zur Navigation zum Inhalt
© RRF / fotolia.com
 
Orthopädie 22. April 2013

Überdiagnostik im Kreuz

Lumbales MRT ist meist nicht angebracht.

Nur rund 44 Prozent der Magnetresonanztomografien, die in der Diagnostik lumbaler Beschwerden angeordnet werden, erfolgen laut einer kanadischen Studie zu Recht.

Eine Forschergruppe um den Radiologen Derek Emery (Alberta) hat die Angemessenheit von MRT anhand einer Methode beurteilt, die von der US-Denkfabrik RAND (Research and Development) und der University of California, Los Angeles, entwickelt worden ist. Dabei wird ein Expertenpanel von Fachleuten eines Bereichs gebildet, die aufgrund der vorliegenden Daten den Einsatz einer Maßnahme mit einer Punktzahl von 1 bis 9 belegen.

Als unangemessen gilt der Einsatz bei ohne Dissens vergebenen Punktzahlen von 1 bis 3, als angemessen bei Punktzahlen von 7 bis 9. Liegt der Median der verteilten Punkte zwischen 4 und 9 oder herrscht – bei welchem Median auch immer – Uneinigkeit unter den Experten, wird die Angemessenheit der Maßnahme als fraglich beurteilt.

Wirbelsäule und Schädel im Vergleich

1.000 lumbale MRT und 1.000 MRT-Aufnahmen des Schädels, letztere zur Abklärung von Kopfschmerzen, wurden gemäß diesen Vorgaben unter die Lupe genommen. Das Prädikat „angemessen“ erhielten 443 lumbale Tomografien, 285 waren von fraglichem Wert, in 272 Fällen konnten die Experten unisono keinen Nutzen der MRT erkennen. Nur eine Indikation im Lumbalbereich war weitgehend unumstritten. Sie betraf 167 Patienten, bei denen postoperative Bein- oder Rückenschmerzen bestanden. 160 dieser MRT-Untersuchungen (95,8%) galten den Fachleuten als adäquat. Bei den sonstigen Anlässen für die MRT-Diagnostik lagen Radikulopathien an der Spitze; auf sie entfielen 29,6 Prozent der MRT im Lumbalbereich.

Hausärzte sind Hauptüberweiser

Die meisten der Überweisungen zur Lumbal-MRT, insgesamt 61,1 Prozent, stammten von Allgemeinärzten. Nur 33,9 Prozent davon galten als adäquat. Den höchsten Anteil an Angemessenheit erzielten Neurochirurgen mit 75,7 Prozent. Andererseits bedeutet dies, dass selbst jede vierte neurochirurgisch veranlasste MRT nicht oder womöglich nicht notwendig war.

Ganz anders die Situation bei den MRT im Kopfbereich. Angemessen war der Kernspin-Einsatz hier in 82,8 Prozent der Fälle. Als fraglich wurden 8,2 Prozent, als überflüssig neun Prozent der Untersuchungen eingestuft. Anlass für die MRT waren weit überwiegend nicht näher spezifizierte Zephalgien (43,3%). Auch hier waren Allgemeinmediziner mit 53,1 Prozent die Hautüberweiser. 10,4 Prozent ihrer Überweisungen zum Kopf-MRT waren unangemessen, die Quote unterschied sich kaum von jenen anderer Fachgruppen. Bei der hohen Zustimmungsrate hinsichtlich der Schädel-MRT ist allerdings zu berücksichtigen, dass die meisten Patienten zuvor bereits eine Computertomografie hinter sich gebracht hatten und also entsprechend vorselektiert waren.

Lumbal-MRT korreliert schlecht mit Beschwerden

„Die hohe Rate nicht angebrachter oder nur fraglich indizierter MRT überrascht uns nicht“, schreiben die Autoren im Resümee ihrer Studie. Schließlich habe die Zahl von Tomografien der lumbalen Wirbelsäule in den vergangenen Jahren dramatisch zugenommen. Andererseits sei erwiesen, dass MRT-Befunde und klinische Zeichen sowie Symptome in diesem Bereich nur sehr schlecht korrelieren.

Folgt man den Ergebnissen der kanadischen Studie, sind viele der bei Kreuzbeschwerden veranlassten MRT-Untersuchungen unnötig. Andererseits könnte es sein, dass ein Gutteil der Patienten mit geeigneter Indikation nicht in den Tomografen geschoben wird.

Originalpublikation:

Emery DJ et al.: JAMA Intern Med 2013, online 25. März

springermedizin.de, Ärzte Woche 17/2013

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben