Doch wie kann für diese immer größer werdende Gruppe eine würdevolle Mobilität gewahrt bzw. organisiert werden?

Ein Blick auf die demografische Ausgangslage macht klar: Der Anteil der Älteren nimmt stark zu. Aktuell leben in Österreich 750.000 Menschen, die älter als 75 Jahre sind. Bis 2040 wird diese Zahl auf 1.372.000 ansteigen (siehe Grafik Statistik Austria). Die Mobilitätsbedürfnisse sind dabei so unterschiedlich und facettenreich wie die Menschen selber. Bis ins hohe Alter mobil sein, ist ein fundamentales Grundbedürfnis der Menschen: „Ohne Auto bin ich aufgeschmissen“, hören wir nur allzu oft von betagten Mitgliedern. Tatsächlich gilt individuelle Mobilität als Voraussetzung für eine soziale Teilhabe. Während im städtischen Umfeld öffentliche Verkehrsmittel oder Taxis viele Wege ermöglichen und das Auto ersetzen können, ist es auf dem Land für „Führerscheinlose“ wesentlich schwieriger, die gewünschten bzw. notwendigen Fahrten zu organisieren.

Doch in den letzten Jahren hat das mangelnde Angebot an öffentlichen Verkehrsmitteln in den ländlichen Regionen zu einer erstaunlichen Vielfalt an Initiativen geführt, die brauchbare Mobilitätslösungen anbieten. Diese sind in der Regel auf regionaler Ebene angesiedelt und beruhen meist auf Aktionen der Kommunen oder Initiativen von engagierten Bürgern. Im Folgenden stellen wir drei in der Praxis bewährte Initiativen vor – auf lokaler, regionaler sowie internationaler Ebene.

1. Bürgerbus St. Georgen bei Salzburg

Die 2.900 Einwohner zählende Gemeinde St. Georgen setzt sich aus 17 weitverstreuten Weilern zusammen. Hier leben viele ältere Personen, aber auch Familien mit kleinen Kindern, in deren Haushalt aus wirtschaftlichen Gründen nur ein Auto vorhanden ist. Das Angebot an öffentlichen Anbindungen ist dürftig, wichtige Ziele wie Nahversorger oder Behörden sind ohne Auto nur sehr eingeschränkt erreichbar. Um diese Lücken zu schließen, wurde im März 2014 auf Initiative der Gemeinde und mit Fördergeldern aus dem Klimafonds ein Bürgerbus angeschafft. Gut 20 ehrenamtliche Helfer – größtenteils agile Pensionisten – organisieren regelmäßige Fahrten zu Supermärkten, Ärzten, Veranstaltungen oder auch zu Stammtischen. Eine Fahrt innerhalb der Gemeinde bzw. in die umliegenden Gemeinden kostet 1,50 Euro. Seit Kurzem gibt es auch Geschenkgutscheine, die bei den Fahrten eingelöst werden können.

Pro Monat werden rund 200 Fahrten durchgeführt. Nach eineinhalb Jahren Betrieb sind die Erfahrungswerte rundum positiv, hier ist etwas gelungen, was richtungsweisend für viele vergleichbare Gemeinden sein könnte. Für dieses Vorzeigeprojekt wurde die Gemeinde St. Georgen mit dem Salzburger Regionalitätspreis 2014 ausgezeichnet (Mehr unter www.stgeorgen-mobil.at/ wp/).

Wesentlich umfassender im Angebot und Einsatzradius ist das nächstes Beispiel.

2. „ISTmobil“ in Niederösterreich

Seit April 2015 bietet die „ISTmobil“ GmbH ein flächendeckendes Mobilitätsangebot im Bezirk Korneuburg. Während fixer Betriebszeiten (meist von 6:00 bis 22:00 Uhr) kann telefonisch, via Internet und ab Dezember auch per App ein Anruf-Sammel-Taxi mit Fahrer angefordert werden, das bei fixen Anschlusspunkten Personen mitnimmt. Innerhalb des Einsatzgebietes sind knapp 800 Sammelhaltepunkte installiert, die mit einer speziellen Tafel gekennzeichnet sind (siehe Abb. 2).

Das System können alle Einwohner nutzen, eine kostenlose Mobil-Card bietet zusätzliche Leistungen wie eine monatliche Abrechnung oder Online-Buchung. Das Einsatzgebiet umfasst aktuell 17 von 19 Gemeinden im Bezirk Korneuburg. Zudem werden auch Bahnhöfe außerhalb des Bezirks und die Wiener Linien angefahren.

Je mehr Fahrgäste, desto billiger wird’s: Der Preis orientiert sich an den Tarifen für öffentliche Verkehrsmittel und richtet sich nach der Distanz und der Anzahl der mitfahrenden Personen. Eine Fahrt bis zu 5 km kostet für eine Person 4,– Euro, für zwei Personen nur mehr je 3,– Euro und ab vier Personen je 2,20 Euro. Für mobilitätseingeschränkte Personen bietet ISTmobil ebenfalls eine bedarfsgerechte Lösung. Diese Fahrgäste werden unkompliziert von daheim abgeholt und auch wieder nach Hause zurückgebracht.

