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Orthopädie 6. Juni 2012

Vision wird Wirklichkeit

Mit „Impaction Grafting“ werden Hüftgelenksprothesen in echter Knochenmasse befestigt. Ein späterer Austausch des Implantats wird dadurch wesentlich vereinfacht.

Experten fordern die breite Anwendung dieses neuen Verfahrens, weil es vor allem jüngeren Patienten die Möglichkeit eines weiteren, schonenden Prothesentausches offenhält – im Gegensatz zu den komplikationsträchtigen bisher gängigen Verfahren.

Durch die stetig steigende Lebenserwartung und die Tatsache, dass Hüftgelenksendoprothesen heute auch zunehmend jüngeren Patienten eingesetzt werden, müssen immer mehr künstliche Hüftgelenke im Lauf der Zeit ausgetauscht werden, bei manchen Patienten bis zu vier Mal.

„Während herkömmliche Verankerungsmethoden mit Zement oder Metallbefestigungen die verbliebene Knochensubstanz schädigen und daher jede weitere Revisionsoperation immer schwieriger machen, wird die Prothese mit der neuen Technologie des Impaction Grafting zementfrei im Knochen verankert“, erklärt Prof. Dr. Dieter Christian Wirtz, Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie, Universitätsklinik Bonn. „Der Knochendefekt wird durch fremdes Knochenmaterial ersetzt, das sich dann im weiteren Verlauf umbauen soll. Die Option einer biologischen Knochenrekonstruktion ist damit Wirklichkeit geworden – ein enormer Fortschritt, der für alle Patienten, bei denen er anwendbar und aufgrund ihres Alters sinnvoll ist, zum Standard werden sollte.“

Prothesenlockerung als Komplikationsquelle

Das Problem des mehrfachen Prothesenwechsels ist die zunehmende Aushöhlung des Oberschenkelknochens durch die bisher gängigen Zement- und/oder Metallverankerungen, sodass die Befestigung des jeweils neuen Gelenksersatzes immer schwieriger und schließlich ganz unmöglich wird. „Wenn immer größere Teile des Oberschenkelknochens durch Metall ersetzt werden müssen, steigt die Infektionsrate von unter einem Prozent auf bis zu 25 Prozent.“ Die fehlenden Muskelansätze am Knochen führen zu Beeinträchtigungen beim Gehen sowie zu Luxations-Raten von bis zu 30 Prozent.

Wenn schließlich der gesamte Oberschenkelknochen durch eine Prothese ersetzt werden muss, ist zur Ankoppelung an den Unterschenkel auch eine Kniegelenksprothese nötig, was zwar das Bein erhält, aber ein normales Gangbild unmöglich macht.

Man sucht daher schon lange nach knochenschonenderen Prothesenverankerungen. Die Vision der Forscher war es, Knochen dazu anzuregen, sich um die Prothese neu zu bilden und in diese einzuwachsen. Die Erfolge waren allerdings bescheiden, bis zur Entwicklung der neuen Methode des zementfreien Impaction Grafting: Schwammartiges Knochenmaterial, das anderen Patienten beim Einsetzen einer Gelenksprothese entnommen wurde, wird zusammengepresst und mit Druck in die Röhre des Oberschenkelknochens eingebracht. Die zementfreie Prothese kann so in einer festen, komprimierten Masse aus Biomaterial verankert werden. „Bei ausreichender Durchblutung bewirkt diese Verdichtung, dass der eigene Knochen der Patienten den fremden annimmt, sich umbaut und in ihn einwächst“, so Wirtz. „Sollte ein weiterer Prothesentausch nötig werden, ist die Ausgangslage durch das aufgebaute Knochenlager signifikant besser.“

Mehrkosten zahlen sich aus

Jetzt soll es gelingen, dass Impaction Grafting zum allgemeinen Behandlungsstandard wird. Wirtz: „Wo immer eine biologische Knochenrekonstruktion aufgrund des Zustands des Knochens, der Durchblutung und des Alters des Patienten möglich und sinnvoll ist, sollte sie auch eingesetzt werden.“ Die Operation sei zwar langwieriger und teurer, und auch der Umbau des Knochens dauere länger als die Aushärtung des gewohnten Zements. „Dafür wird aber der nächste Prothesentausch einfacher, schonender, mit weniger Komplikationen und daher letztlich auch kostengünstiger.“

Quelle: Presseaussendung zum Europäischen Orthopädie-Kongress EFORT, 23.-25. Mai 2012, Berlin

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