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Die eher seltene Gelenklisteriose häuft sich bei Implantatträgern.
 
Orthopädie 10. Februar 2012

Implantat als Keimfänger

Künstliche Hüfte und Knie – Brutstätten für Listerien?

Die Infektion mit Listeria monocytogenes birgt für ältere Patienten ein besonderes Risiko: die Gelenklisteriose. Diese an sich seltene Erkrankung scheint sich bei Trägern künstlicher Knie- oder Hüftgelenke in letzter Zeit zu häufen. Wie eine französische Studie zeigt, kann man in solchen Fällen – zusätzlich zu einer suffizienten Antibiotikatherapie – nur eines tun, um einen langwierigen Verlauf abzuwenden: das Implantat entfernen.

 

Die Zahl der Listeriosefälle in Europa ist in den letzten Jahren deutlich angestiegen. Unter den Betroffenen finden sich zunehmend ältere Menschen, von denen viele künstliche Hüft- oder Kniegelenke tragen. Diese Entwicklung war für das Team um Caroline Charlier vom französischen Referenzzentrum für Listerien Anlass, speziell die mit einer Knochen- oder Gelenklisteriose assoziierten Risikofaktoren bei einem älteren Patientenkollektiv zu untersuchen.

Die Forscher identifizierten retrospektiv 43 Patienten mit septischer Arthritis, Osteomyelitis oder periprothetischer Infektion, bei denen Listerien in Knochen- oder Gelenkproben nachgewiesen worden waren. Das durchschnittliche Patientenalter lag bei 72 Jahren. 84 Prozent trugen orthopädische Implantate, das waren neben 34 künstlichen Gelenken auch zwei interne Knochenfixationen. Die meisten Fälle, nämlich 74 Prozent, verliefen subakut, 45 Prozent der Patienten hatten kein Fieber entwickelt, infektionsbedingte Todesfälle wurden nicht registriert. Die Forscher gehen in den meisten Fällen von einer klinisch stummen transienten Bakteriämie aus, in deren Verlauf sich um das Implantat herum Erreger einnisteten.

Gefahr bei Einnahme von TNF-alpha-Blockern

Für Charlier und ihr Team ergeben sich aus den Daten vor allem folgende Botschaften: Höheres Alter (> 60 Jahre) und Gelenkimplantate sind mit Anteilen von 88 Prozent bzw. 84 Prozent die wichtigsten Risikofaktoren für eine Knochen- oder Gelenklisteriose. Eine Immunsuppression oder Therapie mit Kortikosteroiden spielte in dieser Population eine geringere Rolle (33%). Eine rheumatoide Arthritis, in der französischen Studie bei 16 Prozent der Patienten diagnostiziert, schien das Risiko einer Gelenk- oder Knochenlisteriose ebenfalls zu erhöhen, wobei dies möglicherweise auf die antirheumatische Therapie mit TNFα-Blockern zurückzuführen war. Erst im September 2011 hat die US-amerikanische Food and Drug Administration (FDA) unter anderem auf die Gefahr einer Listerieninfektion bei Einnahme dieser Immunsuppressiva hingewiesen.

Ganz entscheidend für den Erkrankungsverlauf ist offenbar die chirurgische Entfernung des infizierten Implantats. In der Studie versagte die Therapie mit Antibiotika nur bei fünf Patienten; bei all diesen war das Fremdmaterial im Körper verblieben.

Die Forscher waren davon ausgegangen, dass sich in den Proben der Patienten gehäuft Stämme finden, die in der Lage sind, einen „Biofilm“ zu bilden, eine Art Schleimschicht, die die Keime vor Antibiotika schützt. Diese Vermutung bestätigte sich in der Studie nicht. Nichtsdestotrotz begünstigen die Implantate nach Ansicht des Teams die Bildung von „Nischen“, welche nicht nur der Biofilmbildung förderlich sind, sondern auch für reduzierten Blutfluss sorgen und darüber hinaus die Phagozytose hemmen.

Der Studienzeitraum erstreckte sich über insgesamt achtzehn Jahre. Dabei war die Zahl der Fälle mit Knochen- oder Gelenklisteriose vor allem ab 2008 deutlich gestiegen. Nach Charlier spiegelt das die wachsende Prävalenz von Risikofaktoren wider, sowohl für die Listeriose als auch für septische Arthritiden: Nicht nur das Durchschnittsalter der Patienten habe zugenommen, sondern auch die Zahl der Gelenkimplantationen und die Häufigkeit von immunsuppressiven Therapien.

Literatur:

Caroline Charlier et al. Listeria monocytogenes-Associated Joint and Bone Infections: A Study of 43 Consecutive Cases. Clin Infect Dis. (2012) 54(2): 240-248 first published online November 18, 2011 doi:10.1093/cid/cir803

Springermedizin.de
, Ärzte Woche 6 /2012

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