Das Projekt hat sich in dem Bezirk Korneuburg bereits in der Praxis bewährt, mittlerweile nutzen monatlich mehr als 1.500 Kunden dieses Service. Das Land Niederösterreich unterstützt dieses Projekt mit 46 Prozent, das sind rund 200.000 Euro für die nächsten drei Jahre (Mehr unter www.istmobil.at/)

Abschließend kann eine Initiative aus den USA vorgestellt werden.

3. ITN-America

Diese Initiative steht unter dem Motto: „Dignified Transportation for Seniors“, also eine wertschätzende und würdevolle Mobilität für ältere Menschen.

Zur Vorgeschichte: Ein Unfall im Jahr 1988 hat das Leben von Katharine Freund aus Portland, USA, völlig verändert. Ihr dreijähriger Sohn wurde von einem 84-jährigen Autofahrer niedergestoßen und lebensgefährlich verletzt. Der Mann fuhr einfach weiter und gab später an, er habe den Jungen für einen kleinen Hund gehalten. Der Bub ist erfreulicherweise wieder völlig gesund geworden, doch Katherine Freund erkannte die eigentliche Problematik dieses Unfalls – nämlich die Tatsache, dass es für ältere Menschen in den USA kaum Alternativen zum Auto gibt. Deshalb gründete sie ITN (Independent Transportation Network), eine Non-Profit-Organisation, deren Ziel es ist, kostengünstige Fahrten für über 60-Jährige zu ermöglichen.

Gegen einen kleinen monatlichen Mitgliedsbeitrag kann rund um die Uhr ein Auto mit Fahrer bestellt werden, das einen von der Tür abholt und auch wieder nach Hause bringt. Die Fahrer unterstützen die Menschen am Weg zum Fahrzeug sowie beim Aus- und Einsteigen, deshalb können auch Personen mit eingeschränkter Mobilität diesen Dienst problemlos nützen.

Die einzelnen Fahrten werden zusätzlich zur Mitgliedschaft monatlich abgerechnet, sind aber deutlich günstiger als normale Taxifahrten. Die Fahrer engagieren sich ehrenamtlich, Trinkgelder sind verboten, aber durch das ehrenamtliche Engagement können Punkte gesammelt werden, die später, wenn man selber das Service nutzen will, eingelöst werden können. Auch erwachsene Kinder haben auf diese Weise die Möglichkeit, für ihre Eltern Gutschriften zu sammeln.

Insgesamt gibt es 28 Teilorganisationen, der Schwerpunkt liegt an der Ostküste der USA. Pro Jahr führt diese Initiative rund 500.000 Fahrten durch. Genutzt wird das Service in erster Linie von den einkommensschwachen Schichten (Mehr unter: http://itnamerica.org/).

Nachhaltige Konzepte gefragt

Die drei ausgewählten Beispiele sollen einen Einblick in die Vielzahl jener Initiativen geben, die eine würdevolle Mobilität auch ohne Führerschein ermöglichen. Die eingangs erwähnten demografischen Zahlen zeigen, dass zukunftsweisende und nachhaltige Konzepte gefragt sind, die eine selbstbestimmte Mobilität ermöglichen. Immer mehr Gemeinden organisieren sogenannte Mikro- ÖV-Systeme wie Anruf-Sammeltaxis, Carsharing, Rufbusse oder Bürgerbusse, um vorhandene Mobilitätslücken zu schließen. Dies zeigt auch eine Suchrecherche im Google unter dem Begriff „Bürgerbus“, wo alleine aus Österreich mehr als 22.000 Einträge angezeigt werden.

Ein nicht unbedeutender Nebeneffekt ist die Stärkung des Zusammenhalts im Gemeindeleben. Ältere Menschen können wieder selbstständig mobil sein. Sie können leichter soziale Kontakte pflegen und Alltagsziele wie Geschäfte oder einen Arzt erreichen. Diese kleinräumigen Mobilitätsangebote stärken die regionale Wirtschaft, weil mehr Kaufkraft im Ort bleibt, sie erhöhen die Lebensqualität in der Region und machen Gemeinden für Zuziehende attraktiv. Im Idealfall werden Bürgerbusse zu Kommunikationszentren, die Lenker zur Informationsdrehscheibe. Und ganz nebenbei werden Familien von den zum Teil zeitintensiven Hol- und Bringdiensten entlastet.

Entscheidend für den Erfolg dieser Initiativen ist die Mobilisierung von genügend ehrenamtlichen Helfern sowie die Unterstützung durch Gemeinden und Behörden. Auch der ÖAMTC als größter Mobilitätsclub Österreichs richtet seine Angebote und Services zunehmend auf die Bedürfnisse dieser wachsenden Mitgliedergruppe aus. Denn eines ist sicher: Die Nachfrage nach alternativen Mobilitätsformen wird weiterhin permanent steigen und damit zur großen Herausforderung für uns alle.

Die korrespondierende Autorin Aloisia Gurtner, BA ist beim Salzburger Automobil-, Motorrad- und Touring Club (ÖAMTC) in der Abteilung Kommunikation/ Verkehrssicherheit tätig.

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Aloisia Gurtner und Erich Lobensommer, Ärzte Woche 47/2015

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